B2B
04.10.2018

AT&S: „Das selbstfahrende Auto kommt erst in 15 Jahren“

Der österreichische Halbleiter-Hersteller AT&S setzt große Hoffnungen in die Zukunftstechnologie autonomes Fahren.

Der steirische Halbleiter-Hersteller AT&S erfreute 2018 Anleger mit einem deutlichen Gewinn. Eigentlich die Regel statt der Ausnahme für den heimischen Technologie-Konzern, lediglich 2017 rutschte man aufgrund eines kostspieligen Investments kurzzeitig in die roten Zahlen. Das macht sich nun aber bezahlt. Mit 991,8 Millionen Euro stellte man 2018 sogar einen neuen Umsatzrekord auf, der Meilenstein der ersten Umsatzmilliarde wurde nur knapp verfehlt. „Das Wachstum ist vor allem dem neuen Werk in Chongqing zu verdanken, das war im Vorjahr de facto noch gar nicht in Betrieb“, erklärt AT&S-CEO Andreas Gerstenmayer im Interview mit der futurezone. Obwohl sich das Investment später als erhofft bezahlt machte, will man weiter kräftig investieren. Über ein Schuldscheindarlehen holte man sich im Juli 292,5 Millionen Euro an frischem Kapital, die in den Ausbau und der Optimierung der Produktion fließen sollen.

Dabei hat man auch den Markt im Blick. Das rasante Wachstum von AT&S ist unter anderem eng mit dem Smartphone-Boom verknüpft. Doch jeder Höhenflug findet irgendwann ein Ende, der Smartphone-Markt ist gesättigt. Selbst iPhone-Hersteller Apple scheint die Verkaufszahlen nicht weiter in die Höhe treiben zu können. Berichten zufolge soll Apple Bestellungen bei seinen Lieferanten um bis zu ein Fünftel reduziert haben, andere Hersteller folgen diesem Beispiel. Aus dem Smartphone-Markt will man sich dennoch nicht zurückziehen, wie Gerstenmayer betont: „65 Prozent unserer Umsätze kommen aus dem Bereich Mobile Devices. Das Smartphone ist dabei ein Technologietreiber und ein wichtiges Produkt im Segment. Es gibt kaum eine andere Applikation, die ein derartiges Volumen bietet.“

Autonomes Fahren

Eine Zukunftstechnologie, in die AT&S große Hoffnungen setzt, ist das autonome Fahren. Erst im Februar kündigte man an, dass 40 Millionen Euro in den Ausbau der Fertigung von Hochfrequenz-Leiterplatten fließen sollen. Diese kommen unter anderem in Radar-Systemen zur Abstandsmessung im Verkehr zum Einsatz. Technologie wie diese würde den schleichenden Übergang zum selbstfahrenden Auto ermöglichen. „Der Wechsel wird nicht als großer Big Bang stattfinden. Man sieht heute schon, dass man sich dem schrittweise annähert, die Autos bekommen immer mehr Sensorik“, sagt Gerstenmayer. „Bis der Fahrer sich aber wirklich zurücklehnen und vollautonom gefahren werden kann, wird es noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern.“

Investments in Start-ups seien vorerst nicht geplant. „Man muss immer prüfen, was zum Geschäftsmodell passen könnte. Wir schauen uns da auch immer um, aber es hat sich nie etwas Logisches ergeben.“

Obwohl der Technologie-Konzern weltweit knapp 10.000 Mitarbeiter beschäftigt, zählt das Hauptquartier in Leoben rund 1.000 Angestellte. Der Großteil der Mitarbeiter findet sich nach wie vor in den Shanghai ( China), Chongqing (China) und Nanjangud (Indien). Obwohl Asien mittlerweile der zentrale Produktionsstandort für AT&S ist, wolle man Österreich dennoch nicht verlassen. Dass die Produktion von China nach Europa zurückkehre, sei aber bereits wegen logistischer Gründe unwahrscheinlich. „In der Halbleiter-Industrie braucht man viel Spezialchemie, das bekommt man in Europa fast nicht. Auch die Liefer- und Transportketten sind mittlerweile auf China ausgerichtet“, erklärt Gerstenmayer. „Europa hat das verschlafen.“ Ein Problem sei das aber dennoch nicht, durch die weltweite Verteilung könne man „die Stärken der Standorte ausspielen“, weswegen in Österreich stark Forschung betrieben wird.

China kein Billiglohnland

„Das Klischee des Billiglohnlandes erfülle China schon lange nicht mehr“, so Gerstenmayer. „Speziell im Hochfrequenz-Ingenieur-Bereich sind wir weltweit auf dem gleichen Niveau.“ Der Vorteil von China sei jedoch, dass man dort jene Fachkräfte bekommen würde, an denen es in Österreich nach wie vor mangelt. „Wir haben einen europaweiten Engpass an qualifizierten Ingenieuren. Hier geht noch zu wenig weiter. Wir müssen qualifizierten Zuzug zulassen und erleichtern, beispielsweise indem wir die Rot-Weiß-Rot-Card überarbeiten.“ Auch bei den Kostenstrukturen sieht Gerstenmayer Verbesserungspotenzial und hofft auf eine Reduzierung der Lohnnebenkosten. „Maßnahmen wie die Arbeitszeitflexibilisierung gehen in die richtige Richtung, werden aber in der Öffentlichkeit vollkommen falsch diskutiert. Es geht darum, den Wirtschaftsstandort zu stärken und zu flexibilisieren. Es soll ja niemanden etwas weggenommen werden.“

Eine weitere Herausforderung seien auch die durch die Digitalisierung veränderten Berufsbilder. Insbesondere in der Industrie setzt man große Hoffnungen in diesen als „Industrie 4.0“ bezeichneten Wandel, der jeden Aspekt der Produktion digital erfassbar machen soll. „Bei uns werden Unmengen an Daten erfasst, die wir zwar ausgewertet haben, aber mit denen man viel mehr proaktiv machen kann“, sagt Gerstenmayer, dessen Unternehmen stark in Industrie 4.0 investiert. „Wir müssen da deutlich weitergehen, gerade um den Standort Österreich abzusichern.“

Initiativen in Österreich

Hoffnungen setzt man auch auf Initiativen wie Silicon Alps und Silicon Austria. Während Silicon Alps ein von Ländern und BMVIT unterstützter Cluster für die Elektronikbranche ist, versteckt sich hinter Silicon Austria ein ebenfalls vom Bund gefördertes Forschungsprogramm für Mikroelektronik. Insgesamt 280 Millionen Euro sollen in Forschungsstandorte in Graz, Villach und Linz investiert werden, der Startschuss fiel mit der Unterzeichnung des Vertrages in Alpbach. Dem gingen jedoch längere Gespräche zwischen Bund und Wirtschaft voran, nun drängt der AT&S-CEO auf mehr Tempo. „Es ist eine sehr gute Initiative, aber in der Umsetzung läuft alles viel zu langsam. Jetzt muss man Geschwindigkeit aufnehmen.“ Erste Projektideen gibt es bereits, die Ausschreibungsphase beginnt im Herbst.

„Wenn man sich ansieht, wie viele Unternehmen in der Steiermark und Kärnten in diesem Bereich angesiedelt sind, offenbart sich ein Stärkefeld, das man weiter pflegen muss“, sagt Gerstenmayer. Auch international findet die Entwicklung der österreichischen Elektronik-Branche Anerkennung: Mit Günther Lackner, dem CEO von Silicon Alps, stellt man bereits den stellvertretenden Vorsitzenden von Silicon Europe, bald wird er auch auf die Spitzenposition vorrücken. „Das hilft auch, um internationale Sichtbarkeit herzustellen, um neue Mitarbeiter zu rekrutieren und neue Player anzusiedeln.“

Der anhaltende Handelskrieg zwischen USA und China habe „unmittelbar und direkt kaum Auswirkungen“ auf das Geschäft von AT&S. „Wir liefern kaum direkt nach Amerika“, so Gerstenmayer. „Wenn aber auch Geräte wie Computer aus chinesischer Produktion mit Schutzzöllen belegt werden, könnte es natürlich zu Effekten kommen.“ Er glaubt aber nicht, dass der US-Präsident so weit gehen würde, insbesondere da vor allem die amerikanischen Konsumenten unter den steigenden Preisen leiden würden. „Trump tut aber viel, was man sich zuvor nicht vorstellen konnte.“

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen AT&S und der futurezone.