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08/27/2020

Sony WH-1000XM4 im Test: Der derzeit beste Kopfhörer

Wenn man die beste Geräuschunterdrückung am Markt mit Fotos von Ohren kombiniert, ist das Ergebnis purer Genuss.

von Gregor Gruber

Der Sony WH-1000XM4 (379 Euro) schaut genauso aus wie das Vorgängermodell. Er kostet auch das Gleiche. Trotzdem verspricht Sony Verbesserungen und wirft dabei mit Begriffen wie „Edge-AI“, „360 Reality Audio“ und „DSEE Extreme“ um sich.

Was hinter dem Marketing-Blabla wirklich steckt: Der derzeit beste, geräuschunterdrückende Over-Ear-Kopfhörer am Markt.

Eng anliegend

Damit die aktive Geräuschunterdrückung gut funktioniert, muss die passive Geräuschunterdrückung gut funktionieren – also das mechanische Abschotten des Ohrs von der Außenwelt. Das macht der WH-1000XM4 durch einen hohen Anpressdruck. Der ist zwar nicht so stark wie bei manchen anderen Modellen aber auch nicht so schwach, dass man gar nicht wahrnimmt.

Die dicken Ohrpolster und der Polster am Bügel sorgen aber dafür, dass dies nicht unbequem ist. Allerdings ist der Druck noch so stark, dass ich nach mehreren Stunden durchgängiger Nutzung eine Kopfhörerpause brauche. Das Größer- und Kleinerstellen des WH-1000XM4 wirkt sich nicht auf den Druck aus – der bleibt konstant hoch.

Ein Vorteil davon: Der WH-1000XM4 sitzt gut am Kopf, auch wenn man sich schneller bewegt oder damit eine Runde Laufen geht.

Ohren-Selfies

Zwar könnte man mit den Kopfhörern sofort loslegen, man sollte sich aber vor dem ersten Einsatz die Zeit nehmen und ihn in Ruhe mit der Begleit-App einrichten. Die Schritt-für-Schritt-Anleitung und Einführung ist sinnvoll. Etwas ungewöhnlich ist die Kalibrierung.

Meistens gibt es bei höherpreisigen Kopfhörern eine Art Tontest, mit dem der optimale Klang für den jeweiligen User ermittelt werden soll. Beim WH-1000XM4 macht man Selfies von den Ohren. Dabei hält man das Handy vor das Gesicht und dreht den Kopf zur Seite, bis per Sprachkommando der Befehl zum Stillhalten kommt. Insgesamt geht das schneller als die Hörtests, allerdings war ich skeptisch, ob Ohrenselfies reichen, um den Klang zu optimieren.

Phänomenaler Klang

Die Skepsis war schnell zerstreut, als ich das erste Lied gestartet habe. Der Sound des WH-1000XM4 ist unglaublich. Der Bass ist stark ohne unangenehm zu sein. Alles ist extrem klar, ohne den Charakter des Songs zu verlieren.

Bei manchen ähnlich hochpreisigen Kopfhörern ist der Bass relativ brutal, sodass er alles verschluckt. Bei anderen bekommt man zwar einen klaren „Referenzklang“, der Songs aber oft seelenlos klingen lässt. Der WH-1000XM4 ist einfach um soviel besser. Man hört Klänge in den Höhen, Tiefen und Mitten in Lieblingsliedern, die vorher scheinbar nicht da waren. Ich habe Gänsehaut bei Songs bekommen, die ich sicher schon über 100-mal gehört habe.

Und als Quelle dienen dabei nicht irgendwelche Lossless-Spezialformate und der Anschluss über spezielle Wandler mit Verstärker und entmagnetisierten Kabeln: Es ist einfach das normale Musikstreaming über Bluetooth, irgendwo in der U4 Richtung Heiligenstadt.

Alles auf hohe Qualität

Für meine Nutzung habe ich in der App alle Optionen, die potenziell den Klang verbessern, genutzt. So kann man ua. auswählen, ob Priorität auf eine stabile Verbindung oder höhere Klangqualität liegen soll und DSEE Extreme aktivieren. Wenn man nicht weiter als 5 Meter vom Smartphone entfernt ist, bleibt die Verbindung trotz Klangqualität-Priorität stabil.

DSEE Extreme reichert per Echtzeit-Analyse die Songs mit Klängen an, die durch die Komprimierung verloren gegangen sind. Ob das wirklich passiert oder von Sony nur behauptet wird, sei dahingestellt. Jedenfalls sorgte die Kombination aus den Ohrenselfies und den qualitätssteigernden Optionen für den unglaublich guten Sound.

Wenn es doch nicht passen sollte, kann man vorgefertigte Profile im Equalizer auswählen, oder eigene Profile erstellen. Für mich war das Standardprofil ohnehin das Beste, weshalb ich bei der Alltagsnutzung die Finger vom Equalizer gelassen habe.

Und es war Stille

Der Wahnsinns-Sound ist nur eine Hälfte des verdienten „bester Kopfhörer“-Ruhms. Die andere ist die aktive Geräuschunterdrückung. Während viele andere Kopfhörer sich hier auf die tiefen Töne konzentrieren (weil es billig und einfach ist), unterdrückt der WH-1000XM4 auch hohe und mittlere Töne.

Was das heißt: Stille. Die aktive Geräuschunterdrückung ist in 20 Stufen regulierbar. Es ist faszinierend, wenn man mit dem Schieberegler in der App nach und nach alles verstummen lässt. Und es ist wirklich alles: Nicht nur das tiefe Brummen von Flugzeugmotoren, sondern auch schreiende Kinder, quietschende Autoreifen, klappernde Tastaturen und was sonst noch so stört.

Wer will kann bei der aktiven Geräuschunterdrückung „Fokus auf Stimme“ aktivieren. Hier werden dann Stimmen priorisiert ans Ohr gelassen, damit man etwa im Büro die Kollegen oder in den Öffis die Durchsagen hört.

Beim Weg in die Arbeit war es fast erschreckend, als ich nach 5 Minuten Fußweg die Kopfhörer abgenommen habe, um vor der U-Bahnstation die Maske aufzusetzen. So habe ich erst realisiert, wie laut es eigentlich ständig um einen herum ist. Und ich hatte nicht mal die Musik laut aufgedreht. Da die Kopfhörer die Umgebung so gut akustisch ausblenden, muss man den Lärm nicht mit der Wiedergabelautstärke überdecken.

Sicherheit geht vor

Das Problem bei der effektiven Geräuschunterdrückung: Im Straßenverkehr, egal ob als Fußgänger oder Fahrradfahrer, sollte man auf keinen seiner Sinne verzichten. In der App kann deshalb die „adaptive Geräuschsteuerung“ aktiviert werden. Diese erkennt mittels GPS, wo bzw. in welcher Situation man sich befindet.

Geht man zu Fuß, wird die Geräuschunterdrückung etwas heruntergefahren. Sitzt man im Zug oder Bus, ist sie höher, dafür ist der Fokus auf Stimme, damit man die Durchsagen hört. Es lassen sich auch Profile für Orte erstellen, an denen man sich länger aufhält. Besucht man diese öfters, werden die von der App außerdem erlernt. Man kann ihnen ein Ortsprofil zuweisen, wie etwa Zuhause, Arbeit oder Fitnessstudio. So wird dann die gewünschte Geräuschunterdrückung automatisch aktiviert, wenn man sich an diesem Ort aufhält.

Ganz einwandfrei funktioniert das System leider nicht. Beim Arbeitsweg mit der U-Bahn wechselte der WH-1000XM4 öfters zwischen den Profilen, was für kurze Aussetzer bei der Musik sorgt. Das war leider kein Einzelfall: Im mehrwöchigen Testzeitraum passierte das jedes Mal beim Fahren mit der U-Bahn, obwohl Sony damit wirbt, dass der Kopfhörer von den Bewegungsprofilen des Users lernt.

Das Problem war nicht nur in der U-Bahn. Beim Zufußgehen trat es ebenfalls auf, wenn ich nämlich bei einer Ampel warten musste. Hier wechselte der WH-1000XM4 zwischen den Profilen „verweilt“ und „unterwegs“, was ebenfalls für 2 kurze Aussetzer, in kurzer Folge, bei der Musikwiedergabe sorgt. Wer davon zu sehr genervt ist, sollte die Funktion deaktivieren und manuell in der App das entsprechende Profil wählen, bzw. die Geräuschunterdrückung per Schieberegler einstellen.

Die Anti-Mitsing-Funktion

Wie für solche Kopfhörer üblich, kann auch der WH-1000XM4 temporär auf „Durchzug“ geschaltet werden, etwa um kurze Gespräche zu führen oder Durchsagen besser zu hören. Dazu reicht es die Handfläche an die rechte Ohrmuschel zu halten.

Mit „Speak-to-Chat“ gibt es eine Funktion, die die Medienwiedergabe pausiert, wenn man spricht. So kann man kurze Gespräche führen, ohne etwas vom Song zu verpassen. Alternativ kann man die Funktion nutzen, um sich das laute Mitsingen abzugewöhnen. Sobald man nämlich loslegt, hört der WH-1000XM4 auf Musik zu spielen. Natürlich lässt sich die Funktion in der App deaktivieren, damit man weiterhin Mitgrölen kann.

Eine weitere optionale Funktion ist das Pausieren, wenn man den Kopfhörer abnimmt und automatische Fortsetzen, wenn man ihn wieder aufsetzt. Dies funktioniert per Lichtsensor. Im Test klappte das sehr gut. Man muss nur aufpassen, dass man nicht die Ohrmuscheln Richtung Schlüsselbein dreht, wenn man die Kopfhörer um den Hals trägt. Ansonsten kann es sein, dass der Lichtsensor dies als Tragen auffasst und die Wiedergabe fortgesetzt wird.

Zubehör und Akkulaufzeit

Im Lieferumfang ist eine Tasche enthalten, ein Flugzeug-Klinkenadapter, Klinkenkabel und ein kurzes USB-A-zu-USB-C-Kabel, um die Kopfhörer aufzuladen. Die Akkulaufzeit wird von Sony mit bis zu 30 Stunden angegeben. Aufgrund des Tests halte ich eher 25 Stunden für realistisch, allerdings habe ich auch so ziemlich alle Funktionen genutzt, die zur Verfügung stehen und entsprechend mehr Akku verbrauchen.

Sollte der Akku tatsächlich mal leer sein oder will man ihn schonen, kann der WH-1000XM4 ausgeschaltet per 3,5mm-Klinkenkabel betrieben werden. Der Klang ist dann immer noch überraschend kräftig, aber weniger klar, als wenn der Kopfhörer eingeschaltet ist. Er kann auch eingeschaltet mittels Klinkenkabel genutzt werden – etwa um im Flugzeug das Bord-Entertainment-System zu nutzen.

Ebenso ist es möglich, den WH-1000XM4 mit 2 Geräten gleichzeitig per Bluetooth zu verbinden, etwa um zwischen Smartphone und Notebook hin- und herzuschalten. Die Bedienung des WH-1000XM4 erfolgt mittels 2 Hardware-Tasten an der linken Seite und der Gestensteuerung auf der rechten Seite. Man wischt etwa an der rechten Ohrmuschel nach oben um lauter zu drehen, tippt 2 mal an um zu pausieren oder wischt nach vorne, um den nächsten Song abzuspielen.

360 Reality Audio

Dieser Funktion habe ich bewusst ans Ende des Tests verschoben, weil es meiner Meinung nach zurzeit nur eine Randerscheinung ist. Der WH-1000XM4 unterstützt den Standard 360 Reality Audio. Derzeit gibt es aber nur sehr wenige Songs in diesem Format und Streamingdienste, die es unterstützen.

Es sind so wenige, dass Sony den Kopfhörern sogar einen Code für eine 3-monatige Testphase bei den Streaming-Diensten gibt, damit man 360 Reality Audio ausprobieren kann. Ich habe es mit Deezer und „360 by Deezer“ getestet.

360 Reality Audio hält, was es verspricht. Der Klang ist räumlich und das um einiges besser und differenzierter als bei anderen Technologien, die dasselbe bei Kopfhörern versprechen. Allerdings fühlt es sich zu sehr nach einem Gimmick an. Bei David Bowies „Space Oddity“ sind die Instrumente und Effektstimmen so weit auseinander, dass es ablenkt. Bei anderen Liedern auf 360 merkt man wiederum fast keinen Unterschied, außer, dass es mehr zu hallen scheint.

Im direkten Vergleich hat mir der Sound der normalen Song-Versionen mit dem WH-1000XM4 besser gefallen, als die 360 Reality Audio-Varianten.

Fazit

Eigentlich kann man zum WH-1000XM4 nicht viel sagen, außer: „Gut gemacht Sony“. Es ist der Kopfhörer, an dem sich jetzt alle andere Kopfhörer der Konkurrenz messen müssen.

Die Mischung aus dem genialen Klang und der effektiven Geräuschunterdrückung macht sich nicht nur unterwegs, sondern auch beim Sport und im Großraumbüro gut. Selbst im Homeoffice sind sie ein Segen, wenn auf der Straße vor dem offenen Fenster herumgebrüllt wird oder jemand seit 15 Minuten den Motor aufheulen lässt.

379 Euro sind zwar viel Geld für einen Kopfhörer, aber in diesem Fall bekommt man auch viel dafür. Wenn man es sich leisten kann und will, wird man sich und, seine Ohren mit dem WH-1000XM4 sehr glücklich machen. Denn guter Klang und weniger Lärm sind Balsam für die Seele.

Technische Daten auf der Website des Herstellers

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