Die beiden Gründer von Aviloo, Wolfgang Berger und Nikolaus Mayerhofer

© Aviloo

Science
04/23/2019

Start-up bewertet gebrauchte E-Auto-Akkus

Das unabhängige Bewertungsverfahren für Batterien von Aviloo soll den Handel mit gebrauchten Elektroautos erleichtern.

Auf den Straßen sieht man immer mehr Elektroautos. In Österreich lag ihr Anteil bei Neuzulassungen im Jahr 2018 zwar nur bei zwei Prozent, aber die Zahl steigt über Jahre konstant. Je mehr und je länger Elektroautos eingesetzt werden, umso stärker wächst auch der entsprechende Gebrauchtwagenmarkt. Während sich Käufer von gebrauchten Autos mit Verbrennungsmotor beim Einschätzen des Fahrzeugwerts auf unabhängige, herstellerneutrale Bewertungsverfahren wie Eurotax-Listen stützen können, fehlt ein solches für Elektroautos. Das niederösterreichische Start-up Aviloo will das ändern.

"Gesundheitszustand"

Aviloo arbeitet an einem Verfahren, das den Zustand der Fahrzeugbatterie in möglichst kurzer Zeit zuverlässig ermittelt. "Bei Elektroautos macht die Batterie gut 50 Prozent des Fahrzeugwerts aus", meint Mitbegründer Wolfgang Berger. "Bei Verbrennungsmotoren reicht eine Auskunft über Baujahr und Kilometerstand aus, um den Verschleiß zu berechnen. Bei Elektroautos funktioniert das aber nicht so." Der Zustand der Batterie werde von vielen Faktoren beinflusst. Hat der Vorbesitzer oft Schnellladungen durchgeführt? Bei welchen Temperaturen wurde aufgeladen? Wie wurde die Batterie im Alltag gebraucht? All dies wirke sich auf den "Gesundheitszustand" der Batterie aus, erklärt Berger.

Den Zustand der Batterie zu überprüfen, ist in der Praxis nicht leicht. Sie ist üblicherweise fest im Fahrzeug verbaut. Sie für einen Test auszubauen wäre teilweise recht zeitaufwendig und würde Fachpersonal erfordern. Stattdessen will Aviloo Daten analysieren, die vom Batteriemanagementsystem des Elektroautos geliefert werden. Selbst entwickelte Software soll aus Angaben zu Spannung, Strommenge, Zelltemperaturen oder Ladungszuständen ein umfassendes Gesamtbild erstellen.

Zertifikat

Die Geschäftsidee von Aviloo ist eine Art Ankaufstest für Elektroautos. Verkäufer oder potenzielle Käufer von Elektroautos besuchen etwa die Werkstätte ihres Automobilklubs. Dort erhalten sie ein Modul, das an den Diagnose-Anschluss (OBD) des Fahrzeugs angeschlossen wird und führen selbst eine zehnminütige Testfahrt in der Umgebung durch. Währenddessen überträgt das OBD-Modul Daten, die von spezieller Software analysiert werden.

Am Ende erhält der Kunde ein Zertifikat. Den Zustand der Fahrzeugbatterie fasst ein Wert auf einer Skala von null bis zehn zusammen, das "Aviloo-Rating". "Diese Form der Zertifizierung wird künftig notwendig sein, um ein gebrauchtes E-Auto zu einem vernünftigen Preis zu verkaufen", ist Wolfgang Berger überzeugt. "Unser Ziel ist es, das Aviloo-Rating als Industriestandard zu etablieren." Bei einer Verkaufsanzeige auf einer Online-Gebrauchtwagenplattform soll der ermittelte Wert etwa zu den Standardangaben zählen.

Vergleichsdaten

Derzeit baut Aviloo mit Hilfe von Testnutzern eine Datenbank auf, die mit Vergleichswerten gefüttert wird. Je umfassender diese Datenbank und je präziser die Analysesoftware ist, desto weniger Zeit wird ein Batterie-Test in Anspruch nehmen. "Derzeit müssen wir fahren, bis der Akku leer ist, um ein genauer Ergebnis zu erzielen. Bis Ende des Jahres wollen wir die Testzeit auf zehn Minuten reduzieren. Die nächste Ausbaustufe ist ein stationäres Verfahren. Die Testfahrt würde damit komplett entfallen", meint Berger. In seiner Enwicklungsphase wird das Start-up von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) unterstützt.

Jenen Elektroautofahrern, die Aviloo beim Aufbau ihrer Datenbank helfen, bietet das Start-up einen Online-Zugang zu allen gesammelten Fahrzeugdaten. Technisch Interessierte könnten daraus spannende Erkenntnisse gewinnen, meint Berger. So sehe man etwa, mit welchen Leistungen die Batterie in der Praxis tatsächlich aufgeladen wird. "Wenn man liest, dass das Tesla Model 3 mit 200 Kilowatt laden kann, klingt das fantastisch. Aber das geht nur drei Minuten lang, dann wird die Batterie so heiß, dass das System die Leistung zurückfährt."

Testnutzer gesucht

Die ausgelesenen Daten ließen einen genauen Einblick in das Thema Temperaturmanagement zu, das insgesamt viel mehr Beachtung finden sollte, meint Berger. "Eine Batterie fühlt sich wie der Mensch am wohlsten zwischen 15 und 25 Grad. In der Früh eine Schnellladestation anzusteuern, wenn die Batterie noch kalt ist, bringt wenig. Man sollte erst ein wenig fahren und dann erst aufladen. Dann holt man das Maximum an Ladeleistung heraus." Spannend sei auch, wie verschiedene Autohersteller die Temperatur ihrer Batterien steuern. Eine aktive Wasserkühlung zahle sich laut Berger etwa für die Langlebigkeit der Batterie aus.

Derzeit hat das Start-up "einige Dutzend" Testnutzer. Im Raum Wien und Niederösterreich werden aber intensiv weitere Interessierte gesucht, um die datensammelnde Flotte auf "einige hundert" auszuweiten. Neben dem Online-Zugang zu den eigenen Fahrzeugdaten wird Testnutzern noch ein weiterer Bonus geboten. Am Aviloo-Firmenstandort in Biedermannsdorf (künftig Mödling) kann man seinen E-Auto-Akku mittels eines Spezialinstruments präzise vermessen lassen. Das gibt zusätzliche Aufschlüsse über den Zustand des Stromspeichers.


Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und FFG.