© Jürg Christandl

Interview

Eli Pariser: "Twitter ist besser als Facebook"

Ein kurzer Test: Ist Ihnen die Filter-Blase heute schon in die Quere gekommen?
Ja klar, vor allem auf Facebook und Google ist mir wieder mal aufgefallen, dass mir nicht alles gezeigt wird. Seitdem ich das Buch geschrieben habe, hat Google zwar einige neue Kontrollen eingeführt, die Filter abzustellen, aber trotzdem mischen sich Postings von Google+ in meine Suchergebnisse.

Was ist so schlimm daran?
Firmen wie Google und Facebook wollen, dass man bestimmte Links anklickt und sie so Werbung verkaufen können. Deswegen zeigen sie uns Dinge, die uns gefallen. Wir finden dadurch aber oft Dinge nicht, die wir vielleicht gesucht haben, und zwar vor allem, wenn es um politische Meinungen geht, die sich von unserer eigenen unterscheiden. Öffentliche Anliegen haben es in einer von Algorithmen dominierten Umgebung viel schwerer als unterhaltsame Videos.

Wann haben Sie diese Personalisierung, die sie Filter-Blase nennen, erstmals am eigenen Leib erfahren?
Als es mir eines Tages sehr schwer fiel, Facebook-Freunde zu finden, die andere politische Ansichten haben als ich selbst.

Sie sind Demokrat. Das heißt, Facebook hat republikanische Bekannte versteckt?
Ja, meine Freunde vom rechten Flügel sind einfach nicht aufgetaucht. Facebook hat jetzt mehr als eine Milliarde Nutzer und ist ein immer wichtigerer Weg, um online Nachrichten zu finden. Facebook beliefert uns vorwiegend mit Inhalten, die zu unseren Ansichten passen, und das verändert stark, wie wir die Welt sehen.

In den USA, aber auch Österreich sind mehr als 80 Prozent der Bevölkerung online. Welche Folgen haben diese Filter für die Gesellschaft?
Das lässt sich heute noch gar nicht erahnen, aber es gibt zwei Effekte: Erstens umgeben wir uns nur mehr mit maßgeschneiderten Nachrichten, und zweitens verschwindet die öffentliche Sphäre immer mehr. Bestimmte Themen schaffen es nicht mehr durch die Algorithmen. Zeitungen haben die wichtigsten Themen des Tages auf der Titelseite, aber Facebook und Google sehen sich dafür nicht verantwortlich.

Papst Benedikt XVI. hat einmal davor gewarnt, dass das Internet die Konformität der Gedanken und einen Mangel der Kritikfähigkeit zur Folge hätte. Stimmen Sie ihm zu?
Echt, das hat er gesagt? Ja, ich bin da ganz bei ihm. Natürlich ist es im Internet für Menschen viel einfacher als jemals zuvor, divergierende Meinungen zu finden oder Nachrichten aus dem Ausland zu lesen. Aber die Mehrheit tut das nicht.

Haben die Menschen nicht immer schon in einer Filter-Blase gelebt? Man umgibt sich gerne mit Gleichgesinnten, kauft sich Sportillustrierte, aber keine Wirtschaftsmagazine.
Ja, aber es gibt einen Unterschied. Bei einer Zeitung oder einem TV-Sender weiß man, welche Inhalte man bekommt und wo das Medium politisch steht. Man bekommt Sport, weiß aber gleichzeitig, dass es große Armut in der Welt gibt. Bei personalisierten Filtern im Netz weiß man aber nicht, wie sie rechnen und warum man etwas sieht. Es ist viel schwerer, herauszufinden, was man nicht gezeigt bekommt.

In den USA wird der Wahlkampf auch intensiv im Netz geführt. Wenn jeder in einer Filter-Blase sitzt, kann man überhaupt einen Republikaner zu einem Demokraten machen?
Nein. Es gibt viel weniger unentschlossene Wähler als jemals zuvor. Das ist nur ein kleiner Prozentsatz der US-Wähler, und es sind jene, die am schlechtesten informiert sind. Es gibt keine landesweite Diskussion mehr über Themen. Die Obama-Anhänger sind dieser Meinung, und die Romney-Fans sind der anderen Meinung, aber es gibt keine Diskussionskultur mehr.

Wie kann man der Filter-Blase entkommen? Social Media, also hochgradig personalisierte Webseiten wie Facebook oder Twitter, wachsen nach wie vor.
Ob es uns gefällt oder nicht, Medien werden immer personalisierter. Die Frage ist, wie man richtig damit umgeht. Twitter ist da auf dem besseren Weg als Facebook, weil es ein sehr simples, transparentes System ist. Man folgt anderen Leuten und sieht deren Tweets, ganz einfach. Bei Facebook ist das nicht so. Wenn ich Mitt Romneys Facebook-Meldungen sehen will, muss ich sie dauernd liken und Facebook austricksen, damit die Algorithmen verstehen, dass ich Romney lesen will.

Sollte Facebook transparenter bei seinen Algorithmen sein?
Ja. Bei Facebook sprechen sie gerne darüber, wie sie die Welt verbessern, aber tatsächlich sehen sie keine ethischen Fragen, sondern nur technische Probleme. Man muss den EdgeRank-Algorithmus genauso einer Prüfung unterziehen können wie den Journalismus.

Sind wir zu faul, zu bequem, um das Internet als größten Wissensschatz der Welt anzuzapfen? Ist die Filter-Blase zu gemütlich?
Diese philosophische Frage gibt es immer: Beeinflussen Institutionen das Verhalten der Menschen, oder ist es umgekehrt? Ich meine, dass diese mächtigen Institutionen wie Facebook und Google eine große Verantwortung haben. Der Like-Button von Facebook etwa ist ja nicht neutral, sondern wird nur geklickt, wenn etwas Positives gemeint ist. Die meisten Nachrichten sind negativ und werden deswegen nicht geliked. Facebook sollte einen “Important”-Knopf einführen, der es den Leuten ermöglicht, ein Zeichen zu setzen, dass etwas wichtig ist.

Haben Sie das Facebook schon vorgeschlagen?
Ja, sie haben sich den Vorschlag angehört, aber nicht viel dazu gesagt. Google beschäftigt sich da ernsthafter mit dem Thema als Facebook. Das ist ein Problem, weil die Leute viel mehr Zeit bei Facebook verbringen.

Sie haben bereits Online-Projekte wie MoveOn.org umgesetzt. Wieso machen Sie den “Important”-Knopf nicht selbst?
Ich habe ein neues Projekt namens Upworthy, das mit Hilfe von Social Media wichtige soziale und politische Themen verbreiten und sie durch die Filter schleusen soll. Ich bin aber nicht gut genug beim Programmieren, ich hoffe aber, dass Upworthy einen kleinen Beitrag zur Lösung des Problems leisten kann.

Wie entkommen Sie dann persönlich der Personalisierung?
Ich verwende Google und Facebook noch immer, aber verbringe mehr Zeit auf Twitter. Ich weiß jetzt auch, wie die Algorithmen arbeiten. Wenn man bei Facebook öfters auf ein Profil eines anderen Nutzers klickt, lernt deren Algorithmus, dass einem diese Person wichtig ist.

Sie sind ein Experte, aber was kann der durchschnittliche Internetnutzer tun?
Jeder sollte verstehen lernen, wie die Google-Suche funktioniert und wie man die Personalisierung abschaltet. Wenn man nach Pizza sucht, ist sie sicher nützlich, weil die Ergebnisse die nächsten Lieferanten zeigen. Wenn man aber Politisches sucht, ist sie nicht so gut. Früher lernten die die Menschen, wie das Fernsehen und Zeitungen funktionieren. Heute sollten sie lernen, wie Code funktioniert. Je mehr man damit herumspielt, desto besser wird das Verständnis dafür.

Sie fordern also Programmieren in der Schule.
Ja, absolut. Wir brauchen mehr Menschen, die verstehen, wie man Internet-Dienste programmiert, die richtig funktionieren.

Letzte Frage: Als Sie das Buch schrieben, sind Sie da nicht selbst in einer Filterblase gesessen und haben nur nach Argumenten gesucht, die Ihre These stützen?
Ja, natürlich hatte ich diese Angst beim Schreiben. Die Forschung zu diesem Phänomen ist sehr schwer, weil die Algorithmen der Firmen so undurchsichtig und geheim sind. So fand ich nur einige wenige Studien, die die Probleme der Personalisierung bei Google und Facebook zum Thema hatten.

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Zur Person: Der studierte Rechts- und Politikwissenschaftler aus dem US-Bundesstaat Maine ist  Internet-Aktivisten seit Jahren bekannt. Er engagierte sich online gegen den “war on terror” und für Politiker aus dem demokratischen Lager (MoveOn.org). 2010 schaffte er es mit dem Buch “The Filter Bubble” zu internationaler Bekanntheit.

future.talk: Im Rahmen der Telekom-Austria-Veranstaltung “future.talk” in Wien diskutiert Pariser am Dienstag Abend mit nationalen und internationalen Experten darüber, wie das Internet unser Denken verändert. Zutritt zum Event haben nur geladene Gäste (www.futuretalk.com).

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Jakob Steinschaden

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