Science
02/18/2019

TU Wien entwickelt revolutionäres Display für Blinde

Forscher der Technischen Universität Wien wollen sehbeeinträchtigten Personen das Lesen von Blindenschrift erleichtern.

Für blinde Menschen sind die sechs tastbaren Punkte der Schlüssel zu Literatur und Wissenschaft, zum Lesen von Nachrichten, aber auch zu privater und beruflicher Kommunikation. Die Rede ist von der Blindenschrift, die 1825 von Louis Braille erfunden wurde. Jede Punktkombination auf dem sechsteiligen Raster steht dabei für einen Buchstaben des Alphabets. Mussten Bücher und Dokumente früher in gestanzter Brailleschrift aufwändig hergestellt werden, kann Text in digitaler Form heute relativ einfach über spezielle Geräte in Braille ausgegeben werden.

Im Gegensatz zu elektronischen Lesegeräten für Sehende wie dem Kindle sind die derzeit existierenden Braille-Displays aber extrem teuer und unhandlich. Der Einstiegspreis für portable Geräte, die nur zwölf bis 14 Braille-Zeichen in einer Zeile anzeigen können, liegt bei über 1000 Euro. Wer ein Tastatur-ähnliches Braille-Display mit 80 Zeichen nutzen möchte, muss gar bis zu 8000 Euro bezahlen und bekommt dafür ein sperriges Gerät, das definitiv nicht für unterwegs gedacht ist.

Mobiles Braille-Display

Eine Erfindung aus Österreich soll dies nun ändern. Dabei handelt es sich um ein ringartiges Gerät, das nicht nur in die Jackentasche passen, sondern auch weitaus günstiger als bestehende Lösungen sein soll.  Entwickelt wird es von einem Arbeitskreis an der TU Wien, der unter dem Namen Tetragon die Firmengründung vorbereitet. „Herkömmliche Braille-Displays bestehen aus einer unbeweglichen Zeile. Wenn der Zeigefinger am Ende angekommen ist, wird die Zeile neu aufgebaut“, erklärt Projektinitiator Wolfgang Zagler, der sich an der TU Wien seit über 40 Jahren dem Thema widmet.

„Bei unserer Lösung ruht der Zeigefinger im Inneren eines sich drehenden Rings. Während der Ring wie eine Computermaus auf dem Tisch fortbewegt wird, werden die Braille-Buchstaben bei jeder Umdrehung neu gebildet. Dadurch entsteht für den Lesenden der Eindruck einer unendlich langen Zeile“, erklärt Zagler. In späteren Versionsmodellen soll der Ring überhaupt von einem Motor angetrieben werden. Dann könne man das Gerät einfach in der Hand halten, um zu lesen.

Für den ersten Prototypen, der im Rahmen eines Spin-off-Programms der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) bis November 2019 fertiggestellt und dann in Kleinserie produziert werden soll, wollen es die Verantwortlichen so einfach wie möglich halten. Die Stromversorgung und Datenübertragung soll zunächst über Kabel abgewickelt werden. Im nächsten Schritt soll der sogenannte BrailleRing dann komplett drahtlos mittels Akku und Bluetooth-Anbindung benutzt werden können.

Günstige Lösung

Schätzungen gehen davon aus, dass es derzeit etwa 285 Millionen Menschen mit einer schweren Sehbehinderung gibt. 40 Millionen gelten als blind. „Wir streben einen Preis weit unter 1000 Euro an. Damit bekommen viele Menschen überhaupt erstmals die Möglichkeit, so ein Braille-Display zu erwerben. Mittel- und langfristig muss der Preis so gering sein, dass wir den Markt in der 3. Welt bedienen können, wo – etwa aufgrund von tropischen Krankheiten – 80 bis 90 Prozent aller blinden Menschen weltweit leben“, sagt Zagler im futurezone-Interview.

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Mit dem Gerät, das nicht nur besonders robust und preiswert sein soll, sondern vor allem auch Freude bei der Nutzung bereiten soll, wollen die Entwickler dazu  beitragen, dass die Kenntnis und Verwendung von Braille wieder zunimmt. In den vergangenen Jahren bescherten Smartphones Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung ungeahnte Möglichkeiten.

Die von Haus aus integrierte Sprachausgabe liest sämtliche Inhalte vor, die sich auf dem Handydisplay befinden. So können sich Blinde mit ein wenig Übung wie Sehende durch Apps hangeln oder sich eMails oder Nachrichten vorlesen lassen. Auch Sprachbefehle funktionieren im Zeitalter von Siri, Google Assistant und Alexa immer besser.

Braille bleibt unverzichtbar

Eine potenzielle Gefahr durch die praktischen Smartphones ist  jedoch, dass die   Kenntnis und aktive Nutzung von Braille zurückgeht. Denn Blindenschrift erfordert viel Geduld und Übung. Vor allem für Menschen, die erst im späteren Alter ihr Augenlicht verlieren, ist Braille daher oft eine unüberbrückbare Hürde – mit leider schwerwiegenden  Folgen.

„Nur zehn bis 20 Prozent aller blinden Menschen beherrschen Braille. Unter jenen, die einem Beruf nachgehen, sind es allerdings 80 Prozent“, erklärt Tetragon-Mitgründer Michael Treml. „Das zeigt schon, wie essenziell Braille im Arbeitsleben, aber auch im Bildungsbereich ist.“

Braille-Quader

Die Braille-Buchstaben werden durch drehende Quader im Ring-Inneren gebildet

BrailleRing Prototyp

BrailleRing

BrailleRing

BrailleRing Prototyp

Prof. Wolfgang Zagler

Michael Treml

Mike Busboom

Das kann auch  Mike Busboom bestätigen. Der gebürtige Amerikaner, der das Entwicklerteam mit seiner  Braille-Expertise unterstützt, ist von Geburt an blind. „Ein qualifizierter Beruf  ist ohne Blindenschrift  nicht denkbar. Um einen fehlerlosen, präzisen Text zu schreiben, kommt man mit der Sprachausgabe nicht weit. Aber auch, wenn man eine Präsentation machen oder eine vorbereitete Rede halten muss, kann man unmöglich alles auswendig lernen“, sagt Busboom.

Tasten statt hören

Aber auch beim Merken von Inhalten sei Braille weiterhin unerlässlich. „Ich persönlich merke mir Informationen viel besser, wenn ich sie in Blindenschrift ertaste, als wenn ich sie nur höre. Das ist sicher auch ein Typ-Sache. Unter sehenden Menschen gibt es ja auch eher auditive Typen, die zum Beispiel gerne Audiobooks hören. Andere wiederum wollen ein Buch in Händen halten und es lesen“, erklärt Busboom.

Es gehe dabei ohnehin weniger um ein entweder  – oder. „Sowohl das Handy mit Sprachausgabe als auch das Lesen über ein Braille-Display sorgen dafür, dass der Alltag für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen so effizient und einfach wie möglich gestaltet wird. Unser BrailleRing wird hoffentlich dazu beitragen.“

Disclaimer: Diese Serie erscheint in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG)