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Start-ups
08/22/2019

Finanzberatung: "Der Mensch wird immer eine Rolle spielen"

Das von renommierten Finanzpsychologen gegründete Wiener Start-up Behaviorquant unterstützt Vermögensberater mit Datenanalysen.

von Patrick Dax

"Durch optimierte Beratung kann man viel Geld für den Kunden sichern", sagt Gerlinde Berghofer. Gemeinsam mit dem Finanzpsychologen Thomas Oberlechner hat die promovierte Psychologin das Start-up Behaviorquant gegründet, das Banken und Vermögensberatern mithilfe prädiktiver Analysen von Verhaltensdaten dabei helfen will, ihre Finanzberatung zu verbessern.

"Wir geben Beratern die Möglichkeit, mit den Kunden so in Kontakt zu treten, dass es ihren tatsächlichen Werten und Präferenzen entspricht", erzählt die Gründerin. Dafür hat das Start-up ein Tool namens BQ Advisory entwickelt, das Kunden eine Reihe von Fragen stellt und sie durch verschiedene Szenarios und Simulationen führt. "Es ist ein kurzes, abwechslungsreiches Verfahren, das zwischen 5 und 15 Minuten dauert. Es kann auch modular eingesetzt werden", erzählt Berghofer. Der Finanzberater erhält dann klare Empfehlungen, die auf den Vorlieben und Bedürfnissen des Kunden aufbauen. 

Umfangreiches Datenmaterial

Das klingt einfach, die Grundlage für das für Desktop, Tablet und Smartphone verfügbare Programm ist aber komplex und umfasst umfangreiches Datenmaterial. "Wir greifen auf umfassende wissenschaftliche Forschung zurück, die mit Finanzentscheidern gemacht wird", sagt Berghofer. Künftig sollen auch externe Daten in das System einfließen. Das Programm soll dann um die Fähigkeit des maschinellen Lernens erweitert werden.

Das Tool könne von Banken auch genutzt werden, um Produkte zu entwickeln, die zielsicherer auf spezifische Kundensegmente abgestimmt sind, sagt Berghofer: "Man kann Kunden Produkte anbieten, die viel besser zu ihrer Anlegerpersönlichkeit passen."

Robo-Advisor "nur am Anfang spannend"

Ziel sei die Unterstützung von Vermögens- und Finanzberatern, sagt Berghofer. Aber welche Rolle spielen Menschen noch in einem System, in dem zunehmend automatisierte Lösungen, etwa die sogenannten Robo-Advisors, zum Einsatz kommen? Robo-Advisors seien vielleicht am Anfang spannend, meint die Gründerin. Die Leute würden sich aber nicht erkannt fühlen. "Automatisierte Beratung ist ein Start. Dann müssen Berater, die den Klienten kennen, dazukommen. Der Mensch wird immer eine Rolle spielen."

Neben den auf Beratungsdienstleistungen spezialisierten Angebot BQ Advisory hat das Start-up ein weiteres Produkt entwickelt, dass sich an institutionelle Investoren wendet. Ob man dem Team oder Managern hinter Fonds vertraue, sei heute weitgehend eine intuitive Frage, weil hauptsächlich die Finanzen geprüft würden, erzählt Berghofer: "Wir liefern objektive Daten zum Fondsmanager und zum Team, das hinter dem Fonds steht."

Langjährige Expertise und Erfahrung

Berghofers Mitgründer Thomas Oberlechner ist ein international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Behavioral Finance. Er hat zahlreiche Bücher über die Psychologie von Anlegern veröffentlicht und in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu dem Thema geforscht.

Vor der Gründung des Start-ups im Jahr 2018 waren Berghofer und Oberlechner im Silicon Valley im Bereich der Finanztechnologie tätig, wo sie zuletzt ein Beratungsunternehmen gründeten. "Nach fünf Jahren Silicon Valley wollten wir auch wieder häufiger in Österreich sein", sagt Berghofer. Mit ein Beweggrund für die Gründung in Wien war auch das breite Angebot an öffentlichen Förderungsmöglichkeiten für innovative Technologien. "Das gibt es in den USA nicht." BehaviorQuant wird in Österreich sowohl von der Förderbank austria wirtschaftsservice (aws) als auch der Forschungsförderungsgesellschaft FFG gefördert. 

"Man kann noch gute Leute finden"

Für die Unternehmensgründung in Österreich gibt Berghofer aber auch noch einen weiteren Grund an. "Entwickler sind im Silicon Valley unglaublich teuer", meint die Gründerin. In Österreich könne man trotz Fachkräftemangels noch gute Leute finden: "In den USA arbeiten die wirklich guten Entwickler meist bei Google oder Amazon."

Das Verständnis für die Produkte des Start-ups sei in den USA zwar größer, aber auch in Europa gebe es bereits Interesse, erzählt Berghofer. Gespräche gebe es etwa mit Privatbanken im deutschsprachigen Raum. "Wir gehen auch Kooperationen ein mit Firmen in Europa und den USA, die kompatibel mit unserem Ansatz sind", ergänzt Berghofer.

Als nächstes sollen die beiden Produkte EU-weit und in den USA am Markt Fuß fassen. Parallel dazu sollen sie um neue Funktionen erweitert werden. Im Fokus werde dabei auch die Integration von künstlicher Intelligenz stehen. Danach will das Start-up den Versicherungsmarkt in Angriff nehmen. Berghofer: "Da haben wir genug zu tun."

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und aws (austria wirtschaftsservice).