Frederike Kaltheuner bei den Zukunftsgesprächen der FH Campus Wien zum Thema Veränderung der Privatsphäre

© FH Campus Wien/ Schedl

Science
12/04/2019

"Gefahr für Privatsphäre ist perfider, als wir glauben"

Bei den Zukunftsgesprächen der FH Campus Wien wurde die Veränderung der Privatsphäre durch Experten analysiert.

von David Kotrba

"Nichts bleibt privat" - unter diesem provokanten Motto standen am Donnerstag die Zukunftsgespräche der FH Campus Wien. Bei der aktuellen Ausgabe der halbjährlich stattfindenden Veranstaltungsreihe ging es um die Veränderung der Privatsphäre, die angesichts sozialer Medien, Smartphones und umfassenden technischen Überwachungsmöglichkeiten besonders bedroht wirkt. Die Keynote hielt Frederike Kaltheuner, Buchautorin, Expertin für Technologiepolitik und Fellow der Mozilla Foundation.

Mit Mythen aufräumen

"Die Diskussion um Privatsphäre ist von Missverständnissen geprägt", lautet eine der wichtigsten Botschaften von Kaltheuner. "Die Gefahr für die Privatsphäre ist komplexer und perfider, als wir uns das vorstellen. Es geht um mehr als den Verlust unserer Daten. Es geht darum, dass Systeme Rückschlüsse darüber ziehen, wer wir sind und wer wir zukünftig sein werden." Laut der Forscherin ist es wichtig, mit einigen Mythen aufzuräumen, die sich um das Verständnis der Privatsphäre ranken.

Der erste Mythos sei, dass Menschen leichtsinnig zu viel von sich preisgeben, beispielsweise in sozialen Medien. Kaltheuner schildert, welche Art von Daten eigentlich Cookies sammeln, deren Einsatz man auf Webseiten oft allzu nachlässig zustimmt. Cookies sammeln beispielsweise Browserverläufe, aus denen man jede Menge Dinge ablesen kann. Die Daten erlauben laut Kaltheuner Rückschlüsse auf sehr persönliche Umstände, etwa Geschlecht, Bildungsgrad, Einkommenshöhe etc. Die Daten, die über uns existieren, übertreffen jene, die wir bewusst geteilt haben, bei weitem, versichert die Forscherin.

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Privatsphäre ist ein Zustand

Der zweite Mythos suggeriert, dass man sich ins Private zurückziehen sollte, um seine Privatsphäre zu schützen. Gerade in der heutigen Zeit sei das der falsche Weg, ist Kaltheuner überzeugt. "Privatsphäre ist kein Ort, es ist ein Zustand. Da geht es um Machtgefälle zwischen Menschen, Unternehmen und dem Staat." Derzeit herrsche da eine Asymmetrie, meint Kaltheuner. Die Polizei hätte etwa die Möglichkeit, durch beschlagnahmte Smartphones kleinste Details aus dem Leben von Personen zu erfahren. Davon seien nicht nur Tatverdächtige betroffen, sondern u.a. auch Opfer von Gewaltverbrechen. Als Smartphone-Nutzer sei es außerdem unmöglich, die Weiterleitung persönlicher Daten an Dritte zu verhindern.

Der dritte Mythos, den Kaltheuner anspricht, ist die Idee, dass Privatsphäre etwas Subjektives ist. Das sei nicht so, meint die Forscherin. In vielen Ländern gibt es keine Gesetze zum Schutz der Privatsphäre, in anderen gebe es zwar welche, aber die werden nicht durchgesetzt. Der vierte Mythos, der bekannte Spruch "Ich habe nichts zu verbergen", sei überhaupt völlig falsch. Als Beispiel bringt die Keynote-Vortragende die aktuellen Proteste in Hongkong, wo Demonstranten Öffi-Tickets statt mit Karte nur in bar zahlen, um Datenspuren zu vermeiden. "Techniken, die unter normalen Umständen harmlos und praktisch sind, können plötzlich zur Gefahr werden, wenn sich Umstände ändern."

Datensammelei wächst weiter

Laut Kaltheuner wird die Masse an Daten, die über Menschen gesammelt werden, in Zukunft noch gigantischer werden. Das Wachstum des Internet der Dinge trage seinen Teil dazu bei. Das sei eine große Gefahr. Durch die Aufweichung der Privatsphäre seien etwa Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die für das Funktionieren von Demokratien essenziell seien, bedroht. Das Vertrauen in Technologie, selbst wenn sie nützlich sind, sinke. Missbräuche beim Umgang mit Privatsphäre träfen außerdem besonders diejenigen, die in Gesellschaften ohnehin schon benachteiligt seien.

Für die Zukunft wünscht sich Kaltheuner allgemeine Grundsätze, die sicherstellen, dass neue Technologien allen Menschen gleichermaßen nützen. Automatisierte Entscheidungs- und Bewertungssysteme müssten zur Rechenschaft gezogen werden können. Privatpersonen sollten künftig selbst darüber entscheiden können, wem sie ihre Daten anvertrauen. Schlussendlich sollte das Recht auf Privatsphäre - obwohl eigentlich bereits in den Menschenrechten verankert - kein Luxus sein, sondern allen Menschen gleichermaßen zugute kommen.

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Verantwortungsfrage

In einer anschließenden Podiumsdiskussion gesellten sich Judith Haberhauer und Michal Sedlačko von der FH Campus Wien zu Kaltheuner. Sedlačko, ein Experte für Public Management, weist darauf hin, dass der Privatsphäre von unternehmerischer Seite her mehr Gefahren drohen als von Seiten des Staates (zumindest aus europäischer Perspektive): "Im öffentlichen Sektor sollte eine demokratische Kontrolle gegeben sein. Aber Staat und Verwaltung nehmen auch eine Doppelrolle ein. Sie werten selbst Daten aus und regulieren gleichzeitig die Datensammlung."

Sedlačko plädiert dafür, dass die Verantwortung über den Schutz der eigenen Privatsphäre nicht dem Einzelnen übertragen werden sollte - das sei laut Kaltheuner in kaum einer anderen Branche so üblich wie im Online-Business. Stattdessen sollte der Schutz der Privatphäre mit dem Einsatz von kollektiven demokratiepolitischen Prozessen bestimmt und mit fachlichem Wissen umgesetzt werden. An solcherart aufgestellte Regeln sollten sich Unternehmen ausnahmslos halten müssen. Für Privatpersonen sollten diese Regeln einfach zu durchschauen sein.

Laut Haberhauer, einer Expertin für qualitative Sozialforschung, sei es gerade in der Wissenschaft maßgeblich, die Privatsphäre von Menschen, beispielsweise von Untersuchungsteilnehmern, zu schützen. "Für uns ist es nichts Neues, die Privatsphäre von Menschen zu respektieren, aber durch das Internet gibt es ganz neue Facetten in dieser Frage." Bei der Debatte rund um die Sammlung von persönlichen Daten werde laut Haberhauer oft vergessen, "dass Daten nicht losgelöst vom Menschen zu betrachten sind. Daten sind Bestandteil dieser Menschen."

Vorurteile

Zuletzt wurde bei den Zukunftsgesprächen auch noch das Publikum in die Diskussion miteinbezogen. Dabei erzählte ein Besucher unter anderem vom Einsatz künstlicher Intelligenz in der österreichischen Verwaltung. Zur Sprache kam dabei auch der umstrittene Algorithmus des Arbeitsmarktservice (AMS), der dazu tendierte, Frauen in seinen Urteilen zu benachteiligen.

Dem Argument stimmt Frederike Kaltheuner absolut zu: "Menschen diskriminieren Menschen ständig." In von Menschen programmierten Algorithmen setzen sich oft gesamtgesellschaftliche Vorurteile fort. Da sich der Faktor Mensch auch in der Technik nicht ausschalten lasse, sei es notwendig, KI als Entscheidungshilfe zu sehen, als letzte Instanz aber stets Menschen entscheiden zu lassen.

 

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und FH Campus Wien entstanden.