© Sony

Produkte

Sony WF-1000XM4 im Test: Die besten Kopfhörer mit furchtbaren Namen

Eines vorweg: „WF-1000XM4“ ist ein grauslicher Name. Das ist aber auch schon der größte Kritikpunkt an Sonys aktuellen Wireless In-Ear-Headphones.

Der WF-1000XM4 ist im Grunde die In-Ear-Version des ebenfalls exzellenten WH-1000XM4, der ebenfalls einen furchtbaren Namen hat. Und das genau ist das Kunststück: Nein, nicht das mehrfache schlechte Benennen von Kopfhören, sondern die herausragende Performance eines Over-Ear-Modells in ein In-Ear-Modell zu verfrachten.

Kleiner und schöner

Die Kopfhörer sind kleiner als das Vorgängermodell WF-1000XM3. Dadurch stehen sie nicht mehr seltsam aus den Ohren hervor. Es gibt zwar noch kleinere In-Ears der Konkurrenz, die haben aber auch weniger Leistung. Das Ladeetui wurde ebenfalls verkleinert.

Mit der Schrumpfaktion geht auch ein neues Design einher. Sowohl Hülle als auch Kopfhörer sehen nach dem aus, was sie sind: Premium. Die Kopfhörer (ich habe die schwarze Farbvariante getestet) haben kupferfarbene Akzente und elegante Kurven. Hält man sie in der Hand, sehen sie etwas bauchig aus. Beim Tragen und sich damit im Spiegel schauen, fällt das nicht störend auf.

Kopfhörer und Etui wirken sehr hochwertig. Zwar sieht man bei den In-Ears die Stelle, an denen die 2 Gehäusehälften zusammengesetzt sind – schlechte Spaltmaße findet man aber nicht.

Guter Tragekomfort, aber Vorsicht bei Sport

Die Kopfhörer kommen mit 3 unterschiedlich großen Aufsätzen. Die mittelgroßen sind vorinstalliert. Hier sollte man sich die Zeit nehmen und alle Größen mal durchzuprobieren. In der Begleit-App der Kopfhörer kann man einen Test machen. Dieser misst den Druck und verrät so, ob die gewählten Aufsätze durch die Abdichtung des Gehörgangs die bestmögliche Tonqualität liefern.

Die Kopfhörer gehen relativ weit in den Gehörgang, damit der Schaumstoff-Aufsatz diesen gut abdichten kann. Wer dieses Gefühl überhaupt nicht mag, sollte sich lieber nach anderen In-Ears umsehen.

Beim Einsetzen fühlen sich die WF-1000XM4 anfangs seltsam an, nach etwa einer Minute sind sie komfortabel im Ohr – auch noch nach Längerem tragen. Manchmal ist das fast schon zu komfortabel. Wenn ich länger unterwegs war habe ich mich ab und zu selbst dabei erwischt, als ich mir ans Ohr gefasst habe, um zu überprüfen, ob der Hörer noch gut sitzt (tat er).

Die WF-1000XM4 sind schweißabweisend. Wasserfest sind sie aber nicht. Schwimmen fällt mit ihnen also sowieso ins Wasser. Bei intensivem Sport sollte man vorsichtig vorfühlen, ob die In-Ears stabil im Ohr bleiben. Eine gemütliche Laufsession könnte in Ordnung gehen, ein intensives Crossfit-Workout womöglich nicht.

Bis zu 12 Stunden Akkulaufzeit

Ein langer Tragekomfort bringt nichts, wenn der Akku nicht mitspielt. Zum Glück tut er das bei den WF-1000XM4. Bei aktivierter Geräuschunterdrückung sind bis zu 8 Stunden Laufzeit möglich. Im Ladecase ist Energie für weitere 16 Stunden. Achtung: Nutzt man die Funktion DSEE Extreme, ein Upsampling zum Verbessern der Tonqualität von Low-Res-Audiodateien, sinkt die Akkulaufzeit auf etwa 6 Stunden.

Die längste Laufzeit bekommt man, wenn man DSEE Extreme und Noise Cancelling deaktiviert. Hier sind bis zu 12 Stunden Laufzeit in den Kopfhörern und Energie für weitere 24 Stunden im Ladecase. Falls der Saft der Kopfhörer zu einer ungünstigen Zeit ausgeht: 5 Minuten im Ladecase reicht für bis zu 60 Minuten Musikhören.

Bedienung mittels Touch-Sensor

Die Bedienung von In-Ears ist nur selten gut. Das merkte man auch beim Vorgängermodell dieser Kopfhörer. Die WF-1000XM4 reagieren jetzt flotter und präziser. Auf Wischgesten wird verzichtet, was angesichts der kleinen Touchfläche gut ist. Gesteuert wird mit Antippen und Gedrückthalten.

In der App können die gewünschten Steuerungen für den linken und rechten Kopfhörer aus 3 Voreinstellungen gewählt werden: Wiedergabesteuerung, Lautstärke und Umgebungsgeräuschsteuerung. Wer befürchtet, die Befehle unabsichtlich auszulösen und ohnehin alles lieber per Smartphone und App steuert, kann die Touchfunktionen deaktivieren, für einen oder beide Kopfhörer.

Clevere Funktionen helfen bei der Steuerung

Die Kopfhörer haben eine Trageerkennung. Nimmt man sie aus den Ohren, wird der Song automatisch pausiert. In der App können noch weitere praktische Funktionen aktiviert werden. Erkennen die Kopfhörer, dass man redet, wird automatisch die Wiedergabe pausiert und auf „Durchzug“ geschaltet. Die Außentöne werden durch die Mikrofone verstärkt, sodass man die Antwort der Gesprächspartner*in versteht, ohne die Kopfhörer aus dem Ohr nehmen zu müssen.

Nicht nur praktisch, sondern auch der Sicherheit förderlich, ist die „adaptive Geräuschsteuerung“. Die Stärke der ausgezeichneten aktiven Geräuschunterdrückung wird dabei automatisch angepasst, bzw. Umgebungsgeräusche verstärkt. Ist man im Freien zu Fuß unterwegs, wird sie reduziert, damit man den Verkehr hört. Läuft man, wird sie noch stärker reduziert, weil man aufgrund der höheren Geschwindigkeit weniger Zeit zum Reagieren auf den Verkehr hat. Sitzt man still oder befindet sich im Zug, wird sie maximal aktiviert, damit man ungestört Musik genießen kann.

Vorbildlich ist, dass sich in der App die Parameter für die adaptive Geräuschsteuerung anpassen lassen. Sie kann in 20 Stufen justiert werden, außerdem lassen sich eigene Orte hinzufügen, an denen dann auf ein dafür angelegtes Profil (Zuhause, Arbeit, Fitnessstudio…) und die entsprechenden Einstellungen gewechselt wird. Zudem kann „Fokus auf Stimme“ aktiviert werden, um diese hervorzuheben und andere Geräusche zu unterdrücken. Eine „automatische Windgeräuschreduzierung“ kann auch aktiviert werden. Diese sollte man aber nur nutzen, wenn es wirklich so stark windig ist, dass es an den Ohren rauscht.

Perfekt funktioniert die GPS-basierte System aber nicht. Steht man bei einer roten Ampel, schaltet sie von „gehen“ auf „verweilen“ um, weshalb kurz die Musik aussetzt. Sekunden später dasselbe Spiel nochmal, wenn man wieder geht. Auch in Bus oder U-Bahn wird manchmal umgeschaltet und die Musik setzt kurz aus, etwa wenn die U-Bahn etwas länger in der Station steht. Dennoch ist es bequemer die Funktion zu nutzen, als manuell über die App die Geräuschunterdrückung anzupassen.

Fantastische Geräuschunterdrückung

Für In-Ear-Kopfhörer ist die Qualität der aktiven Geräuschunterdrückung beeindruckend. Nicht nur die üblichen tiefen Geräusche werden gut herausgefiltert, auch gemischter Straßenlärm und Büroalltag werden effektiv gedämpft. Mit den großen Over-Ear-Schwestermodell WH-1000XM4 können sie aber nicht ganz mithalten, was die Geräuschunterdrückung in den Höhen angeht.

Die aktive Geräuschunterdrückung hat den Vorteil, dass man die Musik weniger laut aufdrehen muss, um etwas gut zu verstehen. Einen ruhigen Podcast konnte ich in der U-Bahn mit 40 Prozent Lautstärke deutlich hören. Mit anderen Wireless In-Ears ohne aktiver Geräuschunterdrückung muss ich mit 70 bis 80 Prozent der Maximallautstärke hören.

Auch bei der Tonqualität unangefochten

Von den großen WH-1000XM4 verwöhnt, habe ich mir für die WF-1000XM4 keine Wunder erwartet – habe mich dann aber umso mehr gewundert, was für eine Tonqualität aus den kleinen Dingern kommt.

Bei vielen In-Ears merkt man einfach, dass der Sound wenig Volumen hat – woher soll das auch kommen, bei der kleinen Bauweise? Die WF-1000XM4 plustern sich aber akustisch massiv auf. Der Klang klingt voller als bei anderen In-Ear-Kopfhörern. Es fällt sehr leicht Stimmen, Instrumente und Effekte akustisch zu trennen. Dadurch haben auch Tiefen, Mitte und Höhen mehr Raum um sich zu entfalten.

Schwestern: WH-1000XM4 und WF-1000XM4

Das Standardprofil ist sehr gut auf die durchschnittliche Nutzung abgestimmt. Trotz der oben beschriebenen sauberen Trennung gibt es einen kräftigen Bass und der füllende Klang sorgt dafür, dass nichts steril wirkt. Selbst in älteren Songs, die man schon seit Jahren auf der Playlist hat, hört man dann Sachen heraus, die einen mit anderen Kopfhörern nicht aufgefallen sind.

Weil in dem Standardprofil Stimmen hervorgehoben werden, eignet es sich gut für TV-Serien und Filme. Spiele profitieren vom fülligen Klang. Nur bei Podcasts können manche Stimmen fast schon zu deutlich und dadurch ein wenig schrill wirken.

Tonanpassungen in der App

Wer will kann die verschiedene Tonprofile in der App ausprobieren und mit dem Equalizer anpassen. Für den Bass gibt es einen Extra-Regler, damit Freund*innen des tiefen Tones ohne viel Herumprobieren nochmal einen Extra-Wumms bekommen.

In der App findet man noch das zuvor erwähnte DSEE Extreme, das man nutzen sollte. Low-Res-Audiodateien werden so per Upsampling verfeinert, was sehr gut funktioniert. Bei der „Bluetooth-Verbindungsqualität“ kann man die Priorität „stabile Verbindung“ oder „Klangqualität“ wählen. Hier sollte man nur Klangqualität wählen, wenn man die Kopfhörer hauptsächlich Indoor verwendet. Ansonsten kommt es im Freien in der Nähe von stark befahrenen Straßen immer wieder zu Aussetzern.

Die In-Ears unterstützen auch „360 Reality Audio“. Um das zu nutzen, muss man per App die Ohren analysieren. Die Funktion verspricht Klang der aus allen Richtungen kommt. Allerdings geht das nur mit bestimmten Musikstücken, die es auch nur auf bestimmten Apps gibt. Derzeit sind das Artist Connection, nugs.net, Tidal und 360 by Deezer. Da die Auswahl der Songs dort mit 360 Reality Audio noch gering ist, zahlt es sich nicht aus, extra ein Abo dafür bei diesen Diensten abzuschließen.

Schwächen bei Gesprächen

Nicht optimal sind Sprachanrufe mit den Kopfhörern. Man versteht die Gesprächspartner*in dank Geräuschunterdrückung zwar überall sehr gut, selbst ist man aber nur akzeptabel zu hören. Oft kommt die Stimme etwas abgehackt rüber, weil die Kopfhörer nur die Mikrofone aktivieren, wenn man tatsächlich spricht. So erspart man der Gesprächspartner*in zwar unnötigen Hintergrundlärm. Wenn man schnell spricht können aber gleich mehrere Wörter am Satzbeginn abgeschnitten werden.

Eine weitere Schwäche ist, dass sich die Kopfhörer nicht mit mehreren Bluetooth-Geräten zur selben Zeit verbinden können. In der Welt von „mobile everything“ wäre es angebracht, wenn die In-Ears mit Smartphone und Notebook gleichzeitig verbunden sein könnten.

Fazit

Die WF-1000XM4 (279 Euro) punkten da, wo es bei modernen In-Ears am meisten ankommt: Klangqualität, Geräuschunterdrückung, Akkulaufzeit. Besonders bei den ersten beiden Punkten gibt es kaum ein Konkurrenzmodell, das hier an die WF-1000XM4 herankommt – und wenn, dann nur in einem Punkt und nicht beiden gleichzeitig.

Für Android-User*innen, die viel Wert auf die beste Tonqualität legen und bereit sind entsprechend viel dafür zu bezahlen, sind die WF-1000XM4 die beste Wahl. Rein von der Leistung sind die WF-1000XM4 auch besser als die AirPods Pro, die ebenfalls 279 Euro kosten. Der Unterschied ist aber nicht so groß, dass Apple-Nutzer*innen auf den Komfort ihres Öko-Systems verzichten werden wollen.

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers

Hat dir der Artikel gefallen? Jetzt teilen!

Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, vom Kopfhörer über Smartphones und Kameras bis zum 8K-TV.

mehr lesen Gregor Gruber

Kommentare