Start-ups
30.04.2017

Troll-Blocker, Heuchler-Handy und smartes Einkaufswagerl

In Barcelona fand die Start-up-Messe 4YFN statt. Hier eine Auswahl der interessantesten und ungewöhnlichsten Produkte und Apps.

Im früheren Veranstaltungsgelände des Mobile World Congress herrschte heuer wieder reges Treiben. Zeitglich mit der Mobilfunkmesse, ein paar Schnellbahnstationen entfernt, fand die Four Years From Now (4YFN) statt. Über 500 Firmen und Start-ups zeigten ihre Apps, Prototypen und Ideen für neue Produkte.

Der Fokus lag zwar auf spanischen Firmen, es waren aber Unternehmen aus aller Welt angereist, um mit potenziellen Investoren und Partnern zu verhandeln, mit anderen Start-ups fachzusimpeln oder um mit den wenigen Medien-Vertretern zu plaudern, die durch die Messehalle schlenderten.

Die Messehalle der Start-up-Veranstaltung 4YFN © Bild: Gregor Gruber
Die Atmosphäre war entspannt. Wahrscheinlich auch, weil ein „wir sitzen alle im selben Boot“-Feeling herrschte. Abgesehen von wenigen großen Firmen, wie Microsoft und Samsung, hatten fast alle genormte, gleich kleine Messestände – sogar die Schilder mit den Kurzerklärungen der Unternehmen waren uniform.

Hier findet ihr ein paar der Start-ups und Firmen im Überblick.

Medizinische Diagnose per App

mediktor © Bild: mediktor
Mit künstlicher Intelligenz und Machine Learning willMediktor Krankheiten erkennen, anhand der Symptome die der User eingibt. Durch die Eingabe von medizinischen Daten (wenn vorhanden) und der Beantwortung von durchschnittlich 14 Fragen wird eine Diagnose erstellt - samt Dringlichkeit, wie schnell welche Maßnahmen eingeleitet werden sollen.

Das Ganze soll nicht nur ein getuntes „Dr. Google“ sein, sondern sehr präzise arbeiten und durch medizinische Studien und Forschungen verifiziert sein. Das System soll an Versicherungen verkauft werden. Diese sparen Geld, wenn der Patient richtig und schnell behandelt wird, wenn es nötig ist. Zudem können Ärzte, passend zur erstellten Diagnose, angezeigt werden, die Verträge mit den Versicherungen haben.

Mediktor gibt es für den Browser, Android, iOS und die Apple Watch.

Samsung C-Lab Monitorless

Samsung C-Lab Monitorless © Bild: Gregor Gruber
Bei dem Projekt von Samsungs Inkubator werden Desktop-Inhalte per Augmented Reality in die reale Umgebung eingeblendet. Dies ist mit mehreren PCs gleichzeitig möglich. Gesteuert wird mit Bluetooth verbundenen Geräten wie einer Maus oder über das Smartphone, das als Touchpad agiert.
Samsung C-Lab Monitorless © Bild: Gregor Gruber
Administratoren könnten so von unterwegs aus mehrere Server im Blick behalten. Der Prototyp wurde mit einer Gear VR demonstriert. Passend zur Anwendung wurde auch eine Standalone-Augmented-Reality-Brille gezeigt. Diese sieht wie eine Sonnenbrille aus und hat auf der Innenseite zwei semi-transparente Bildschirme, die Inhalte anzeigen. Das Prinzip erinnert an Google Glass.

Bezahlen per Ring

Hippo Technologies NFC Ring © Bild: Gregor Gruber
Das in Barcelona ansässige Start-upHippo Technologieswill eigentlich alles machen: Von IOT über Mobile Development bis zu Design und Branding. Als Beispiel wurde ein günstiger NFC-Ring gezeigt. Damit könnten Festival-Besucher oder Gäste von Ferien-Ressorts bezahlen.

Festival-Band trackt Besucher

Das spanische Start-up Easy Go Band ist in diesem Bereich deutlich spezialisierter und hat bereits weltweit Kunden. Sie bieten die Software-Lösung an, mit der Kreditkarten-Daten mit NFC-Eintritts- bzw. Zutrittsbändern verknüpft werden. So können Festival-Besucher und Gäste von Vergnügungsparks kontaktlos zahlen.

Easyband © Bild: Gregor Gruber
Ebenfalls bietet man den Betreibern ein Tracking der Besucher an, das durch Antennen an bestimmen Orten möglich ist. Wird etwa eine Antenne bei der Bar angebracht, können Besucher anhand ihrer NFC-Bänder im Radius von bis zu zehn Metern getrackt werden.

Flucht-Videos

Ges-Emer © Bild: Gregor Gruber
Das spanische Unternehmen Ges-Emer hat sich auf die Schulung von Notfällen spezialisiert. Es werden 360-Grad-Fotos von Orten gemacht und wichtige Punkte mit Infos hinterlegt. Tippt man etwa im Foto der Fabrikshalle auf den Feuerlöscher an der Wand, wird die Gebrauchsanleitung dazu angezeigt. Ges-Emer evaluiert derzeit, ob man eine Augmented-Reality-Lösung anbieten wird.

Außerdem erstellt Ges-Emer animierte Videos für Unternehmen, die die Fluchtwege zeigen. Diese könnten etwa in Hotels am Fernseher gezeigt werden, wenn der Gast zum ersten Mal das Zimmer betritt, oder in den Wartebereichen von Krankenhäusern. Auf die Frage, ob das nicht Besucher und Patienten verunsichert, gab es keine Antwort.

Magnetisches Notfall-Licht

Help-Flash © Bild: Gregor Gruber
Help-Flash ist ein Licht, das bei Pannen oder Unfällen zum Einsatz kommen soll. An der Unterseite ist ein Magnet um es an Auto, Motorrad oder Fahrrad anzubringen. Einmal angebracht, beginnt ein gelbes Licht zu blinken, das in der Nacht eine Reichweite von bis zu einem Kilometer hat.

Das Licht kann durch ein Drehen manuell aktiviert werden. Ein Dreh in die andere Richtung aktiviert ein weißes, permanentes Licht, um das Help-Flash als Taschenlampe zu nutzen. Das Help-Flash nutzt eine 9v Blockbatterie und ist um 30 Euro erhältlich.

Troll-Blocker

SafetoNet © Bild: SafetoNet
Das britische UnternehmenSafeToNetwill Trolle, Cyberbullys und Terroristen erkennen und zensieren. Dazu wird die App auf dem Smartphone des Kindes installiert. Ein Algorithmus lernt durch Nachrichten und Gespräche und soll so zielsicher erkennen, wenn das Kind belästigt wird oder selbst jemanden belästigt.

Diese Nachrichten werden dann nicht angezeigt, bzw. nicht verschickt. Die Eltern bekommen eine Warnung auf ihr Smartphone, die etwa sagt: „Dein Kind wurde gerade mit 80 prozentiger Wahrscheinlichkeit belästigt.“ Den Inhalt der Nachricht und wer sie geschickt hat, bekommen die Eltern nicht zu sehen – dies wäre laut SafeToNet gegen das Gesetz.

Laut dem Unternehmen ist der Algorithmus so gut, dass er Sarkasmus und Sticheleien unter Freunden von echten Drohungen und Beleidigungen unterscheiden kann. Der Algorithmus wurde kürzlich erweitert um Propaganda, Radikalisierungs- und Rekrutierungsversuche des IS zu erkennen und zu blockieren. Auch in Bildern werden IS-Logos und -Flaggen erkannt.

Die App funktioniert nur mit unverschlüsselten Diensten – auf WhatsApp hat sie keinen Zugriff. Deshalb ist in der App eine Möglichkeit eingebaut, um die Nutzung anderer Apps komplett zu blockieren.

Smartphone aus Carbon

Das spanische Start-up CarbonWorks mit Sitz in Berlin hat ein Smartphone präsentiert, dessen Gehäuse aus Carbon ist. Dadurch ist es besonders dünn und leicht. Hier geht es zum Hands-on.

Galerie: Carbon

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Musiker-Vermittlung

Das Start-up acqustic bezeichnete sich am 4YFN selbst als ein AirBnB für Musiker. Allerdings werden hier keine künstlerfreundlichen Wohnungen vermietet, sondern Bands und Sänger für Veranstaltungen vermittelt. Auf der Website können sich Interessierte Videos der Künstler ansehen, deren Biografie lesen und die Bewertungen anderer User studieren.

Das Buchen zum Wunschtermin findet über die Website statt. acqustic erhält insgesamt 20 Prozent der Einnahmen als Vermittlungsgebühr. 15 Prozent bezahlt der Kunde, fünf Prozent der Künstler. Derzeit ist acqustic hauptsächlich in Barcelona und Umgebung tätig. Das nächste Ziel ist das Ausweiten des Dienstes auf Europa.

Smartes Schloss für Vermieter

Lock Up Apartments © Bild: Gregor Gruber
Das spanische UnternehmenLock Upstellt ein smartes Türschloss her, das per Smartphone geöffnet wird. Im Gegensatz zu ähnlichen Produkten richtet sich dieses aber nicht an Endkunden, sondern Hotels.

Mit Lock Up Apartments gibt es jetzt eine Variante für private Vermieter. Der Mieter bucht wie gewohnt das Apartment über Plattformen wie AirBnB. Er bekommt vom Vermieter ein Mail mit der Aufforderung die Lock Up App herunterzuladen. In der Mail ist der Schlüssel enthalten, den sich die App automatisch holt.

Der Mieter kann jetzt im Buchungszeitraum das smarte Schloss des Apartments mit der App öffnen. Der Schlüssel wird offline in der App gespeichert, die Verbindung zum Schloss erfolgt per Bluetooth. Im Apartment platziert der Vermieter üblicherweise eine NFC-Karte, mit der der Mieter ebenfalls das Schloss öffnen kann – so wie einem Hotel.

Durch dieses System muss kein physischer Schlüssel übergeben werden, wodurch der Mieter auch spät nachts oder sehr früh ins Apartment einchecken kann. Der Vermieter verwaltet die digitale Schlüsselvergabe per Web-Interface. Das Schloss kostet 200 Euro, pro Apartment zahlt der Vermieter noch eine monatliche Gebühr von 5 Euro.

Das Mini-Heuchler-Phone

Das Light Phone ist ein minimalistisches Handy, das in etwa so groß wie ein Kreditkarte ist. Damit kann man nur telefonieren und Schnellwahlkontakte einspeichern.

Galerie: The Light Phone

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Wie der Mitgründer von Light Phone Joe Hollier im Gespräch erklärt, geht es nicht darum das beste, kleinste oder hübscheste Gerät zu machen, sondern um die Erfahrung disconnected zu sein, aber gleichzeitig erreicht werden zu können.

Auf meine Frage, ob das nicht ein wenig heuchlerisch ist, lacht er und sagt ja. Einen Zweck des Light Phone sieht er darin, den Besitzern ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, wenn sie ohne Smartphone unterwegs sein wollen. Als Beispiel nennt er die Mittagspause während eines stressigen Arbeitstages. Man lässt das Smartphone im Büro, um zumindest eine halbe Stunde nicht von Mails, Chats und Messengern belästig zu werden. Das Light Phone hat man aber mit, um bei ganz dringenden Fällen erreichbar sein.

Joe Hollier und das Light Phone © Bild: Gregor Gruber

Auch wenn Joe skaten oder zum Fotografieren wandern geht, lässt er sein Smartphone zuhause. Da sich seine Freundin Sorgen macht, hat er das Light Phone dabei um Hilfe rufen zu können, falls er einen Unfall hat.

Laut Joe gibt es 7.000 Vorbestellungen für das Light Phone. Bis Mai will man diese abgearbeitet haben. Das Light Phone wird es in Schwarz und Weiß um 150 US-Dollar zu kaufen geben. Das Vorseriengerät wirkte in einem schnellen Hands-on noch nicht ganz fertig. Ein paar zu große Spaltmaße störten den Monolith-Look. Bei den finalen Geräten soll dies laut Joe besser sein.

Einkaufswagerl mit Elektromotor

Smarter Einkaufswagen von Tracxpoint © Bild: Gregor Gruber
Das israelische Start-up Tracxpoint arbeitet an einem smarten Einkaufswagen, der bereits in einigen Testfilialen erprobt wird. Anfang 2018 soll die nächste Version getestet werden.

Der Wagen hat Kameras die erkennen, welche Produkte hineingegeben oder hinausgenommen werden. Am Display des Wagens können etwa die Inhaltsstoffe der Produkte, Aktionen oder andere dazu passende Produkte angezeigt werden. Da der Wagen immer weiß welche Produkte darin sind, kann im Check-Out-Bereich direkt über das Display per Smartphone-App oder NFC-Karte bezahlt werden.

Die Wagen können nur nach einem Login mit User-ID aus der Docking-Station entnommen und genutzt werden. Dadurch ist es möglich am Display personalisierte Inhalte anzuzeigen, wie etwa eine vorher per Smartphone eingegebene Einkaufsliste oder Aktionen, die dem bisherigen Kaufverhalten des Users angepasst sind. Der Wagen hat auch eine Diebstahlsicherung integriert. Laut Tracxpoint sparen sich Supermärkte so viel Geld, weil häufig Wagen gestohlen werden.

Die viele Technik in dem Einkaufswagen macht ihn schwer. Deshalb hat er einen Elektromotor eingebaut, der das Schieben erleichtert. Pläne für eine selbstfahrende Variante, die dem Einkäufer automatisch folgt, gibt es noch nicht.

Lebenrettende Milchflasche

Das südkoreanische Start-up PiQuant arbeitet an einer Flasche, die Melamin in Milch erkennt. Während des chinesischen Milch-Skandals im Jahr 2008 sind 300.000 Babys wegen melaminhaltiger Milch erkrankt und sechs gestorben. 2010 wurde wieder Melamin in chinesischer Milch gefunden.

Bei PiQuant reicht es die Milch in die Flasche zu leeren, die App zeigt innerhalb weniger Sekunden an, ob Melamin enthalten ist oder nicht. Laut dem Start-up kann die Flasche modifiziert werden, um künftig andere schädliche Stoffe in Lebensmitteln zu erkennen.

Laut einer Vertreterin von PiQuant wird das Gerät zu Beginn vermutlich zwischen 100 und 200 US-Dollar kosten. Viele chinesische Eltern, vor allem in ruralen Gebieten, werden sich das nicht leisten können.

Dual Action Mask Pack

Dual Action Mask © Bild: Gregor Gruber
Die Gesichtsmaske, die irgendwo zwischen Iron Man Mark 1, billigen Science-Fiction-Alien und Horror-Film-Charakter einzuordnen ist, soll mittels Ionen und Akupunkturmassage Falten reduzieren. Dazu werden die akkubetriebenen Motoren- und Steuereinheiten in die Maske eingesetzt. Bedient wird das Ganze per App.

F&D Partners

Ein weiteres Kosmetikprodukt aus Südkorea. F&D Partners zeigt seinen Facial Skin 3D Analyzer. Das Gesicht wird gescannt, eine Software soll danach die besten Behandlungsmethoden empfehlen. Das Gerät ist nicht für medizinische Zwecke gedacht, sondern für Schönheitschirurgen und Kosmetiksalons. Ausprobiert werden konnte es nicht: Laut den Mitarbeitern vor Ort wurde das Gerät beim Import vom Zoll beschädigt.

Let’s Innovate

Helli Motorradhelm © Bild: Gregor Gruber
Das Start-up aus Pakistan entwickelt mitHelli einen smarten Motorradhelm. Der Helm fungiert als Bluetooth-Freisprecheinrichtung, misst den Puls und hat GPS und Beschleunigungssensoren eingebaut. Das Bremslicht an der Rückseite geht automatisch an, wenn gebremst wird. Die Blinker blinken, wenn laut Google Maps am Smartphone abgebogen werden muss, um weiter Richtung Ziel zu fahren. Per am Lenker montierter Fernsteuerung können die Helmblinker auch manuell eingeschaltet werden.
Helli Fahrradhelm © Bild: Gregor Gruber
Registriert der Helm einen Unfall, setzt er automatisch einen Notruf mitsamt GPS-Koordinaten ab. Laut dem Start-up sterben in Pakistan viele Menschen bei Motorradunfällen, weil die Rettung trotz Notruf des Unfallopfers den Unfallort nicht schnell genug findet. Let’s Innovate arbeitet auch an einer Fahrradhelm-Version von Helli.

Doobit

Doobit © Bild: Gregor Gruber
Der Desinfektionsspender wird wie eine Armbanduhr getragen. Alle 30 Minuten vibriert derDoobit um darin zu erinnern, dass es Zeit ist die Hände zu desinfizieren. Der Träger drückt auf den Knopf woraufhin ein Countdown gestartet wird, der durch die LEDs angezeigt wird. Dann wird eine kleine Wolke (0,15ml) an Desinfektionsmittel ausgesprüht, idealerweise in die rechte Hand, die man darüber hält. Jetzt die Hände reiben und fertig ist der Desinfektionsprozess.

Der Doobit funktioniert mit Kapseln. Durchschnittlich reicht eine Kapsel für drei Tage aus. Der Doobit soll etwa 20 US-Dollar kosten, eine Kapsel ein US-Dollar. Doobit ist in erster Linie nicht für Privatkunden gedacht, sondern soll von Behörden und Hilfsorganisationen an Menschen in Gebieten verteilt werden, in denen etwa Epidemien ausgebrochen sind. Die Massenproduktion soll Ende 2017 starten.