In einer App sollen sich 24-Stunden-Betreuerinnen über spezielle Bedürfnisse ihrer Klienten weiterbilden können

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Science
01/17/2020

Digitaler Helfer soll 24-Stunden-Betreuung verbessern

An der FH Campus Wien wird eine Software entwickelt, die Betreuer mehrsprachig im Alltag unterstützt.

von David Kotrba

Mehr als 30.000 Personen werden in Österreich in ihrem eigenen Zuhause 24 Stunden am Tag betreut. Die Betreuerinnen und Betreuer leben oft wochenlang am Stück mit ihren Klienten zusammen, organisieren den Haushalt, helfen bei der Körperpflege, erledigen Einkäufe und unterstützen bei vielen weiteren Aspekten des Lebens. Sie sind dabei mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert und müssen diese oft in einer anderen als ihrer Muttersprache bewältigen. Die FH Campus Wien entwickelt derzeit ein digitales Unterstützungswerkzeug, um den Betreuenden auf mehreren Ebenen Hilfestellung zu geben und so die Qualität in der 24-Stunden-Betreuung möglichst hoch zu halten.

Aktives assistiertes Leben

Experten aus den Bereichen Angewandte Pflegewissenschaft, Gesundheitswissenschaften und Technik arbeiten gemeinsam an einer plattformübergreifenden Applikationssoftware, die zur Weiterbildung, Dokumentation und Vernetzung dient und außerdem bei Notfällen hilft. "Der Projekttitel '24h QuAALity' schreibt das aktive und assistierte Leben (AAL) der Pflegebedürftigen groß", erklärt Elisabeth Haslinger-Baumann, die Leiterin des Kompetenzzentrums für Angewandte Pflegeforschung an der FH Campus Wien.

Einheitliche Dokumentation

Eines der großen Probleme, das die App lösen soll, ist eine strukturierte, einheitliche Dokumentation der Arbeitstätigkeiten von Betreuerinnen und Betreuern. "Bis jetzt wurde entweder gar nicht dokumentiert, manchmal handschriftlich oder auch mündlich. Wir wollen eine Betreuungsdokumentation entwickeln, die einfach zu benutzen und für alle verständlich ist", sagt Haslinger-Baumann. "Mit dieser Funktion in der Software können Betreuende dokumentieren, was sie an einem Tag mit ihren Klienten getan haben, etwa spazieren gegangen, Haare gewaschen und gekämmt, eingekauft, Karten gespielt, oder aber auch in der Nacht dreimal aufgestanden, weil die zu betreunde Person unruhig geschlafen hat."

Mehrsprachigkeit

Die Begriffe in der Dokumentationsfunktion werden sowohl in Deutsch, als auch in Slowakisch, Ungarisch und Rumänisch angeführt. Viele 24-Stunden-Betreuerinnen und -Betreuer stammen aus diesen Ländern. Auf Mehrsprachigkeit wurde in der gesamten App-Entwicklung viel Wert gelegt.

Die Dokumentationsfunktion ist in erster Linie für den 24-Stunden-Betreuerinnen und -Betreuer persönlich gedacht. Jene sollen ihre Tätigkeiten zur eigenen Sicherheit nachvollziehen können. Machbar scheint aber auch, Teile der Dokumentation für externe Stellen zugänglich zu machen. In Zukunft könnte es etwa notwendig werden, derartige Aufzeichnungen heranzuziehen, wenn es um die Ausschüttung von Förderungen, wie z.B. Pflegegelder, geht.

Weiterbildung

Die zweite Funktion, welche die App erfüllen soll, ist die Information und Weiterbildung. 24-Stunden-Betreuerinnen und -Betreuer sollen hier unter anderem Anleitungen in Text- und Videoform erhalten, wie mit Klientinnen und Klienten umzugehen ist, die spezielle Krankheitsbilder aufweisen. Die Betreuungspersonen sind auf diese Fälle oft nicht ausreichend vorbereitet. Die App soll Wissenslücken schließen und auch auf rechtliche Rahmenbedingungen hinweisen.

Elisabeth Haslinger-Baumann schildert ein Beispiel: "Nach einem Schlaganfall kann es zum Beispiel zu Schluckbeschwerden kommen, d.h. es ist mit Störungen beim Schlucken zu rechnen und beim Reichen von Essen muss man sehr vorsichtig sein. Ohne Anleitung dürfte das eine Betreuerin oder ein Betreuer eigentlich nicht tun, weil die Gefahr des Verschluckens groß ist." Betreuende sollen durch die App auch jene Grenzen erkennen, ab denen es notwendig ist, dass bestimmte Tätigkeiten zuerst von ausgebildeten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -Krankenpflegern erklärt und delegiert werden, damit die Hilfestellungen bei den Klientinnen und Klienten korrekt durchgeführt werden.

Vernetzung und Notfallmanagement

Mit der Software soll es den Betreuerinnen und Betreuern außerdem einfach gemacht werden, sich zu vernetzen. Geplant ist, ein moderiertes Forum zu schaffen, in dem sich Betreuerinnen und Betreuer untereinander austauschen können. "Die Betreuerinnen und Betreuer möchten normalerweise die Sprache ihrer zu betreuenden Klienten lernen. Wir wollen das Forum deshalb zunächst auf Deutsch führen. Wenn das nicht funktioniert, kommen auch andere Sprachen dazu. Wir probieren das einfach aus", sagt Haslinger-Baumann.

Zuletzt soll die App auch noch ein integriertes Notfallmanagement aufweisen. "24-Stunden-Betreuerinnen und -Betreuer wissen oft nicht Bescheid, was in bestimmten Notfällen zu tun ist. Mit dieser Funktion sollen sie Informationen darüber bekommen, welche Maßnahmen gesetzt werden müssen und sofort Hilfe erhalten." Die Funktion wird gemeinsam mit der Rettungsorganisation Johanniter realisiert. Bei dem Projekt sind die Caritas, der österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband, das Institut für Personenbetreuung und Home-Care-Management Alexander Winter als Kooperationspartner an Bord.

Einjähriger Testlauf

Die Software-Entwicklung übernimmt der Projektpartner NOUS Wissensmanagement GmbH. Mit der Smart Assets Development GmbH soll ein Vertriebsmodell kreiert werden. Haslinger-Baumann: "Wir haben ein heterogenes Konsortium geschaffen. Zusätzlich dabei haben wir als Stakeholder auch den Dachverband der Sozialversicherungsträger, das Sozialministerium und die Wirtschaftskammer. Die FFG finanziert das Projekt. Wir möchten gemeinsam Dinge entwickeln, die andockbar sind an das Sozialsystem." Zunächst wird die Software jedoch weiterentwickelt und 12 Monate lang im Feld evaluiert. In 100 Testhaushalten soll die Software auf Tablets ausprobiert werden. Bis Ende 2021 soll feststehen, ob die App robust läuft und ihre Ziele erfüllt.

 

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und FH Campus Wien entstanden.