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12/04/2019

App: „Schweizer Taschenmesser für Blinde“ startet auf Deutsch

Die App Seeing AI beschreibt die Welt für sehbehinderte Menschen. Entwickler Saqib Shaikh über die positiven Seiten der künstlichen Intelligenz.

von Barbara Wimmer

Sie wird auch als „ein Schweizer Taschenmesser für Blinde“ bezeichnet: Die Microsoft-App „Seeing AI“ nutzt künstliche Intelligenz und unterstützt damit sehbehinderte Menschen bei diversen Tätigkeiten im Alltag.

Die Kamera-App liest etwa gedruckte Texte vor oder erkennt Freunde anhand ihrer Gesichter und beschreibt, was diese im Augenblick machen. Es lassen sich damit aber auch Produktetiketten erkennen, Farben, Gegenstände und auch Bargeld. Seit Dienstag gibt es die App auch auf Deutsch.

Die Idee für Seeing AI hatte der Londoner Saqib Shaikh, der selbst im Alter von sieben Jahren sein Augenlicht verloren hat. „Ich wollte diese App vor allem für mich selbst. Aber gleichzeitig war es immer schon mein Traum, Technologien für etwas Positives einzusetzen und zu entwickeln“, erzählt Shaikh im futurezone-Gespräch.

Idee kam beim Hackathon

Sein großer Traum, Informatiker zu werden, ging in Erfüllung und er studierte das Fach Künstliche Intelligenz, bevor er bei Microsoft in London zu arbeiten anfing. „Schon an der Uni habe ich mir etwas gewünscht, dass die Welt rund um mich beschreibt, aber die Technologie war damals noch nicht soweit“, sagt der App-Entwickler.

2015 fand er bei einem Microsoft-Hackathon (Anmerkung: das ist eine Veranstaltung, bei der gemeinsam Ideen für Software entwickelt werden) Gleichgesinnte von der ganzen Welt, die mit ihm an einer Lösung arbeiten wollten. „Daraus wurde ein Vollzeitjob und 2017 war die App fertig“, erzählt Shaikh. Seither ist sie in 70 Ländern der Welt verfügbar. Viele Menschen nutzen Seeing AI als ihren persönlichen, digitalen Werkzeugkoffer.

Sich Emotionen beschreiben lassen

Shaikh selbst nutzt Seeing AI täglich. Eine seiner liebsten Funktionen ist es, sich damit die Emotionen seiner Freunde per Gesichtsscan übersetzen zu lassen. Die App kann nämlich Szenen analysieren und sich an einer Interpretation versuchen. Der auf künstlicher Intelligenz beruhende Algorithmus erkennt den Inhalt des Echtzeit-Bildes und beschreibt ihn in einem Satz, der Shaikh vorgelesen wird.

Diese Funktion ist bei zahlreichen blinden Menschen beliebt. Das einzige Manko der App war bisher, dass es sie bisher nur auf Englisch gab, weshalb sie für viele Menschen, die sie etwa zum Einkaufen oder zum Erkennen von kurzen Textnachrichten benutzen wollten, zu einem großen Teil unbrauchbar war.  

Sprachenvielfalt

Seit Dienstag gibt es Seeing AI jetzt auch in den Sprachen Deutsch, Französisch, Japanisch, Niederländisch und Spanisch. Ein Update ermöglicht die Integration und Sehbeeinträchtige können jetzt auch Texte auf Deutsch anzeigen und sich mittels Spracherkennungsoftware vorlesen lassen. Die App bietet nämlich eine Audiounterstützung zur Erfassung eines gedruckten Textes und erkennt den Text samt seiner ursprünglichen Formatierung.

Ein beliebtes Anwendungsbeispiel ist es, sich in Restaurants die Speisekarten, oder bei Briefen den Absender vorlesen zu lassen. „Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich Menschen die App nutzen“, sagt der Entwickler, der regelmäßig mit Menschen in Kontakt tritt, die Seeing AI verwenden.

Anwendungsgebiete

Bei der Entwicklung der App wurde auf ein inklusives Design geachtet. Mithilfe von gemeinnützigen Organisationen aus aller Welt wird die App regelmäßig von blinden und sehbehinderten Menschen getestet.

„Vorher war ein blinder Vater ein bisschen niedergeschlagen, weil er seinem Sohn im Zoo nichts zu den Tieren sagen konnte“, berichtet Shaikh. „Aber mit Seeing AI konnte er die Informationstafeln lesen. Und damit war er in der Lage, seinem Sohn zu erklären, wo Affen leben und was sie fressen, wie alle anderen Väter auch.“

Künstliche Intelligenz

Shaikh hofft, dass sich künstliche Intelligenz auch in Zukunft weiter entwickeln wird und die Einsatzgebiete noch größer werden. „Ich wünsche mir, dass die Technik auch einmal in der Lage sein wird, Zusammenhänge zu erkennen und mitzulernen. Etwa, wenn sich ein Mensch über die Jahre verändert“, sagt der Microsoft-Entwickler, der weiterhin am neuen Funktionen der App arbeitet - und zwar seit kurzem im Hauptquartier von Microsoft in Seattle (USA).

Natürlich könne KI auch zu einer Bedrohung werden, doch er möchte vor allem die positiven Seiten der neuen Technologie zum Einsatz bringen. Erich Schmid, Informatiklehrer am Blindeninstitut Wien und seit der Geburt blind, fügt hinzu: „Technische Entwicklungen haben sich bisher noch nie zum Nachteil von blinden Menschen ausgewirkt. Daher sehe ich künstliche Intelligenz nicht in erster Linie als Bedrohung, sondern als Chance.“