Digital Life
14.06.2017

Ex-Agent: Online-Riesen bedrohen Demokratien systematisch

Der ehemalige GCHQ-Agent Cameron Colquhoun warnt vor der Macht von Google, Facebook und Co. Daten sind seiner Meinung nach die Atomraketen des 21. Jahrhunderts.

Im Rahmen der Sicherheitsenquete des Kuratoriums Sicheres Österreich in Wien gab ein ehemaliger Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes Einblicke in seine Sicht auf globale Cyber-Bedrohungsszenarien. Cameron Colquhoun hat für den GCHQ gearbeitet und später sein eigenes Cybersicherheits-Beratungsunternehmen, Neon Century Intelligence, gegründet. Bei seinem Vortrag direkt im Anschluss an die Rede von Innenminister Wolfgang Sobotka zeichnete er eine "Brave New World" voller globaler Herausforderungen im Sicherheitsbereich.

Unfassbare Datenmengen

Während seiner Tätigkeit für den britischen Geheimdienst hat Calquhoun unter anderem die Online-Strategien der Al Kaida untersucht. Die Terrororganisation war für den Agenten eine Art Coca Cola: "Es war klar, dass ein Pepsi kommen muss." Mit dem IS ist dieses Szenario auch eingetreten. Die Organisation sei mit der Zeit gegangen und habe das Internet für seine Zwecke benutzt.

Dort - also im Internet - gehe es heute vor allem um die Nutzung von Daten in großem Maßstab. Die menschliche Vorstellungskraft sei für solche Dimensionen nicht geschaffen. Daten seien zudem unsichtbar. Die Gefahr, die mitunter von ihnen ausgehe, werde deshalb unterschätzt. Calquhoun zitiert dazu einen TED-Talk von Twitter-Sicherheitschefin Del Harvey. Sie entwirft dabei das Szenario, dass einer unter einer Million Tweets eventuell einer einen Menschen zur Anwendung von Gewalt motivieren könnte. "Bei der Gesamtanzahl der täglichen Tweets wären das 500 pro Tag. Das ist eine der Herausforderungen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind."

Gesichtserkennung

Zur Bedrohungslage im Netz hat Colquhoun drei große Trends und daraus folgende Konsequenzen identifiziert. Den ersten dieser Trends nennt der Ex-Spion die "Kamera als Cursor". Smartphone-Kameras werden heute für eine steigende Zahl an Apps und damit verbundene Funktionen verwendet. Der Erfolg von Snapchat sei etwa ein Indiz für die zunehmende Popularität derartiger Anwendungen. Das eigene Gesicht sei ein "mächtiges Werkzeug", weil es zur Identifizierung von Personen genutzt werden kann.

Google habe sich aus der Weiterentwicklung von Gesichtserkennungsalgorithmen zurückgezogen, weil es diese als Gefahr erkannt habe, behauptet Colquhoun. Andere Entwickler zeigen weniger Zurückhaltung. Ein Beispiel dafür sei die App "FindFace", mit der Nutzer in Russland durch das Aufnehmen eines Fotos eine Person im Social Network VKontakte finden können. Die Konsequenz daraus sei das Ende der Privatsphäre in der Öffentlichkeit. "Sobald dein Gesicht im Internet ist, kann man dich identifizieren. Gesichtserkennung wird es künftig immer öfter geben", ist der Sicherheitsberater überzeugt.

Storytelling

Der zweite große Trend lautet Künstliche Intelligenz. Diese sei in jedem elektronischen Bereich am Vormarsch, meint Colquhoun. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch Terroristen Künstliche Intelligenz nutzen werden. Der Ex-Spion weist darauf hin, dass Privatpersonen im Internet durch eine Vielzahl verfügbarer Daten stark durchschaubar werden. "Viele unserer psychologischen Grundzüge sind online verfügbar." Was man damit anfangen könne, hätte etwa das Unternehmen Cambridge Analytica in jüngster Zeit bewiesen. Dieses sammelte tausende Datenpunkte zu Einzelpersonen in den USA, wählte geeignete Adressaten für eine Werbekampagne aus und verhalf so Donald Trump zum Sieg in der Präsidentschaftswahl.

"Psychographic Targeting", wie Colquhoun das Vorgehen bezeichnet, sei auch in Großbritannien für die Brexit-Kampagne verwendet worden. Wenn man das Verfahren mit künstlicher Intelligenz kombiniere, könnte es noch effizienter Meinungen beeinflussen. Für Colquhoun steht jedenfalls fest, dass "Storyteller" oder abstrakter die Fähigkeit, Narrative zu entwerfen, in Zukunft ein großer Machtfaktor sein werden.

Macht durch Daten

Als dritten Trend bezeichnet Colquhoun die "Unsichtbarkeit der Macht". Im 19. Jahrhundert seien große Konflikte noch durch Drohung mit Kampfschiffen entschieden worden, im 20. Jahrhundert mit Atomraketen. Im 21. Jahrhundert könnten Daten die Rolle des größten Machtfaktors übernehmen. Unternehmen seien dabei derzeit wesentlich besser als jede Nation aufgestellt. Moderne Macht ergebe sich aus einer Kombination von Konzentration und Verteilung von Daten. Facebook und Google seien deshalb so mächtig, weil sie Daten sammeln und fast jeder Internetnutzer ihre Dienste nutzt. Bisher stellten die großen IT-Konzerne keine Bedrohung dar, sie seien aber eine systematische Bedrohung für Demokratien, ist der Ex-Agent überzeugt.

Vier Wahrheiten

Für Colquhoun ergeben sich durch Betrachtung aller genannten Umstände vier grundsätzliche Erkenntnisse: Erstens, Politik und Gesetzgebung werden niemals mit technischer Veränderung mithalten. Zweitens: Weil Daten unsichtbar sind, wird man nicht erkennen, wie sehr sie die Welt verändern, bis es zu spät für Kurskorrekturen ist. Drittens: Die Technologien, welche die Sicherheit europäischer Bürger am meisten bedrohen, sind diejenigen, die am meisten verbreitet sind - siehe Facebook und Google. Viertens: Für Unternehmen wird es in Zukunft immer wichtiger sein, an kreative Talente zu gelangen. Sie entscheiden darüber, ob Produkte sicher oder unsicher sein werden, ob sie großartig oder bloß gut sein werden.