B2B
25.10.2018

So will DriveNow in Wien das Carsharing-Business vorantreiben

Seit vier Jahren ist der Carsharing-Anbieter DriveNow in Wien. Geschäftsführer Robert Kahr erklärt, warum er noch immer Verluste macht.

Im Oktober 2014 ist der Carsharing-Anbieter DriveNow mit 400 Fahrzeugen in Wien gestartet. In den vergangenen drei Jahren wurde die Flotte auf 700 Fahrzeuge erweitert. Die Zahl der Kunden stieg von 40.000 auf rund 100.000. Im Gespräch mit der futurezone spricht Robert Kahr, Geschäftsführer von DriveNow Österreich, über Herausforderungen im Carsharing-Business, die geplante Kooperation mit car2go und Fortschritte in der Elektromobilität.

futurezone: DriveNow ist nun seit vier Jahren in Wien. Wie hat sich der Umsatz entwickelt?
Robert Kahr:
Wir kommunizieren keinen Umsatz. Aber die Kosten in Wien sind so hoch, dass es uns noch nicht gelungen ist, positiv zu sein.

Und wann rechnen Sie damit, in Wien positiv zu sein?
Das kann ich nicht sagen. Als wir die Expansionsstrategie entschieden haben, mit der wir auf 700 Fahrzeuge aufstocken, war uns auch klar, dass zusätzliche Fahrzeuge entsprechende Kosten verursachen und dass der erste errechnete Business Case nicht ganz der Wahrheit entsprechen wird. Wir sind kein Unternehmen der öffentlichen Hand, sondern gehören zu BMW und müssen somit die getätigten Investitionen zurückholen. Generell versucht man immer, einen Business Case zu erstellen, bei dem man nach vier bis fünf Jahren eine schwarze Null schreibt.

Aber vier Jahre haben Sie jetzt schon.
Ja, aber als wir vor vier Jahren den Business Case gemacht haben, hatten wir noch nicht damit gerechnet, dass wir so stark erweitern würden. Allein die Fixkosten sind hoch, jedes Fahrzeug kostet 212 Euro alleine an Parkgebühren im Monat. Und da sind Anmeldung, Versicherung und Treibstoff noch nicht mitgerechnet.

Was sind die größten Kostenblöcke?
In Wien gibt es zum Beispiel die Parkometer-Abgabe. Zudem müssen wir in Vorleistung gehen, wenn Fahrzeuge abgeschleppt werden. Ein weiteres Thema ist das Tanken: Die Treibstoffkosten sind innerhalb eines Jahres um 20 Prozent gestiegen. Hinzu kommen die Versicherungskosten, die auch vom Fahrverhalten unserer Kunden abhängen.

In den vergangenen Monaten war die Kooperation mit car2go im Gespräch. Wie ist hier der aktuelle Status?
BMW und Mercedes haben vor ein paar Wochen das Thema bei der Europäischen Kommission eingereicht. Dort ist es in Prüfung und wir gehen davon aus, dass wir im vierten Quartal eine Rückmeldung bekommen. Ich denke, dass nichts gegen eine Fusionierung beim Thema  Carsharing spricht, aber das lässt sich nicht abschließend beurteilen.

Sprechen wir hier wirklich von einer Fusion?
Es ist ein Joint Venture für die Mobilitätsdienstleistungen der beiden Konzerne, bei dem BMW und  Mercedes als gleichberechtigte Partner jeweils 50 Prozent Anteil haben werden. Die rechtlichen Details sind aber noch nicht ganz geklärt.

Was wird das für die Kunden bedeuten? Gibt es dann eine einheitliche App für Car2Go und DriveNow?
Ich gehe davon aus, dass es eine App geben wird, in der man die Fahrzeuge beider Anbieter sieht, wenn die beiden Dienstleistungen zusammengeführt werden. Das wird aber noch ein bisschen dauern. 

Weil für eine einheitliche App zuerst grünes Licht gegeben werden muss und dann erst die technische Implementierung stattfindet?
Genau. Man muss zuerst die Rahmenbedingungen festlegen, dann müssen die beiden Headquarters zusammengeführt werden. Auch muss entschieden werden, ob man eine komplett neue App generiert oder ob eine App so gut ist, dass der andere sie übernehmen kann.

Wird ein DriveNow-Kunde dann automatisch die Autos von car2go nutzen können?
Ich könnte mir vorstellen, dass man früher oder später die Kunden zusammenführt - dass also jemand, der sich bei DriveNow angemeldet hat, auch Kunde von car2go wird. Dabei gibt es viele Aspekte, die man nicht ganz außer Acht lassen dürfte. Einer davon ist die Datenschutzgrundverordnung. 

Werden im Rahmen der Zusammenlegung auch neue Fahrzeuge angeschafft?
Das wird sich zeigen. Wie gesagt ist das Geschäft sehr kostenintensiv. In einer Stadt wie Wien, in der beide Anbieter sind, wird man sich ansehen, was die richtige Anzahl an Fahrzeugen ist. Es gibt heute schon viele car2go-Kunden, die auch bei DriveNow sind und umgekehrt, weil für sie eine hohe Verfügbarkeit von Fahrzeugen das Wichtigste ist. In der WienMobil-App werden heute schon beide Anbieter angezeigt, hier weiß der Kunde schon, welches Fahrzeug von welchem Anbieter gerade in der Nähe ist.

Für manche Kunden ist Uber attraktiver als Carsharing-Anbieter, weil sie nicht selber fahren müssen. Spüren Sie Uber als Konkurrenten?
Kunden können zwischen vielen verschiedenen Mobilitätsdienstleistungen wählen. In Wien kommt man gut mit dem öffentlichen Nahverkehr von A nach B, mit Carsharing ist das Bewältigen der letzten Meile aber oft einfacher. Wer aber etwas getrunken hat und daher kein Carsharing nutzen kann, der nimmt ein Taxi oder ein Uber. Wer mit dem Auto keinen Parkplatz findet, der nutzt Bikesharing, mietet einen Roller oder nutzt E-Scooter. Carsharing ist nur eine von vielen Optionen. Deswegen sehen wir Uber nicht als Konkurrenz, denn wenn jemand wirklich nicht selber fahren möchte, werden wir ihn nur schwer erreichen.

Sind die neuen E-Tretroller ein ernstzunehmender Konkurrent, vor allem in Bezug auf die letzte Meile?
Wer etwas transportieren möchte, wird sich mit dem E-Tretroller schwer tun. Die nächste Frag ist jene nach der Verfügbarkeit: Ich glaube  nicht, dass man immer sofort einen Tretroller finden wird. Sie stehen eher in der Innenstadt, sind weniger ein Thema für die letzte Meile. 

Stichwort Elektromobilität: Wie viele E-Autos gibt es in Ihrer Flotte?
Wir haben in allen Städten Fahrzeuge mit Elektromobilität, europaweit liegt der Anteil insgesamt bei rund 16 Prozent. In Wien haben wir 20 BMW i3 in unserer Flotte. Im Dezember 2015 haben wir schon damit begonnen, das Thema in Wien umzusetzen und in den drei Jahren ausreichend Erfahrung gesammelt, um zu wissen, wie Elektromobilität inklusive der Ladeinfrastruktur funktioniert.

Und wie sind die Erfahrungswerte?
Anfangs gab keine Ladeinfrastruktur, die darauf ausgelegt ist, dass man mehrere Fahrzeuge laden kann, ohne jemand zu verdrängen. Wir hatten mit unseren 20 E-Autos Ladestationen besetzt, die andere als ihre persönliche Ladestation gesehen haben. Ich habe E-Mails bekommen, in denen Leute geschrieben haben, dass wir ihre Ladesäule und ihren Parkplatz besetzen. Manche baten uns, unser Ladeverhalten an ihre Termine anzupassen: Einer sagte, wir sollen nicht zwischen 9 und 10 Uhr laden, weil er in dieser Zeit frühstückt und währenddessen sein Auto auflädt. Um Druck aus der Situation zu nehmen, haben wir letztlich beschlossen, dass Mitarbeiter das Laden direkt übernehmen, beim Fahrzeug bleiben und zum nächsten Fahrzeug fahren, wenn das vorherige nach 20 Minuten zu 80 Prozent aufgeladen ist.

Ihre Mitarbeiter übernehmen also das Laden? Die Kunden tragen keine Selbstverantwortung?
Bei einem konventionellen Antrieb haben die Menschen keine Berührungsängste, zu einer Tankstelle zu fahren. Bei Elektromobilität haben einige Leute diese Berührungsängste, weil es mit Strom zu tun hat und man sich nicht sicher ist, ob man überhaupt das richtige Kabel verwendet. Für jene, die sehr elektroaffin sind, ist das kein Thema. Insgesamt haben 22.000 Kunden 600.000 Kilometer in Wien mit E-Autos zurückgelegt. Jetzt haben wir knapp 1000 Ladesäulen in Wien, diese Infrastruktur soll weiter ausgebaut werden. Bis 2019 sollten wir eine recht gute Ladeinfrastruktur in Wien haben.