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Science
02/24/2020

Wie Technologie Ängste und Phobien heilen kann

Virtual Reality und audiovisuelle Inhalte haben Einzug in die Psychologie und Medizin gehalten. Benötigt wird nur eine Brille.

von Andreea Iosa

Acht lange haarige Beine, ein fünf Zentimeter langer Körper, langsame Bewegungen. Die Spinne krabbelt auf dem Tisch in Julias Richtung. Ihre Hände fangen an zu schwitzen – sie bleibt aber ruhig sitzen. Julia weiß nämlich, dass die Spinne nicht echt ist. Sie kommt aus der virtuellen Realität (VR) und ist Protagonistin einer Angsttherapie.

Julia zählt zu den 39 Prozent der Österreicher, die sich vor Spinnen fürchten. Neben dieser „geläufigen“ Angst gibt es auch außergewöhnlichere, etwa die Alliumphobie – die Furcht vor Knoblauch – oder die Angst vor der Zahl 666 – genannt Hexakosioihexekontahexaphobie. Im Grunde gibt es nichts, wovor sich Menschen nicht fürchten können. So gibt es tatsächlich auch eine Austrophobie – die Angst vor Österreich.

Nachhaltig bewältigt

In der Regel meiden Menschen Situationen oder Objekte, die ihnen nicht gefallen. Wird diese Vermeidungstaktik jedoch zu lange angewandt, kann sich aus einer Angst eine Phobie manifestieren. Lösen kann die in der Regel dann nur noch eine Konfrontationstherapie. Auch mithilfe von VR. Das Wiener Phobienzentrum Phobius wendet die Technologie seit 2017 an. „Forschung dazu wurde aber schon vor über 25 Jahren betrieben“, sagt Geschäftsführer Christian Dingemann im futurezone-Interview. Je nach spezifischer Phobie ändert sich die virtuelle Welt: Es ist entweder ein Tisch, worauf eine Spinne krabbelt oder ein Hochhaus, auf dem der Patient steht und hinunterschaut. In 8 bis 10 Stunden ist die Angst oder Phobie nachhaltig bewältigt. „Das ist für viele erst merkwürdig, weil sie schon über Jahre eine Psychotherapie gemacht haben und keinen Erfolg hatten“, so der Psychologe.

Manche Patienten ergänzen die VR-Therapie auch mit der echten, der sogenannten „in vivo“-Therapie, um zu testen, ob die Phobie tatsächlich weg ist. Bestimmte Störungen, die etwa mit Depressionen einhergehen, müssen aber zusätzlich psychologisch behandelt werden. „Die VR-Therapie funktioniert mindestens genauso gut wie die echte Konfrontation. Sie ist aber mit weniger Aufwand verbunden, man muss nichts organisieren, es entstehen keine logistischen Probleme und sie ist auch kostensparend“, sagt Dingemann. Denn mithilfe von VR entfallen beispielsweise Kosten, etwa für einen zusätzlichen Hundetrainer bei Angst vor Hunden. Störvariablen wie schlechtes Wetter oder zu viele Menschen im Freien sind ebenfalls ausgeschlossen. Laut Dingemann hat sich herausgestellt, dass sich die Therapiemotivation sogar erhöht, wenn die Konfrontation nicht echt ist.

Filmklassiker

Eine ähnliche Brille kommt auch bei Ängsten vor medizinischen Behandlungen zum Einsatz – die zweitgrößte Angst der Österreicher. Das heimische Unternehmen HappyMed hilft Patienten anhand von unterschiedlichen Videos, sich vor, während und nach einer Behandlung zu entspannen. Sie tauchen in unterschiedliche Videoinhalte ein, die sie vom eigentlichen Geschehen im Arztzimmer ablenken. „In den unterschiedlichen Kategorien wie Natur und Entspannung, Filmklassiker, Meditation etc. finden sich nicht nur preisgekrönte Filmbeiträge und Dokumentationen, sondern auch klassische Konzerte und spezielle Programme für Kinder“, sagt Philipp Albrecht, CEO von HappyMed.

Vorteile dieser Angstbehandlung sind, dass sie natürlich, schonend und nicht-medikamentös beziehungsweise mit einem geringeren Bedarf an Schlaf- und Beruhigungsmittel durchgeführt wird. „Durch die Einsparungsmöglichkeiten von sedierenden Medikamenten kann die Aufwachzeit zudem verkürzt werden. Unter regionalen Anästhesien kann es zum Beispiel auch vorkommen, dass Patienten gar keine Sedierung mehr benötigen. Das spart Zeit und Kosten“, so Albrecht.

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 Kinder und Ältere

Die Brille wird insbesondere in den Fachabteilungen für Anästhesie, Onkologie und neuerdings auch in der Kardiologie eingesetzt. „In Evaluierungen konnte gezeigt werden, dass sich mehr Patienten für eine regionale Anästhesie entscheiden, wenn Ihnen die Ablenkungsmöglichkeit mit der Videobrille geboten wird. Hinsichtlich Patientengruppen mit besonderen Bedürfnissen hat sich gezeigt, dass ältere Menschen speziell von der Einsparungsmöglichkeit an zusätzlichen Medikamenten profitieren und Kinder besonders bei Notfällen mit der Brille gut motiviert werden können. Die Videobrille wird in Österreich, Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, England und Schweden vertrieben und wurde schon über 100.000 Mal angewandt. 

Hilfe in der Hosentasche bei Panik

Die Wiener App Pocketcoach bietet bei Angstzuständen und Panikattacken diverse Techniken und Selbsthilfeprogramme auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse an. Ein digitaler Coach leitet mit Ratschlägen durch schwierige Situationen. „Die App ist für jene Menschen gedacht, die sich zu viele Sorgen machen – entweder allgemein oder aktuell wegen eines bestimmten Themas“, sagt Manuel Kraus, CEO von Pocketcoach. Ziel sei es, Betroffene auf einfache Art und Weise und ohne große Barriere Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Dabei führt ein  Chatbot durch Kurse und Lektionen und zeigt Übungen vor. Die Konversationen sind geschlossen und vordefiniert.

Die Nutzer lernen Schritt für Schritt, mit dem umzugehen, womit sie kämpfen. „Sie lernen den Zusammenhang zwischen Gedanken und Gefühlen und wie sie diese interpretieren. Und sie lernen, was genau falsch läuft, wenn sie sich so viele Sorgen machen und etwa immer das Worst-Case-Szenario vorstellen“, so Kraus. Pocketcoach gibt es seit Mitte September – seitdem zählt sie über 15.000 Downloads. Die großen Märkte sind primär die USA, Großbritannien und Australien. „Angststörungen betreffen rund 15 Prozent der Bevölkerung in den USA. Bei uns wird das aber nicht viel anders sein“, sagt der Psychologe.

“Einer der größten Vorteile der App sei laut Nutzerfeedback der Lernaspekt: Ihnen würden neue Möglichkeiten aufgezeigt, um mit einem meist alten Problem umzugehen. Auch hätten sie das Gefühl, verstanden zu werden. „Das klingt zwar seltsam, weil dahinter eine App steckt, dennoch nehmen die Nutzer es so wahr“, so Kraus. Zwischenmenschliche Beziehungen kann sie aber natürlich nicht ersetzen. Das sei aber auch nicht der Anspruch. Wichtig sei vielmehr, dass die App auch zu Zeiten Hilfe anbietet, wenn etwa ein Psychologe nicht erreichbar ist.

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