Science
08.11.2018

"Ob wir längere Zeit am Mars verbringen können, ist unklar"

David Meza, Chief Knowledge Architect der NASA, spricht im futurezone-Interview über private Raumfahrt und Datenorganisation.

David Meza, der Chief Knowledge Architect der NASA, entwickelt für die US-Weltraumagentur ein System, das projetkbezogene Dokumente so aufbereitet, dass Forscher und Ingenieure die Informationen, die für ihre aktuellen Aufträge relevant sind, einfach finden können. Meza war im Rahmen der Digitalisierungskonferenz Darwin's Circle in Wien und hat mit der futurezone über die Herausforderungen bei der Aufbereitung von Wissen, die Rolle von Open-Source-Technologie und die Privatisierung der Raumfahrt gesprochen.

futurezone: Was macht der Chief Knowledge Architect der NASA?
David Meza: Ich nehme große Datenmengen und filtere sie, damit unsere Experten gute Antworten auf ihre Fragen bekommen. Hauptsächlich geht es um Projektunterlagen. Die NASA hat in über 60 Jahren eine Menge Dokumente angesammelt. Oft ist es mühsam, darin etwas zu finden. Ich arbeite daran, das einfacher zu machen.

Sie verwenden semantische Suche?
Für einen Teil unseres Systems nutzen wir semantische Verknüpfungen. Aber wir setzen auch Spracherkennung und diverse Algorithmen ein, um die Auswahl von Dokumenten einzugrenzen. Wenn ich ungefähr weiß wo eine Information liegt, will ich dort zuerst suchen. Wir beschäftigen uns auch mit künstlicher Intelligenz, um in Zukunft eine Zusammenfassung der relevanten Information liefern zu können, statt eine Sammlung von Dokumenten.

Ihr System hat geholfen, ein Problem mit der Orion-Sonde zu beheben, indem es relevante Informationen in Dokumenten der Apollo-Missionen gefunden hat. War das ein Schlüsselmoment?
Ja, ich glaube da haben die Verantwortlichen gesehen, dass wir unsere Informationen schneller und einfacher durchsuchbar machen müssen. Wie viele andere Organisationen kämpfen wir mit Dokumenten, die mehrfach angelegt und auf unterschiedliche Orte verteilt werden. Bis zu 30 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsgelder werden für Dinge ausgegeben, die wir schon einmal erledigt haben, weil wir die relevanten Informationen nicht finden können. Wenn wir einen Teil dieser Gelder einsparen könnten, würden alle profitieren.

Waren Facebook und andere Netzwerke eine Inspiration?
Ja. Als ich begonnen habe Wege zu suchen, Information zu speichern und zu verknüpfen, kam ich schnell auf Netzwerkanalyse und Netzwerk-Graphen. Das war eine Möglichkeit, viele verschiedene Daten zu verbinden und die Zusammenhänge visuell darzustellen. So sehen wir, wie die Daten der Ingenieure mit denen der Wissenschaftler zusammenhängen.

Kürzlich wurden die Audioaufzeichnungen der Apollo-Missionen veröffentlicht. Hatten Sie damit zu tun?
Ich war nicht Teil dieses Projekts. Aber wir haben auch mit Spracherkennung gearbeitet. Bei uns geht es aber eher um Text. Die Idee, Systeme wie Alexa oder Siri einzusetzen, um dem System Fragen zu stellen, ist interessant. Daran arbeiten wir, das wird aber noch dauern.

Ist Sprachsteuerung die Zukunft?
Ich denke längerfristig stimmt das. Wir werden beginnen, uns häufiger mit unseren Systemen zu unterhalten, weil das einfacher ist. Entscheidend wird sein, ob wir auch verstanden werden. Da sind noch Verbesserungen notwendig. Der Wandel wird noch eine Generation dauern.

Wie stehen sie der Idee "Open Source" gegenüber?
Ich glaube persönlich an das Teilen von Information und bin ein großer Anhänger von Open-Source-Technologie. Aber es gibt auch Fälle, in denen bestimmte Information proprietär sein muss, um einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Ich versuche, alles zu teilen, was ich erarbeitet habe. Leute sollen die Möglichkeit haben, Wissen für ihre eigenen kommerziellen Zwecke einzusetzen. Wenn sie dann auch etwas zurückgeben, profitieren alle. Die NASA folgt üblicherweise dem Grundsatz zu teilen, was wir haben.

Machen es neue Konkurrenten wie Elon Musk oder China verlockend, das Wissen zu behalten?
Eines der Ziele der NASA ist, das Wohl der Menschheit zu befördern. Nicht nur für Amerikaner sondern für alle Menschen. Wir können natürlich nicht veröffentlichen, wie man Raketen baut, aber Informationen, von denen die Menschheit profitieren kann, versuchen wir zugänglich zu machen. Auf dieser Basis sind schon viele Produkte entwickelt worden. Aber die NASA setzt auch auf Kommerzialisierung. Wir sind der Ansicht, dass es Dinge gibt, die sich auf der kommerziellen Seite besser umsetzen lassen. Dann können wir uns auf unsere wahre Aufgabe konzentrieren, nämlich zum Mond zurückzukehren und zum Mars zu reisen.

Wie vertragen sich die Kommerzialisierung und das Wohl der Menschheit?
Die Privaten kümmern sich um die Dinge, die sie besser können, etwa den Transport von Fracht zur Internationalen Raumstation ISS. Das erlaubt uns, uns auf die nächste Phase unserer Mission zu konzentrieren. Die Firmen entwickeln Raumfähren für niedrige Erdumlaufbahnen. Ich sehe keinen Konflikt mit unseren Zielen. Was Elon Musk und einige andere Gruppierungen machen, kommt am Ende der Wirtschaft zugute und hoffentlich auch den Angestellten.

Es macht keinen Unterschied, ob man den Weltraum zum Wohle der Menschheit oder für Profit erkundet?
Vielleicht. Das ist nicht leicht zu beantworten. Was die Arbeit der Firmen in unserem Auftrag betrifft, können wir keine Vorschriften machen. Wir haben gefragt, ob sie bestimmte Dinge für uns übernehmen und das machen sie jetzt. Wie sie die Technologie weiterentwickeln, ist dann ihre Sache.

Aber die NASA hat mit ihren Aufträgen das Startsignal gegeben.
Das sehe ich nicht so. Wir helfen ihnen und zeigen ihnen, was wir wissen und was wir brauchen. Sie entwickeln einen guten Teil der Technologien selbst. Wir geben ihnen nur einen kleinen Teil der Mittel und sie investieren eigenes Geld.

Macht Musks Unternehmen SpaceX die Raumfahrt wieder spannend?
Ja, je mehr die Leute darüber reden, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt das Thema. Ich glaube, das macht die Sache aufregender. Ich selbst bin ohnehin immer begeistert, aber ich verstehe, dass Leute das sehen und wissen wollen, was Musk zustande bringt, egal ob er am Ende Erfolg hat oder nicht. Davon profitieren wir auch, weil unsere Arbeit mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Gibt es ein Rennen zum Mars zwischen der NASA und Privatinvestoren?
Aus unserer Sicht steht fest, dass wir zum Mars wollen. Was die kommerzielle Seite um Musk tut, versuche ich nicht zu sehr zu beachten. Gibt es eine Zukunft für uns da draußen? Ja, das ist unser Plan. Ob wir längere Zeit auf dem Mars verbringen können, ist aber noch unklar. Wir haben Astronauten, die bis zu ein Jahr lang auf der ISS leben und untersuchen, wie sich das auf ihre Körper auswirkt und wie wir sie bestmöglich schützen können. All das müssen wir verstehen, bevor wir sagen können, dass wir langfristig im All leben können.

Wird die Öffentlichkeit enttäuscht sein, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden?
Das weiß ich nicht. Wir haben unseren Zeitplan und an den halten wir uns. Aber die Sicherheit geht vor. Wenn es 15 Jahre dauert, ist das großartig. Aber wenn wir länger brauchen, ist es auch in Ordnung.

Welche Informationssysteme werden Astronauten in Zukunft brauchen?
Wenn wir irgendwann zum Mars fliegen, müssen wir die 40-minütige Verzögerung in der Kommunikation mit der Erde berücksichtigen. Das heißt, dass die Astronauten bestimmte Informationen vor Ort brauchen. Das stellt uns vor die Herausforderung ein System zu entwickeln, das ins All geschossen werden kann und trotzdem schnell die richtigen Antworten liefert. Im Idealfall wird so ein System verbale Fragen beantworten können.

Ein System wie HAL in Odyssee im Weltraum?
Das wissen wir noch nicht. Wir versuchen herauszufinden, was der beste Weg ist.