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21.08.2016

Sennheiser HD 800 S im Test: Leider sehr geil

Ein Kopfhörer um 1600 Euro? Geht's noch? Wer einige Stunden Musik mit dem Sennheiser HD 800 S gehört hat, wird schnell eines Besseren belehrt. Der Luxus-Kopfhörer im Test.

In den vergangenen Monaten konnte ich bereits einige Erfahrungen mit superteuren Kopfhörern sammeln. Den unschlagbaren Anfang machte Sennheisers 50.000 Euro teure Neuauflage des Orpheus, danach folgte der eher enttäuschende AKG N90Q um 1500 Euro und jetzt der Sennheiser HD 800 S, der mit 1600 Euro (UVP) in der gleichen Preiskategorie wie der AKG spielt. Eines vorweg: Die überarbeitete Version des Sennheiser HD 800, der ursprünglich 2009 auf den Markt kam, überzeugt auf allen Linien. Selten war Musikhören so geil.

Sennheiser HD 800 S

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Sennheiser HD 800 S

Sennheiser HD 800 S

Sennheiser HD 800 S

Sennheiser HD 800 S

Sennheiser HD 800 S

Sennheiser HD 800 S

Verarbeitung und Design

Immerhin. Für 1600 Euro lässt der HD 800 S seinen glücklichen Besitzer mit jedem kleinen Detail merken, dass er ein Luxusgut ist. Design und Verarbeitung des offenen Kopfhörers sind absolut hochwertig. Dabei profitiert der Nachfolger des HD 800 vom verwendeten mattschwarzen Metall, das den Kopfhörer sehr edel aussehen und anfühlen lässt. Im Gegensatz zum Gangsta-Gold-Leder-Look & Feel vom AKG N90Q wirkt das Design des HD 800 S mit seinen großen Ohrmuscheln und einigen eingebauten Kanten anachronistisch und modern zugleich.

Während die Kopfbügelkonstruktion auf mehrfach geschichtetes Metall und Kunststoff-Verbindungen setzt, die laut Sennheiser auch in der Luft- und Raumfahrt verwendet werden, bestehen die handgefertigten Ohrpolster aus einem weichen Mikrofaser-Gewebe. Die verbauten 56-mm-Schallwandler sind von Edelstahl ummantelt, mitgeliefert werden ein drei Meter langes gut abgeschirmtes Kabel mit großem 6,3-mm-Klinkenstecker sowie ein zusätzliches Kabel mit XLR-4-Stecker für den Anschluss an einen hochwertigen Kopfhörerverstärker. Beide Kabel besitzen Anschlussstecker für die rechte und linke Ohrmuschel.

Komfort

Der Tragekomfort ist nicht zuletzt durch die Größe der Ohrmuscheln, aber auch durch das verhältnismäßig geringe Gewicht von 330 Gramm ausgezeichnet. Die Ohren haben viel Platz, der Druck auf Kopf und Gesicht ist gleichmäßig verteilt, was stundenlanges Musikhören ohne Beeinträchtigung ermöglicht. Prinzipiell ist der Sitz gut, lediglich beim Kopf stark nach vorne Beugen, um den unten stehenden Vollverstärker zu bedienen, begann der Kopfhörer zu rutschen. Für die normale Verwendung sollte das allerdings kein Problem sein.

Durch die offene Bauweise werden Geräusche von außen, aber auch nach außen wenig gefiltert. Wer das Maximum an Sounderlebnis herausholen will, braucht folglich einen halbwegs ruhigen Raum. Umgekehrt dringt die Musik auch sehr gut hörbar nach außen. Für das Schlafzimmer ist der Kopfhörer wie alle vergleichbaren Modelle mit offenere Bauweise folglich nicht geeignet, es sei denn man will seine(n) Partner(in) um den Schlaf bringen.

Klangerlebnis

Selten hat mich oft gehörte Musik so begeistert, wie über den HD 800 S. In praktisch jedem Stück, egal welche Musikrichtung entdeckt man noch nie Gehörtes. Ein Einatmer von Thom Yorke, das Pedalgeräusch von Tori Amos’ Bösendorfer-Klavier, das subtile Nachklingen eines Streicher-Tremolos bei Günter Wands genialer NDR-Aufnahme von Bruckners 7. Sinfonie. Die erzielte Räumlichkeit ist beeindruckend. Jedes Instrument, jeder Soundeffekt bleibt stets knackig und klar rechts, links, mittig zuordenbar, ohne den Gesamtklang zu zerstören.

Vor allem komplexe Produktionen profitieren von der Detailverliebtheit und der Ausgewogenheit des Klangs. Beim Hören von Radioheads schönem Album The King of Limbs bleibt man verblüfft zurück. Die Genialität des vielschichtigen Mix, der mit treibender Percussion, verzerrten Elektronik-Klängen, Gitarren und Klavier sowie Yorkes einzigartiger Stimme arbeitet, erschloss sich mir durch die präzise Kopfhörer-Wiedergabe erstmals in seiner ganzen Tiefe.

Der letzte Punch

Apropos Tiefe – das ist vermutlich der einzige kleine Abstrich, den man für die Ausgewogenheit und Klarheit des Klanges machen muss. So lebendig und kraftvoll die Wiedergabe der Musik auch in tiefen Lagen ist, hab ich mich bei besonders bombastischen Orchester-Stellen einiger klassischer Aufnahmen dabei ertappt, auf ein bisschen mehr Oomph gehofft zu haben. Mit dem sauberen Klangverständnis der Sennheiser-Ingenieure ist das offenbar nicht vereinbar.

Das fällt auch auf, wenn der Kopfhörer beim Filme-Schauen verwendet wird. So kristallklar und gleichzeitig räumlich das Klangerlebnis ausfällt - auf den letzten Punch, der Smaugs sonore Drachenstimme im Hobbit über die Lautsprecheranlage so richtig erzittern lässt, muss man über die Kopfhörer verzichten. Aber gut, ein Kopfhörer ist nun mal kein Subwoofer, der schon physikalisch gesehen mit Zimmerboden und Wänden arbeiten kann. Die niemals diffuse oder überbordende Basswiedergabe trägt allerdings wesentlich dazu bei, dass auch stundenlanges Hören nicht ermüdet.

Gutes Ausgangsmaterial

Damit der Sennheiser seine Brillanz entfalten kann, muss logischerweise auch die Qualität des wiedergegebenen Materials sowie des Ausgabegeräts passen. Wer einen passablen Verstärker mit gutem Kopfhörer-Ausgang hat, kann auf einen Kopfhörer-Verstärker verzichten. Selbst über den Kopfhörer-Ausgang der Computerlautsprecher MM-1 lieferte der Sennheiser ein gutes Ergebnis. Wer allerdings den Kopfhörer neben seiner Stereoanlage über mobile Geräte oder seinen Computer verwenden will, kommt um einen Kopfhörerverstärker nicht herum.

Fazit

Das Grunddilemma bleibt: 1600 Euro sind viel Geld. Mit etwas Glück findet man vielleicht einen Händler, der den Sennheiser HD 800 S billiger verkauft oder einen Besitzer, der den Kopfhörer mit Abschlag weiterverkauft. Deutlich über 1000 Euro wird man jedenfalls immer hinblättern müssen. Dass der Kopfhörer im Vergleich zum ebenfalls getesteten AKG N90Q aber jeden Euro wert ist, steht für mich außer Zweifel, solange man über die entsprechende CD-, Platten bzw. HD-Audio-Sammlung und das notwendige Geräteequipment verfügt.

Wer die Möglichkeit hat, die Sennheiser-Kopfhörer bei einem Fachhändler oder Elektrohandel auszuprobieren, sollte dies - am besten mit gut bekannter - Musik tun. Dass Traditionsmarken wie Sennheiser neben dem Billigstsegment weiterhin auch neue Technologien und Produkte für den audiophilen Nischenmarkt produzieren, ist eine Wohltat, gerade wenn das Endprodukt wie im Fall der HD 800 S so überzeugend ausfällt.

Die genauen Spezifikationen finden sich auf der Sennheiser-Webseite.