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Science
12/15/2019

"Flugtaxis verlegen Stau, Lärm und Unfälle in eine dritte Dimension"

Autonome Fahrzeuge, neue Mobilitätsdienste und Elektrifizierung machen nur als Gesamtpaket Sinn, meint Arno Klamminger vom AIT.

von David Kotrba

Die Zukunft der Mobilität ist ein heißdiskutiertes Entwicklungsfeld, in das weltweit riesige Investitionssummen fließen. Wir haben mit Arno Klamminger, dem Chef des Center for Mobility Systems am Austrian Center of Technology (AIT), über die größten Trends gesprochen, die den Verkehr der Zukunft prägen werden.

futurezone: Viele Experten fassen die Zukunft der Mobilität unter dem Akronym MADE zusammen: Mobilitätsdienstleistungen, Autonomes Fahren, Digitalisierung und Elektrifizierung. Sehen Sie das ähnlich?
Arno Klamminger: Diese vier Bereiche werden medial gerade stark thematisiert. Elektrifizierung wird etwa als Möglichkeit gesehen, Verbrennungsmotoren zu ersetzen. Die stehen ja auch im Zentrum der Diskussionen. Als alleinige Maßnahme löst Elektrifizierung aktuelle Herausforderungen wie CO2-Emissionen, Lärm, Staus oder Parkplatzsuche aber nicht.

Was kann die Digitalisierung zur Lösung dieser Probleme beitragen?
Digitalisierung birgt große Chancen. Das beginnt bei der Erfassung von Daten. Durch die große Verbreitung von Smartphones kann man etwa sehr viele Daten erfassen, die zeigen, wie wir uns bewegen. Die Auswertung solcher Daten kann zur Entwicklung ganz neuer Lösungen führen, die bedarfsgerecht gestaltet sind. Außerdem ist Digitalisierung der Schlüssel zur Vernetzung verschiedener Dienstleistungen, etwa in Form von multimodalen Routenplanern.

Test track for automated driving in Berlin

Wie wird Autonomes Fahren die Zukunft prägen?
Es wird seinen Beitrag leisten, vor allem zur Erhöhung der Verkehrssicherheit. Ein Großteil der Unfälle sind ja auf menschliches Versagen zurückzuführen. Zu bedenken ist aber auch, dass der Verkehr an einigen Stellen deswegen flüssig bleibt, weil Verkehrsregeln nicht exakt eingehalten werden, beispielsweise beim Eingliedern auf eine Fahrspur. Automatisierung bedeutet andererseits, dass programmierte Regeln ohne Abweichungen eingehalten werden. Im Mischverkehr wird das Auswirkungen haben.

Welche denn beispielsweise?
Es ist etwa ein denkbares Szenario, dass Autofahrer Abstände zum vorderen Fahrzeug reduzieren, um autonome Fahrzeuge nicht reinzulassen, oder dass Menschen auf die Straße springen, um die Reaktion von Roboterautos zu testen. Da sind noch einige Fragen auch in der Interaktion von Mensch und Maschine offen. Außerdem ist der Zusammenhang mit dem Klimaschutz zu hinterfragen. Autonome Fahrzeuge machen den Verkehr nicht automatisch effizienter oder erzeugen weniger Staus. Sinnvoll wäre es insofern, wenn Sitzplätze im Auto besser ausgelastet werden.

Kommen da Mobilitätsdienstleistungen ins Spiel?
Die bilden das Dach über den bereits genannten Trends. Ziel aus Sicht des Nutzers ist es, die jeweils passende Transportleistung zu bekommen bei gleichzeitig angenehmer 'User Experience'. Von einem autonomen Fahrzeug gefahren zu werden, ist ein Komfortgewinn. Diesen Vorteil hat man aber anderswo auch, zum Beispiel in Öffis. Die Bestandteile von 'MADE' sind Puzzlesteine, die nur gesamtheitlich und in Verbindung mit anderen Maßnahmen sinnvoll sind, um die vor uns stehenden Herausforderungen zu meistern. In allen Bereichen sind noch viele Forschungsfragen zu lösen.

Wird sich betriebliches Mobilitätsmanagement zukünftig stärker durchsetzen, also etwa Anreize für Mitarbeiter zum Umstieg von Dienstauto auf öffentliche Verkehrsmittel?
Das ist ein spannendes Thema. Wir haben dazu auch Forschungsprojekte. Einige Fragen stellen sich dazu: Wie ermögliche ich es meinen Arbeitnehmern, mobil zu sein? Welche Alternativen gibt es zum Dienstauto? Welche Anreize kann man schaffen, um diese Alternativen auch nutzen zu wollen?

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Welche Rolle wird künstliche Intelligenz künftig im Verkehrsmanagement spielen?
Wir können heute so viele Daten beim Transport von Menschen und Gütern erfassen, für deren Auswertung wir zunehmend Big Data Processing und KI brauchen. Auch im Verkehrsmanagement wird KI eine immer wichtigere Rolle spielen, etwa zur Echtzeitoptimierung, um beispielsweise Staus zu verhindern - auch zur Optimierung von Güterlogistikwegen, wobei etwa Wetter-, Verkehrs- und Verfügbarkeitsdaten herangezogen werden. Außerdem benötigt man KI für Prognosemodelle.

Was wird da vorhergesagt?
Wie sich ein Verkehrssystem ändert, wenn bestimmte Parameter beeinflusst werden. Durch die Echtzeit-Erfassung und -analyse von Verkehrsaufkommen, Witterung und Straßenzustand können im Voraus kritische Situationen identifiziert werden. Mit diesen Informationen können dann im Voraus geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um Staus und Unfälle zu vermeiden. Das wird den Verkehr sicherer und effizienter machen.

In aller Welt wird an Flugtaxis gebaut. Welche Zukunft hat der innerstädtische Transport in der Luft?
Es wird künftig zwar Anwendungen für Drohnen geben, aber auch sie allein werden kein Allheilmittel für unsere Verkehrsprobleme sein. Stau, Lärm oder Unfälle werden damit in eine dritte Dimension verlagert. Für Drohnen wird es sicherlich sinnvolle Anwendungen geben, etwa in schwer zugänglichen Bereichen oder für zeitkritische Einsätze wie die Bergung und Evakuierung von Personen. Bei pilotlosen Flugtaxis ist auch die Akzeptanzthematik des Nutzers und der Gesellschaft zu berücksichtigen. Als Nutzer muss ich überzeugt sein, dass ich damit sicher und komfortabel reise. Als Bewohner werden mich neben der Sicherheit wohl auch der Lärm und der Schutz meiner Privatsphäre beschäftigen.