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Science
03/02/2020

Wie Alzheimer mit neuen Therapien behandelt wird

Innovationen in der Therapie und im Alltag unterstützen Menschen, die an einer Demenzform leiden.

von Andreea Iosa

Die Post-its auf dem Kühlschrank überhäufen sich. Manche davon sind Monate alt. Doch sie sind wichtig. Denn die kleinen gelben Notizen erinnern an alltägliche Notwendigkeiten. Mehr als 100.000 Menschen leiden in Österreich an einer Form von Demenz.

Die häufigste ist Alzheimer, die mehrheitlich Frauen betrifft. Zwischen den Nervenzellen im Gehirn bilden sich Ablagerungen, sodass die Informationsverarbeitung nicht mehr richtig funktioniert. Nach und nach sterben Nervenzellen ab, das Gedächtnis leidet. Nicht selten kann es vorkommen, dass sich Betroffene verirren oder ihr eigenes Kind nicht mehr erkennen. Doch neue Technologien können helfen.

Pulsstimulation

Die MedUni Wien und die Universitätsklinik für Neurologie haben eine neue Ultraschall-Methode entwickelt, die bei Alzheimer, aber auch bei Parkinson oder Multiple Sklerose, Abhilfe schaffen soll. Zum ersten Mal ist es möglich, jene Nervenzellen nicht-invasiv zu aktivieren, die zu einer Regeneration von Hirnfunktionen beitragen können. Die Methode nennt sich Transkranielle Pulsstimulation (TPS). Der Aktivierungspuls aus dem Ultraschallgerät begünstigt kurzfristige Membranveränderungen an den Hirnzellen – die Konzentration der Transmitter und anderer biochemischer Stoffe ändert sich. „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand dürfte TPS alle Nervenzellen und Gliazellen über diesen Mechanismus aktivieren können“, sagt Projektleiter Roland Beisteiner von der MedUni Wien. Als Gliazellen werden Bindegewebszellen im Nervengewebe bezeichnet, die sich sowohl strukturell als auch funktionell von Nervenzellen unterscheiden.

Vor dem Einsatz von TPS wird per Magnetresonanz eine Art Landkarte des Gehirns des Patienten erstellt. Denn: Hirnareale können bei jedem Menschen unterschiedlich positioniert sein. „Der Arzt kann am Bildschirm beobachten, wohin der Puls gezielt werden soll“, so Beisteiner. Die Nervenzellen werden bei vollem Bewusstsein und völlig schmerzfrei stimuliert und der Aufbau kompensatorischer Netzwerke im Gehirn unterstützt. Die erkrankte Hirnfunktion und die Gedächtnisleistung werden verbessert, der Leistungsabfall gebremst.

Besseres Gedächtnis

Erste klinische Daten, die gemeinsam mit Ernst Marlinghaus (Storz Medical) und einem deutschen Studienzentrum (Henning Lohse-Busch) veröffentlicht wurden, zeigen: 6 Sitzungen zu je einer Stunde sowie ein Zeitrahmen von 2 Wochen reichen aus, um deutliche Verbesserungen der Gedächtnisleistung festzustellen. „Die Neurodegeneration an sich kann durch das Verfahren aber nicht beeinflusst werden“, erklärt der Forscher. Eine Symptomverbesserung sei nach aktuellem Kenntnisstand dann längerfristig möglich, wenn die Aktivierung wiederholt durchgeführt wird.

Der große Vorteil ist, dass andere wirksame Therapien von der neuen nicht verdrängt werden. „Etablierte Verfahren wie kognitives Training und vor allem Bewegungstraining sind studienmäßig gut abgesichert und sollten unbedingt parallel weitergeführt werden“, sagt Beisteiner. Mit TPS erhalten Patienten aber eine Zusatzchance – klinische Neurowissenschaftler gehen daher von einem Durchbruch bei Behandlungsmöglichkeiten für Hirnerkrankungen aus. Bis zum tatsächlichen Einsatz von TPS muss jedoch noch weitere Forschung betrieben werden.

Digitaler Wandkalender

Auch zuhause gibt es Unterstützung. Die ist digital. Hans Stefan Moritsch und sein Team von der bkm design working group haben im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts Alzheimer-Patienten befragt, welche Strategien sie haben, um mit ihrem Handicap umzugehen. „Wir haben herausgefunden, dass sie sich unter anderem mit Tisch- und Wandkalendern, Notizbüchern und Post-its helfen. Das haben wir als Designer so interpretiert, dass wir diese Archetypen im Entwurf aufgreifen, mit denen die Menschen bereits vertraut sind und kein völlig neues Device entwickeln“, sagt Moritsch.

Entstanden ist Memento. Das Gerät besteht aus einem beschreibbaren Notizbuch auf Basis von E-Ink-Tablets, einer Smartwatch und einer im Hintergrund programmierten Cloud. Es sammelt übersichtlich alle wichtigen Informationen – etwa Namen und Gesichter von Angehörigen – und erinnert an Termine, Einkaufslisten und die Medikamenteneinnahme.

Memento soll in sehr frühen Stadien von Alzheimer-Demenz-Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung dabei helfen, ein selbstständiges Leben zu führen und Pflegekräfte entlasten. „Wichtig war, dass das System nicht stigmatisierend ist. Daher haben wir versucht, es möglichst unsichtbar zu machen und in vertraute Objekte zu integrieren“, so der Design-Chef.

Das ist gut angekommen. Laut Studienleiterin Elisabeth Stögmann von der MedUni Wien stammen die Forschungsergebnisse aus kleinen Feldversuchen, in denen etwa 30 Patienten in 3 Ländern – Österreich, Italien, Spanien – untersucht wurden. „Dies lässt natürlich keine wirkliche statistische Analyse zu. Aber die Rückmeldung der Patienten war durchaus positiv im Hinblick auf die Sinnhaftigkeit des Einsatzes eines solchen Geräts.“ Das Projekt wurde Ende Februar abgeschlossen.

Frühdiagnose durch Handyspiel

Wir verbringen jede Woche 3 Milliarden Stunden mit Spielen, sagte Neurowissenschaftlerin Gillian Coughlan von der Norwich Medical School bei der TEDxVienna-Konferenz im Oktober. Warum diese Aktivität nicht zur frühen Diagnose von Alzheimer nutzen? Während dafür normalerweise das Gedächtnis untersucht wird – jedoch oft erst zu einem sehr späten Zeitpunkt – zeichnet das Handyspiel „Sea Hero Quest“ die räumliche Orientierung auf.

Der Verlust des Richtungssinns ist nämlich sehr wahrscheinlich eines der ersten Symptome für Alzheimer, wie Coughlan erklärt. „Wir können Kandidaten mit höherem Risiko nach nur 10 Minuten Computerspielen identifizieren“, sagt die Neurowissenschaftlerin.

Längere Fahrten

Das Spiel ist simpel: Man muss das Boot durch das Meer navigieren. Es hat sich herausgestellt, dass Alter, Geschlecht und Nationalität einen starken Einfluss auf die Navigationsfähigkeiten, ergo räumliche Orientierung, haben. Daneben spielt auch die Genetik eine wichtige Rolle: Menschen mit genetischem Risiko erkranken 3 bis 4 Mal wahrscheinlicher an einer  Demenzform als andere. Im Hinblick auf das Spiel fahren sie außerdem längere Distanzen mit dem virtuellen Boot.

Der Grund dafür liegt darin, dass sie am Ufer entlangfahren. Spieler ohne genetischem Risiko fahren hingegen eher mittig. Auch wenn die Risikogruppe keinerlei Gedächtnisprobleme hat, könnten sich damit erste Warnzeichen zeigen. Das sei nicht nur zeitsparend, sondern im Vergleich zu Hirnscans auch viel kostengünstiger. Eine Behandlung kann in Folge früh angesetzt werden, sodass der Krankheitsverlauf verlangsamt wird.

Diese Serie erscheint in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung der  Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).

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