Alexander Gerst war bereits 2 Mal auf der ISS

© James Blair - NASA - JSC

Science
05/27/2020

"Da ist eine enorme Gewalt dahinter": Astro-Alex über den Flug ins All

Erstmals seit 2011 starten Astronauten von amerikanischem Boden ins All. ESA-Astronaut Alexander Gerst berichtet von seinen Raumfahrt-Erfahrungen.

von Franziska Bechtold

Es ist ein historischer Tag in der Geschichte der amerikanischen Raumfahrt. Heute startet das erste Mal seit 2011 ein bemanntes Raumschiff von US-amerikanischem Boden. Der Testflug des Raumschiffs Crew Dragon soll eine neue Ära für die NASA einläuten und das Space Shuttle, das von der Firma SpaceX gebaut wurde, auf Herz und Nieren testen. Die Astronauten Douglas Hurley und Robert Behnken werden in der Kapsel Platz nehmen, die vom Kennedy Space Center im Bundesstaat Florida mit der Trägerrakete Falcon 9 starten und zur Internationalen Raumstation ISS fliegen wird.

Einer, der bereits 2 Mal, 2014 und 2018, für ein Mission zur ISS geflogen ist, ist der ESA-Astronaut Alexander Gerst. Wer „Astro Alex“ auf Twitter oder Instagram folgt, wird seine Bilder und Berichte aus der Internationalen Raumstation kennen. Mit der futurezone sprach er über die Verantwortung beim Flug, das harte Training und den Moment, wenn man realisiert, dass man nun im Weltraum ist.

SpaceX Demo-2 Preflight

futurezoneHerr Gerst, Sie selbst sind schon zwei Mal zur ISS geflogen – wie nervös ist man vor so einem Start?
Alexander Gerst: Die größte Sorge eines Astronauten vor dem Start ist, dass noch irgendwas dazwischenkommt, sei es ein gesundheitliches oder technisches Problem. Die meisten Astronauten, das war bei mir auch so, sind erleichtert, dass es los geht, weil die Mission endlich startet und man nicht mehr bangen muss. Deswegen ist man eigentlich sehr entspannt.

Ist man auch noch so entspannt, wenn es tatsächlich losgeht?
Dann ist man konzentriert und fokussiert darauf, seine Aufgabe zu bewältigen. Tausende Menschen haben die Mission ermöglicht und ihr Geld dafür gegeben, damit das jetzt passiert. Dass man einen Fehler macht, den falschen Knopf drückt oder falsch reagiert und das zum Missionsabbruch führt, ist dann die größte Angst. Ich bin mir sicher, so geht es jetzt Hurley und Behnken.

Die beiden fliegen ja auch mit einem ganz neuen Raumschiff. Hat man davor noch mehr Respekt?
Respekt muss man vor jedem Start haben, auch vor bewährten Abläufen. Aber bei einer Rakete, die man zum ersten Mal fliegt, verstärkt sich das bestimmt. Da ist das Risiko natürlich noch ein bisschen höher, dass man in eine unerwartete Situation kommt und schnell richtig reagieren muss. Es hat aber auch etwas Faszinierendes, Wegbereiter zu sein und es seinen Kollegen zu ermöglichen, mit einem neuen Raumschiff zu fliegen. Es fiebern Astronauten aus aller Welt mit. Die Sojus ist ein extrem bewährtes und sicheres Raumschiff, das werden wir auch nicht ersetzen. Es macht großen Spaß, damit zu fliegen, aber es ist immer gut, wenn es mehr als ein Vehikel gibt, mit dem man zur Raumstation fliegen kann. Deshalb ist das ein wichtiger Tag für die Raumfahrt.

Wir sehen den Start immer nur von außen, wie diese riesige Rakete mit viel Feuerkraft abhebt. Wie fühlt sich das an, wenn man drinnen sitzt?
Man hat in diesem Objekt ja schon viele Monate trainiert und kennt die Umgebung sehr genau. Neu ist, dass man beschleunigt und natürlich auch weiß, dass das real ist. Am Anfang ist die Beschleunigung wie bei einem regulären Passagierflugzeug, wenn der Pilot auf der Startbahn die Triebwerke zündet und man sanft in den Sitz gedrückt wird. Das hört aber nicht nach ein paar Sekunden auf. Es wird mehr und mehr und dauert 8,5 Minuten. Da ist eine enorme Gewalt dahinter. Auf der anderen Seite spürt man die feinsten Steuerbewegungen und kleinsten Lageregelungen. Das ist nicht, als würde man auf einer Bombe sitzen. Als Astronaut hat man Ehrfurcht vor diesem faszinierenden Gerät, das einen von unserem Planeten in den Weltraum befördert und vor den Ingenieuren, die es gebaut haben.

Wann hat man dann Zeit zu realisieren, dass man sich jetzt im Weltraum befindet?
Jeder von uns hat eine begrenzte mentale Kapazität und als Astronauten konzentrieren wir uns zu 100 Prozent auf unsere Aufgaben beim Start. Der Gedanke, dass man gerade in den Weltraum fliegt, wird da vollkommen unterdrückt. Hat man dann mal ein paar Minuten Pause, schaut man aus dem Fenster und realisiert, dass man im Weltraum ist. Diesen Moment gibt es für jeden Astronauten. Ich hatte das sowohl bei meiner ersten Mission - da natürlich ganz stark - aber auch bei meiner zweiten Mission. Man ist vor allem froh zu wissen, dass jetzt nichts mehr dazwischenkommen kann, denn jetzt hat man es zumindest mal in den Weltraum geschafft.

Bis man überhaupt an einem Start teilnehmen darf, hat man viele Jahre an Training hinter sich. Wie schwierig ist das?
Sehr hart, aber das ist auch so konzipiert. Wir trainieren, damit wir uns irgendwann daran gewöhnen. Komplett geht das nicht, es ist auch zum Schluss noch hart. Aber so kann man, wenn man wirklich in einer Notsituation ist, noch wichtige Entscheidungen treffen. Ich habe Hunderte Stunden mit dem Raumanzug im Tauchbecken trainiert. Das ist sehr viel härter als der wirkliche Weltraumausstieg. Wenn man im Orbit feststellt, dass das viel leichter ist, als man sich das vorgestellt hat, ist das ein gutes Gefühl.

Besonders hart sind das Winter- und Sommerüberlebenstraining. Man muss ohne Zelt, ohne Schlafsack für 3 Tage bei Minus 30 Grad zurechtkommen, nur mit den Materialien, die man in der Kapsel hat. Da lernt man, ob man mit seinen Crew-Kameraden gut zurechtkommt. Oder man steckt in der Kapsel bei über 40 Grad auf dem Meer und muss in der Enge seinen Rettungsanzug anziehen. Das bringt viele von uns an unsere Grenzen.

Kommt man als veränderter Mensch aus dem Weltraum zurück?
Ich weiß nicht, ob es einen Menschen komplett verändern kann. Bei mir war das nicht so. Aber etwas in einem verändert sich, zum Beispiel die Perspektive. Wenn man von außen auf den Planeten schaut, dann steht er einfach klein und zerbrechlich im großen schwarzen Universum und das vergisst man nicht mehr.

Das ändert schon das allgemeine Denken darüber, wie zerbrechlich die Atmosphäre ist, auch wenn man das von hier unten nicht sehen kann. Alle Ressourcen, die es auf diesem Planeten gibt, müssen endlich sein, weil sie sich nur auf dieser kleinen blauen Steinkugel befinden. Aber, wenn man einmal das große Ganze gesehen hat, wird man auch gelassener bei Alltagsproblemen.

Schritt in die Unabhängigkeit

Für die USA ist das „Commercial Space Programm“, in dessen Rahmen der Testflug am Mittwoch stattfindet, nicht nur technisch ein Sprung nach vorn, der zukünftig die Raumfahrt erleichtern soll. Es ist auch ein politischer Schritt in die Unabhängigkeit. Die Internationale Raumstation wird seit 2011 ausschließlich von den russischen Sojus-Raumschiffen angeflogen.

Blickt man zurück auf das Wettrennen zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Kriegs, ist die derzeitige Abhängigkeit der amerikanischen Raumfahrt von Russland für die stolze Raumfahrernation sicherlich nur schwer zu schlucken. Umso verständlicher also das Drängen der NASA, den nächsten Schritt in die moderne Raumfahrt zu tätigen und die Privatunternehmen SpaceX und Boeing in einen internen Wettkampf zu schicken, wer zuerst ein flugtüchtiges Shuttle produziert.

SpaceX konnte sich mit der Raumkapsel Crew Dragon erfolgreich durchsetzen, während der Starliner von Boeing immer wieder in wichtigen Tests scheiterte. Der heutige Testflug soll ein weiterer Schritt sein, künftig wieder eigenständig Astronauten zur ISS und, wenn alles nach Plan verläuft, ab 2024 auch zum Mond zu bringen.

Der Start der Crew Dragon findet voraussichtlich am 27.5. um 16:33 Ortszeit (22:33 Uhr MEZ) statt und kann live im Internet auf den YouTube-Channels von SpaceX und der NASA verfolgt werden.

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