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weXelerate Wien bekommt größtes Start-up-Zentrum Zentraleuropas.

Markus Wagner, Dominik Greiner, Eveline Steinberger-Kern, Hassen Kirmaci und Thomas Polak sind das Führungsteam hinter  dem Gründerzentrum.
Markus Wagner, Dominik Greiner, Eveline Steinberger-Kern, Hassen Kirmaci und Thomas Polak sind das Führungsteam hinter  dem Gründerzentrum. - Foto: KURIER/Jeff Mangione
Hundert Start-ups aus den Bereichen Internet of Things, Fintech und Medien sollen jährlich in das Innovationszentrum im Nouvel Tower am Donaukanal aufgenommen werden.

Noch zeigt in den ersten vier Stockwerken des Nouvel Towers am Wiener Donaukanal die Designplattform Stilwerk Sofas, Betten und schicken Hausrat. Ab dem Spätsommer soll das vom französischen Stararchitekten Jean Nouvel entworfene Hochhaus zum Tummelplatz für Gründer und Investoren werden. Auf 8000 Quadratmetern werden hunderte Start-ups, Risikokapitalgeber und Partner aus der Wirtschaft in das 2010 eröffnete Gebäude einziehen.

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Nouvel Tower am Wiener Donaukanal - Foto: KURIER/Gerhard Deutsch
"Wir haben die Chance ein Innovations-Wahrzeichen für den gesamten zentral- und osteuropäischen Raum zu schaffen", sagt Hassen Kirmaci CEO von weXelerate, einem Zusammenschluss aus heimischen Investoren, der das Innovationszentrum betreibt. Kirmaci rechnet mit 10.000 Bewerbungen von Start-ups aus der ganzen Welt. Weitere Initiatoren des ambitionierten Projekts sind Eveline Steinberger-Kern (Blue Minds Group), Dominik Greiner (Camouflage Ventures) sowie Markus Wagner, Gründer von i5invest. Auch der Risikokapitalgeber Speed Invest wird in das Start-up-Zentrum einziehen.

Vierstufiger-Aufbau

Die Grundstruktur des Start-up-Hubs folgt sowohl physisch als auch vom Konzept her einem vierstufigen Aufbau. So soll die Fläche im Erdgeschoß einem Co-Working-Space dienen, der auch kleinen Projekten mit zwei bis drei Personen Platz bietet. Dort sollen auch Events, Podiumsdiskussionen und internationale Gastvorträge stattfinden. Im ersten Stock werden dann für 100 Tage jene Start-ups angesiedelt, die es in den Akzelerator schaffen. Ein Stockwerk darüber - der Champions Floor - ist für bereits etablierte Start-ups reserviert, das vierte Stockwerk wird schließlich Investoren, Business-Angels und Partner aus der Industrie beherbergen.

Auch aus der Community selbst können und sollen Start-ups entstehen. “Unser Ansatz ist es, dass Personen oder Gruppen zu uns reinkommen, sich im Co-Working-Space einmal mit allen vernetzen können. Wenn sie sich für das Akzelerator-Programm bewerben, sind sie dort für die 100 Tage im Förderprogramm, um Anschlussfinanzierung zu erhalten und eben einen Stock höher zu ziehen”, erklärt Greiner. Auf dem "Champions Floor" können sich die Start-ups dann ganz normal einmieten.

Akzeleratorenprogramm

We Xelerate
weXelerate-CEO Hassen Kirmaci - Foto: KURIER/Jeff Mangione
Hundert Jungunternehmen sollen pro Jahr in ein Akzelatorenprogramm aufgenommen werden. Der Schwerpunkt wird auf den Bereichen Internet der Dinge, FinTech und Medien liegen. Ab Mai sollen sich interessierte Start-ups für das hundert Tage dauernde Programm anmelden können. Der Fokus liegt dabei ganz klar auf internationalen Firmen. “Wir gehen davon aus, dass 70 Prozent der Start-ups aus dem Ausland kommen werden”, sagt Kirmaci im Gespräch mit der futurezone. Geplant ist, dass die Gründer etwa eineinhalb Jahre mit ihren Firmen in dem Programm bleiben. Am Ende sollen sie gestärkt zumindest als zehn Personen starkes Start-up rausgehen und mit internationalem Absatz rechnen können, so Greiner.

Dass man sich am Standort Wien tatsächlich als gewichtiges Zentrum für Start-ups etablieren kann, davon sind die Gründungsmitglieder von weXelerate überzeugt. Nicht zuletzt deute auch die aktuelle weltpolitische Lage darauf hin, dass sich hier neue Chancen ergeben. Blicke man etwa in die USA, die unter Trump nun einen protektionistischen Kurs fahren, oder nach Großbritannien, das aufgrund des Brexits vor Veränderungen steht, so würden sich aus diesen Ländern bereits jetzt Start-ups nach Alternativen umsehen.

Top-Unternehmen als Herzstück

In dem Programm werden die Jungunternehmen auch mit Partnern aus der Industrie zusammenarbeiten. Diese Komponente soll laut den Gründern das Herzstück von weXelerate bilden. Die Versicherung Uniqa, der das Haus am Donaukanal gehört, ist ebenso darunter wie der Mobilfunkanbieter T-Mobile, Wüstenrot und die Bank Austria. Der KURIER ist Medienpartner des Start-up-Zentrums. Auch mit Universitäten und Forschungsinstituten befinde man sich bereits in Gesprächen, sagt Kirmaci.

We Xelerate
weXelerate-Mitinitiatorin Eveline Steinberger-Kern - Foto: KURIER/Jeff Mangione
Der Start-up-Hub ziele darauf ab, die Kompetenzen der Industrie im Digitalbereich zu stärken, sagt Steinberger-Kern. Österreichische Unternehmen müssten nicht mehr in London, Berlin oder dem Silicon Valley nach Innovationen suchen, sondern können gemeinsam mit Start-ups aus dem WeXelerate-Portfolio an innovativen Projekten arbeiten. An dem Innovationssystem könnten nicht nur große Unternehmen teilhaben, sagt Steinberger-Kern, auch kleine und mittlere Unternehmen sollen daran partizipieren können.

Ansprechen wollen die Betreiber nicht nur den typischen 24-jährigen Gründer, wie Markus Wagner von i5invest sagt, sondern auch kleine Teams aus Unternehmen, die an innovativen Ideen arbeiten. Auch was die Gründerkultur in Österreich betrifft, die bisher eher von geringer Risikobereitschaft und einem negativen Umgang mit Scheitern geprägt war, zeigen sich die weXelerate-Vertreter durchaus optimistisch. “Wir spüren, dass auch hier etwas Großes passieren kann und sich ein Kulturwandel vollzieht”, sagt Steinberger-Kern, die mit ihrem Unternehmen auch in Israel tätig ist und von dort eine ganz andere Einstellung kennt. “Ein Land muss nicht unbedingt riesig sein, damit sich eine lebendige Start-up-Szene entwickelt. Das zeigt auch Israel vor. Ich glaube, dass wir vor allem mit dem ‘Wir’-Gedanken punkten können, mit dem wir an das Projekt herangegangen sind.”

Internationale Vorbilder

Bei dem Konzept für den Start-up-Hub haben sich die Initiatoren auch an internationalen Vorbildern orientiert. Das Plug and Play Tech Center in San Francisco wird ebenso genannt, wie die Initiative Digital Switzerland. "Auch dort wird der Innovationsbedarf von Unternehmen in den Vordergrund gestellt", sagt Kirmaci.

We Xelerate
Markus Wagner - Foto: KURIER/Jeff Mangione
In den Chefetagen österreichischer Unternehmen habe ein Umdenken stattgefunden, meint Wagner. Noch vor einem Jahr wäre eine Initiative wie WeXelerate nicht möglich gewesen. Heute stoße man sowohl bei etablierten Unternehmen als auch bei Start-ups auf großes Interesse. "Die CEOs sehen das Potenzial", sagt Kirmaci. Viele Unternehmen hätten bereits eigene Start-up-Initiativen ausprobiert: "Sie wissen, was nicht funktioniert."

"Innovationen brauchen auch Anschub von außen", sagt Thomas Polak, Chief Innovation Officer bei der Uniqa. WeXelerate biete eine Schnittstelle dafür: “Mit einem solchem Supernetzwerk können wir schneller vorankommen.” Start-ups würden auch nicht mehr als Schulgeschäft gesehen, fügt Investor Wagner hinzu: "Sie haben Business-Relevanz."

Die Eröffnung des Innovationszentrums ist für September geplant. Bereits im August sollen die ersten Start-ups einziehen. Schon bald werden die Designgeschäfte aus dem Nouvel Tower verschwunden sein. Ein Einkaufszentrum soll das Gebäude aber bleiben, sagt Mit-Initiator Greiner: "Es wird ein Einkaufszentrum für Innovationen sein."

Start-ups

Standort Österreich international bedeutungslos

In innovative junge Firmen wurden im vergangenen Jahr 81 Millionen Euro investiert

Erfolgsgeschichten wie die des Linzer Start-ups Runtastic, das 2015 für 220 Millionen Euro an den Sportartikelhersteller adidas verkauft wurde, und die  der Flohmarkt-App Shpock, die auf Millionen Smartphones weltweit vertreten ist, sind die Ausnahme. International werden österreichische Start-ups kaum wahrgenommen. Daran ändern auch erfolgreiche Veranstaltungen wie das Pioneers Festival, das jährlich 3000 Besucher in die Wiener Hofburg lockt, wenig. 

Geht es nach den nackten Zahlen, hinkt die heimische Szene  im europäischen Vergleich weit hinterher. Während in Großbritannien, Deutschland und Frankreich im vergangenen Jahr nach Berechnungen von Ernst & Young zwischen 2,3 und 3,7 Milliarden Euro in Start-ups investiert wurden, waren es in Österreich laut dem vor kurzem vom Start-up-Enthusiasten und Gründer Florian Kandler veröffentlichten Start-up-Report Austria gerade einmal 81,3 Millionen Euro.

Auch der Größe nach vergleichbare Länder wie Schweden, Irland, die Schweiz, Finnland und Belgien lassen Österreich mit Risikokapitalinvestitionen zwischen 140 Millionen und 1,2 Milliarden Euro weit hinter sich. Wien habe den Anschluss an die Spitze der internationalen Start-up-Hubs verloren, konstatierte die Unternehmensberatung Roland Berger in einer im Mai veröffentlichten Studie. Die Szene vibriere zwar, allerdings auf viel zu niedrigem Niveau.

Maßnahmen gefordert

Eingemahnt wurde in dem Papier unter anderem die Zusammenarbeit von Start-ups mit etablierten Unternehmen und die Errichtung eines zentralen Start-up-Campus, um den Erfahrungsaustausch zwischen Gründern zu intensivieren. 2016 verabschiedete die Regierung ein Start-up-Paket im Volumen von 185 Millionen Euro, das eine Lohnnebenkostensenkung für Gründer und eine Risikokapitalprämie vorsieht, um Investitionen anzukurbeln. In der Szene wird die Regierungsinitiative begrüßt, es gebe aber noch viel zu tun, sagt Markus Raunig, der der Start-up-Interessensvertretung Austrian Start-ups vorsteht. Die fehlende Möglichkeit Mitarbeiter früh am Unternehmen zu beteiligen gilt ebenso als Hindernis, wie bürokratische Hürden.

(futurezone) Erstellt am 03.02.2017, 06:00

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