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Spieleentwicklung: „Nicht jeder muss Österreich verlassen“

Österreich ist für seine Musiker, Schauspieler und Sportler bekannt. Doch dass hinter den populärsten Videospielen oftmals auch Österreicher stehen, dürften nur wenige wissen. Still und heimlich hat sich Österreich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer Talenteschmiede für die mittlerweile 78 Milliarden Euro schwere Branche entwickelt.

An mittlerweile neun österreichischen Hochschulen werden Programmierer, Grafiker sowie Sound- und 3D-Designer für die Games-Branche ausgebildet. Viele davon gehen in die Selbstständigkeit oder heuern bei einer der rund 100 heimischen Firmen an, manche wagen aber auch den Sprung ins Ausland.

Schnell ins Ausland

So zum Beispiel Markus Friedl, Senior Producer beim dänischen Entwickler IO Interactive. Dort arbeitet er seit mehr als einem Jahrzehnt an international erfolgreichen Titeln wie der „Hitman“-Reihe und „Kane & Lynch“. Nachdem er erste Erfahrungen bei heimischen Studios wie Sproing sammelte, wechselte er ins Ausland. Der Umstieg sei ihm dabei nicht schwergefallen: „Die Qualität der heimischen Branche und das Niveau der Teams braucht - im Gegensatz zum Fußball - den Vergleich mit anderen europäischen und internationalen Branchen sicherlich nicht zu scheuen.“

Auch laut Christian Steinbauer, Lead Programmer bei Warner Bros. Games in Montreal, hat man mit einer österreichischen Ausbildung gute Chancen. „Vor allem im Informatik-Bereich gibt es ausgezeichnet ausgebildete Programmierer“, so der FH-Oberösterreich-Absolvent. „Die Leute frisch von der Uni können ohne Weiteres mit dem Großteil in Skandinavien oder Kanada mithalten, es fehlt eher an guten Möglichkeiten, um praktische Erfahrung zu sammeln.“ Daher rät er Einsteigern, ein Auslandsstudium anzustreben oder rasch nach dem Abschluss eine Stelle im Ausland zu suchen.

Überrascht von Österreichs Studios

Die wohl bekanntesten österreichischen Spiele der vergangenen Jahre kamen von eher kleinen Studios. So wurde das vom Wiener Indie-Studio „Broken Rules“ entwickelte „Old Man’s Journey“ im Mai von der internationalen Fachpresse gefeiert und sogar von Apple mit einem Design Award ausgezeichnet. Auch das von den Wiener „Kunabi Brothers“ entwickelte Puzzle-Spiel „Blek“ landete in mehr als 50 Ländern auf Platz eins der beliebtesten Apps und verzeichnete Millionen-Umsätze. Mit „Ori and the Blind Forest“ konnten die Wiener „Moon Studios“ zudem auf der Xbox One einen großen Erfolg feiern, ein Nachfolger ist bereits in Arbeit.

„Viele Kollegen sind überrascht, dass es in Österreich überhaupt Spielefirmen gibt, und noch überraschter, dass dort auch AAA-Spiele (Anm.: Spiele mit großem Budget, vergleichbar mit Hollywood-Blockbustern) gemacht werden“, erklärt Andrea Schmoll, Game Systems Designer bei Ubisoft Toronto. Derartige AAA-Projekte sind jedoch in den vergangenen Jahren seltener in Österreich zu finden, lediglich „Mi’pu’mi Games“ arbeitet noch gemeinsam mit IO Interactive an der „Hitman“-Reihe. „Die besten Möglichkeiten scheint es in Österreich am ehesten im digitalen Glücksspiel zu geben“, erklärt Steinbauer. Firmen wie die Novomatic-Tochter GreenTube entwickeln Spiele für Online-Casinos und beschäftigen mehr als 600 Mitarbeiter.

Messe für Games-Branche

Dass die österreichische Videospiel-Branche mehr als Glücksspiel zu bieten hat, soll nun eine Veranstaltung beweisen. Am 15. und 16. September findet mit der Play Austria die erste Messe der österreichischen Game-Szene statt. Dort werden sich bei freiem Eintritt 60 Studios sowie Ausbildungsstätten aus ganz Österreich präsentieren. Die Veranstaltung, die im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste stattfinden wird, wird von Jogi Neufeld organisiert. Neufeld vernetzt bereits seit mehreren Jahren mit seinen Veranstaltungsreihen „Arcademy“ und „Pro Games“ die heimische Branche, die meisten Treffen haben rund 100 Teilnehmer.

Neufeld will mit Veranstaltungen wie der Play Austria vor allem die heimischen Indie-Entwickler stärken. Oftmals handelt es sich bei diesen Spielen nur um Hobby-Projekte, hin und wieder stellen sie aber auch die Basis für die Selbstständigkeit oder einen besseren Job dar. „Die Absolventen werden hauptsächlich auf den österreichischen Markt vorbereitet. Ist der lokale Markt gesättigt, ist für diese der Sprung ins Ausland schwieriger, als er sein müsste“, erklärt Schmoll. Daher seien insbesondere Nebenprojekte wichtig, wie Steinbauer verdeutlicht: „In Vorstellungsgesprächen erwarte ich von Studienabgängern, dass sie mehr als nur Studienprojekte im Portfolio haben. Bei angehenden Programmierern haben die mit Hobbyprojekten definitiv die Nase vorne.“

Hoffen auf alte Größe

Langfristig soll auch die österreichische Branche wieder zu alter Größe zurückfinden. Mit Marken wie JoWooD und Rockstar Vienna (davor Neo Software) mischte Österreich lange Zeit an der internationalen Spitze mit. Zuletzt hat sich die Branche nach der Insolvenz von Sproing und Cliffhanger wieder erholt, beide Firmen wurden mit kleinerer Mannschaft saniert. Daher rät Leander Schock, Lead Animator bei Eidos in Montreal, auch jedem dazu, sein Glück in Österreich zu versuchen. „Das ist ein großer Schritt und nicht jeder möchte oder muss Österreich verlassen“, so Schock. „Aber wenn das für jemanden in Frage kommen sollte, dann wohl am besten sobald sich das Gefühl einstellt, bei der Arbeit in Österreich nicht mehr genug dazu zu lernen.“

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Michael Leitner

derfleck

Liebt Technik, die Möglichkeiten für mehr bietet - von Android bis zur Z-Achse des 3D-Druckers. Begeistert sich aber auch für Windows Phone, iOS, BlackBerry und Co. Immer auf der Suche nach "the next big thing". Lieblingsthemen: 3D-Druck, Programmieren, Smartphones, Tablets, Open Hardware, Videospiele

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