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29.03.2017

Samsung Galaxy S8 und S8+ im Kurztest: Weg mit dem Speck

Samsung zeigt mit dem S8, wie die Zukunft der Smartphones aussehen könnte. In der großen Eile hat man allerdings auch einige Fehler begangen.

Das wohl wichtigste Smartphone dieses Jahres wurde nicht 2017, sondern bereits im Vorjahr präsentiert: das Xiaomi Mi Mix. Der chinesische Elektronik-Hersteller verabschiedete sich vom ewig gleichen Design, das 2007 durch Apples iPhone geprägt wurde, und verwandelte das Smartphone in einen einzigen Bildschirm. Die Front bestand fast nur aus Bildschirm, Kamera, Lautsprecher und Bedienelemente wurden gut versteckt und durch neue Technologien ersetzt.

Samsung Galaxy S8 und S8+ in Bildern

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Samsung Galaxy S8 und S8+

Samsung Galaxy S8 und S8+

Samsung Galaxy S8 und S8+

Samsung Galaxy S8 und S8+

Samsung Galaxy S8 und S8+

Das Konzeptgerät war rasch ausverkauft und sorgte für frischen Wind auf dem zu einer homogenen Masse verkommenen Smartphone-Markt. Während das komplett rahmenlose Smartphone durch technologische Limitierungen nach wie vor nicht möglich ist, tasten sich einige Hersteller langsam an dieses heran. Den Anfang machte Ende Februar LG mit dem G6, nun zieht Samsung mit dem S8 und S8+ nach. Größer, aber kleiner zugleich. Dieses Kunststück wollen die beiden südkoreanischen Hersteller mithilfe ähnlicher Tricks vollbringen. Die futurezone konnte die beiden Samsung-Flaggschiffe in London bereits ausprobieren.

Edge über alles

Nun herrscht Gewissheit: Das Samsung Galaxy S7 war das letzte Samsung-Flaggschiff mit einem flachen Bildschirm. Sowohl S8 als auch S8+ setzen auf ein Edge-Display, das ähnlich stark abgerundet ist wie jenes des S7 edge. Aus persönlicher Sicht bedauere ich das. Das Edge-Display ist nicht mehr als ein Gimmick, einen praktischen Nutzen hat es noch nie erfüllt. Weder Haptik noch Funktionalität des Smartphones profitieren davon.

Immerhin hat Samsung auf die Kritik am S7 edge reagiert und bei beiden Modellen den Bereich unter der Kante etwas verbreitert, sodass sich sowohl das S8 als auch das etwas größere S8+ gut in der Hand halten lassen.

© Bild: Michael Leitner
Beide Smartphones sind im Vergleich zum Vorgänger wahre Riesen - zumindest in der Länge. Denn Samsung wendet den gleichen Trick an wie LG beim G6. Das Smartphone setzt nicht mehr, wie bisher branchenüblich, auf das 16:9-Bildschirmverhältnis, sondern auf das von Samsung kreierte 18,5:9. Das kommt LGs 18:9 (2:1) verdächtig nahe, ist allerdings einen Tick schmaler bei gleicher Bildschirmdiagonale.

Mit einer Hand halten, aber nicht bedienen

Das S8 ist stolze 148,9 Millimeter lang, allerdings nur 68,1 Millimeter schmal - kleiner als beim Vorgänger S7, der trotz deutlich kleinerem 5,1-Zoll-Bildschirm 69,6 Millimeter breit ist. Der beeindruckende Wert wäre mit 16:9 nicht erreichbar. Hier würde allein die Bildschirmbreite ohne Rand rund 69,6 Millimeter betragen. Das Smartphone lässt sich so zwar angenehm mit einer Hand halten, aber nicht durchgehend einhändig bedienen. Durch den langen Bildschirm muss man sich deutlich strecken, um gewisse Bereiche erreichen zu können.

© Bild: Michael Leitner
Samsung hat zwar einige Anpassungen vorgenommen, um die Bedienung zu erleichtern - in der Kamera-App gibt es beispielsweise ein virtuelles Stellrad, mit dem der Zoom bestimmt werden kann - allerdings finden sich derartige Features nicht in allen System-Apps. Zudem waren beim Testgerät keine Apps von Drittherstellern installiert, sodass nicht überprüft werden konnte, ob diese unter dem ungewöhnlichen Bildverhältnis Probleme bereiten.
Das S8+ ist lediglich 0,1 Millimeter dicker als das S8 © Bild: Michael Leitner
Wer das S8+ bevorzugt, kann sich bereits vom Konzept der einhändigen Bedienung verabschieden. Mit 73,4 Millimeter Breite lässt es sich zwar mit einer Hand halten, aber nur stark eingeschränkt einhändig bedienen. Da es stolze 159,5 Millimeter lang ist, erreicht man ohnedies nur einen Bruchteil des Displays. Dennoch sind die Maße für ein 6,2-Zoll-Smartphone beeindruckend. Obwohl es nur unwesentlich dicker (8,1 statt acht Millimeter) ist, macht es dennoch einen deutlich wuchtigeren Eindruck. Das liegt auch am deutlich höheren Gewicht (173 statt 151 Gramm), der auf den größeren Akku (3500 statt 3000 mAh) zurückzuführen ist.

Rund, runder, S8

Das S8 und das S8+ wirken so, als wurden sie im Windkanal entwickelt. Sowohl Rückseite als auch Kanten und Rahmen wurden im Vergleich zum Vorgänger nochmals deutlich abgerundet, sodass sie sich nun trotz ordentlichem Wachstum angenehm in die Handfläche schmiegen. Fragwürdig erscheint trotz der hervorragenden Haptik allerdings die Platzierung des Fingerabdrucksensors. Statt, wie üblich, unter der Kamera, wurde er rechts neben der Kamera verbaut. Rechtshänder greifen dabei fast zwangsläufig auf die Kameralinse, auch weil sich der Sensor nur schwer ertasten lässt.

© Bild: Michael Leitner
Samsung bietet beim Entsperren die Qual der Wahl: Insgesamt drei biometrische Verfahren - Iris-Scan, Gesichtserkennung und Fingerabdruck - können zum Entsperren eingesetzt werden. Im Kurztest erwies sich die Gesichtserkennung als besonders effektiv. Der Nutzer muss lediglich den Bildschirm aktivieren, das Smartphone vor das Gesicht halten und binnen Sekundenbruchteilen war dieses entsperrt. Der Iris-Scan dürfte Note-7-Nutzern bekannt vorkommen und funktioniert gut, erfordert allerdings einen Schritt mehr: Bildschirm entsperren, wischen, Augen in Position bringen und erst dann ist das Smartphone entsperrt.

Bildschirm unter Druck

Apropos Bildschirm: Sowohl beim S8 (5,8 Zoll) als auch beim S8+ (6,2 Zoll) kommt nach wie vor ein Super-AMOLED-Panel zum Einsatz, das Samsung aufgrund der an der Seite rahmenlosen Bauweise als „Infinity-Display“ bezeichnet. Die Auflösung wurde ebenfalls angepasst: Statt 2560 mal 1440 Pixeln löst der Bildschirm sowohl beim S8 als auch beim S8+ nun mit 2960 mal 1440 Pixeln auf. Das reduziert die Pixeldichte etwas, im Alltag merkt man davon aber nichts. Die Farbdarstellung war nach wie vor hervorragend, auch die Helligkeit und Blickwinkelabhängigkeit gaben einen guten ersten Eindruck ab.

Eine große Neuerung verbirgt sich unter dem Display: Im unteren Bereich befindet sich ein Drucksensor, der, ähnlich wie Apples 3D Touch, das Display zur Taste machen soll. Im Kurztest kam dieser allerdings nie zum Einsatz. Zum Aktivieren des Bildschirms betätigte ich stets instinktiv die Power-Taste an der rechten Seite. Auch beim Bedienen von Android hatte ich keine Verwendung dafür, denn Android blendete stets die virtuellen Softkeys ein.

Killer-Features nur in der Vitrine

Die Kamera ließ sich lediglich kurz ausprobieren, machte aber einen ähnlich hervorragenden Eindruck wie beim Vorgänger. Der Bildstabilisator verrichtet noch bessere Arbeit als zuvor und konnte selbst starke Wackler ausgleichen. Die Frontkamera löst jetzt mit acht statt fünf Megapixeln auf und setzt auf eine ebenso lichtstarke Linse wie die Rückkamera (f/1.7). Überraschenderweise hatte der Autofokus selbst bei Aufnahmen aus nächster Nähe keinerlei Probleme, sodass ich selbst einzelne Poren am Bildschirm betrachten konnte.

© Bild: Michael Leitner
Die restliche Performance des Smartphones ließ sich im Kurztest nicht beurteilen. Auch der persönliche Assistent Bixby und das Continuum-ähnliche Feature DeX, das das Smartphone in einen PC-Ersatz verwandelt, wurden nur in Demos gezeigt und durften nicht selbst ausprobiert werden.

Fazit

Samsung setzte nach dem milliardenschweren Debakel um das Galaxy Note 7 eine Hype-Maschine in Gang, die ihren Erwartungen nie gerecht werden konnte. Das S8 solle eine Entschuldigung an alle Note-7-Käufer werden, die das Versagen des (eigentlich großartigen) Phablets vergessen machen sollen. Das Ergebnis könnte meiner Meinung nach etwas noch Besseres sein.

Ob das S8 bzw. das S8+ ein adäquater Ersatz für das Note 7 sind, muss der Test zeigen (mein Kollege Gregor freut sich bereits darauf, nachdem er sein Note 7 zurückgeben musste). Doch viel wichtiger ist, dass das S8 der erste wichtige Vorbote für den bevorstehenden Wandel am Smartphone-Markt ist. Das rahmenlose Smartphone ist am Vormarsch und Samsung könnte den Weg dafür ebnen.

Der erste Eindruck ist hervorragend - Haptik, Performance und Verarbeitung sind nahezu makellos. Lediglich einige Kleinigkeiten, wie der etwas deplatzierte Fingerabdrucksensor, trübten beim Kurztest den Gesamteindruck.