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Künstliche Intelligenz in Österreich: „Wir brauchen mehr Mut“

Österreich ist beim Thema künstliche Intelligenz auf einem guten Weg: 15 Prozent der öffentlichen Verwaltung sowie der Unternehmen aus dem Gesundheits- und Transportwesen haben bereits KI-Lösungen im Einsatz. Im EU-Schnitt sind es nur 5 Prozent. Das geht aus einer europaweiten Befragung von Microsoft und EY unter 213 Organisationen hervor, die im Dezember veröffentlicht wurde.

Kathrin Wacker, Teil der Geschäftsführung bei Microsoft Austria und Public Sector Lead, erklärt im Gespräch mit der futurezone, warum das so ist: „Österreich ist groß genug, um Dinge auszuprobieren und Innovationen voranzutreiben und klein genug, damit es nicht ewig lange dauert, diese Dinge auch zu implementieren.“

Medizin, Steuer und Justiz

In Österreich kommt KI derzeit im öffentlichen Bereich etwa bei der Bildgebung im Medizin-Bereich zum Einsatz. Die MedUni Wien verwendet bildgebende Daten, um Menschen eine Biopsie zu ersparen. Die KI erkennt hier mit einer Genauigkeit von 95 Prozent, ob jemand einen Tumor hat, oder nicht. „Dabei werden die personenbezogenen Daten lokal gespeichert, und wenn es darum geht, die Rechenleistung beim KI-Verfahren abzufragen, holt man sich diese aus der Cloud“, so Wacker.

Neben dem Medizin-Bereich hilft eine KI auch bereits den Steuerfahndern. Relevante Informationen werden aus riesigen Mengen unstrukturierter Dokumente extrahiert. Die Finanzbeamten können diese dann effizienter bewerten und verarbeiten. „Auch hier geht es um das Allgemeinwohl“, sagt Wacker. Doch was passiert, wenn die KI jemanden irrtümlich der Steuerhinterziehung beschuldigt? „Die KI ist ein Instrument, dass den Steuerfahndern zur Verfügung gestellt wird. Wenn jemand unschuldig ist, wird genau das rauskommen bei einem Verfahren“, so Wacker.

Im Bundesministerium für Justiz kommt KI bei Gerichtsverfahren zum Einsatz, unter anderem zur Analyse umfangreicher Gerichtsakten. Außerdem “übersetzt” ein Bürger-Chatbot Gerichtsverfahren und die juristische Terminologie in eine für Laien verständliche Sprache.

Data Scientists fehlen

Doch während Österreich beim Ausprobieren gut ist, droht es bei der breiten Anwendung von KI im öffentlichen Sektor europaweit zurückzufallen und landet eher auf den hinteren Plätzen. Die tiefergreifende Transformation von öffentlichen Dienstleistungen blieb bisher aus. „In Österreich fehlt es an Engagement der Führungsebene und an Fachkräften für eine künftige, breitere Anwendung von KI im öffentlichen Sektor“, heißt es in der Studie. Wenn die Führungsebene nicht mit macht oder klare Linien vorgibt, dann können die innovativen Projekte, die ausprobiert werden, auf lange Sicht nicht fruchten. Insofern ist die Studie für Österreich weniger erfreulich, als sie auf den ersten Moment klingen mag.

„Wenn KI großflächig eingesetzt werden soll, braucht es die Unterstützung von ganz oben“, sagt Wacker. „Hier gibt es eine Lücke, ebenso wie bei den Fachkräften. Man braucht Data Scientists und genau diese fehlen bei vielen Unternehmen noch“, so die Microsoft-Expertin. Es würden auch viele Ängste existieren, dass KI die Arbeitsplätze wegnehme, so Wacker. „Aber es entstehen viele neue Felder. KI entledigt uns der lästigen Arbeit und ermöglicht uns stattdessen, wertstiftende Aufgaben zu erledigen.“

Klare Regulierung fehlt

Zudem gebe es in Österreich derzeit noch keine klare Regulierung, wie KI eingesetzt werden dürfe, so die Microsoft-Expertin. Das ist durchaus ungewöhnlich, dass ein Technologie-Konzern freiwillig reguliert werden möchte, doch gleichzeitig auch verständlich. „Wir haben immer ein Problem damit, wenn Dinge nicht eindeutig gelöst sind“, sagt Wacker. „Wir wollen als Technologieprovider nicht im luftleeren Raum gelassen werden. Es braucht Grundlagen und eine Basis“, sagt Wacker. Zwar habe man bei Microsoft „ethische Guidelines“ entwickelt, die etwa ein Diskriminierungsverbot durch künstliche Intelligenz vorsehen, aber es gibt derzeit weder auf nationaler noch auf EU-Ebene Regeln, wie eine KI im öffentlichen Bereich eingesetzt werden darf.

Doch vor allem im öffentlichen Bereich braucht es Kontrollinstanzen. „Die KI kann immer nur ein Instrument sein, damit Menschen bessere Entscheidungen treffen, evidenzbasiert. Genau das ist ein Beispiel, wo geklärt sein muss, wer die Verantwortung übernimmt. Das ist eine Frage der Regulation und der Kontrolle“, so Wacker. „Es ist essenziell, dass eine KI immer nur das tut, was sie tun soll“, sagt die Microsoft-Expertin. Im Fall der Steuerhinterziehung soll die KI den Experten lediglich zur Seite gestellt werden, um Auffälligkeiten zu entlarven - aber die Entscheidung, ob ein Verfahren eingeleitet wird oder nicht, trifft am Ende der Steuerfahnder.

"Entscheidung liegt beim Menschen"

Ähnlich ist das auch beim AMS-Algorithmus, bei dem es sich allerdings nicht um eine KI handelt, sondern um ein statistisches System, welches einen „Score“ errechnet, ob jemand gute, mittlere oder schlechtere Arbeitsmarktchancen hat. Dazu sagt Wacker lediglich, dass das System „von Menschen designt“ worden sei. „Wir haben die Technologien, aber die Entscheidung, wie etwas eingesetzt wird, liegt immer beim Menschen. Hier sind wir wieder bei den Führungskräften. Es braucht außerdem politische Vorgaben“, meint die Expertin.

Denn Technologie selbst ist erst einmal „neutral“ - sie kann zum Wohl des Menschen eingesetzt werden, oder zu ihrem Gegenteil. „Wir müssen aufpassen, dass uns hier die Cyberkriminellen nicht überholen und an uns vorbeiziehen“, meint Wacker. „Diese scheren sich nicht darum, ob es Regulierungen und Gesetze gibt. Sie nutzen Technologie einfach für ihre Zwecke.“

Damit Österreich die vielen Vorteile von KI nutzen könne, wünscht sich Wacker „mehr Mut, unsere Innovationskraft zu nutzen. Wir haben das Potenzial, an die Spitze in Europa zu klettern. Dazu bräuchten wir Klarheit über den Einsatz von KI und Mut aus der Politik und seitens der Unternehmen. Wir dürfen die Zukunft nicht verschlafen“, so die Expertin.

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Barbara Wimmer

shroombab

Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone, davor bei der ORF-Futurezone als Journalistin tätig. Interessiert sich für alle Themen, die das digitale Leben jetzt und in Zukunft bestimmen werden: Netzpolitik, Datenschutz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) "smart" ist. Elektronische Musik ist ihre größte Leidenschaft, sie arbeitete vor dem ORF auch für Musik-Magazine wie Breakbeat (Deutschland) sowie Radio FRO.

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