Digital Life
23.04.2018

„Gesellschaft ist nicht auf künstliche Intelligenz vorbereitet“

Wie bereiten wir uns auf eine Welt vor, in der Maschinen unsere Aufgaben erledigen? Das wurde am 4Gamechangers diskutiert.

Die Debatte um künstliche Intelligenz wird in den vergangenen Jahren immer intensiver geführt. Bei den diskutierten Szenarien handelt es sich stets um Utopien oder Dystopien - ein Mittelweg scheint für die meisten Menschen schwer vorstellbar zu sein. Ebendiesen Weg wollte eine Diskussion auf dem Wiener Digital-Festival 4Gamechangers einschlagen. Dort trafen Philosophen, Wissenschaftler und Unternehmer aufeinander - und zeigten wieder einmal auf, dass Zukunftsprognosen schwierig sind.

"Schaufensterpuppe auf KO-Tropfen"

Jivka Ovtcharova, Professorin am Karlsruher Institut für Technologie, wünscht sich eine Diskussion darüber, wie Mensch und Maschine künftig miteinander interagieren werden, da vor allem hier Ängste abgebaut werden könnten: “Menschen haben ein Bauchgefühl, Computer haben das nicht.” Um die beiden Welten einander anzunähern, soll mit sogenannten “digitalen Zwillingen” gearbeitet werden. “Das sind virtuelle Objekte, die nicht wirklich existieren, aber mit der physischen Welt interagieren. Wir nähern uns damit der menschlichen Intelligenz an.”

Martina Mara, Professorin für Roboter-Psychologie an der Johannes-Kepler-Universität Linz, ist vor allem über Maschinen mit menschlichem Aussehen verärgert. Die Darbietung von Vorzeige-Roboter „Sophia“ bezeichnete sie als „Schaufensterpuppe auf KO-Tropfen“. Sophia wird immer wieder als menschenähnlich gezeigt, beispielsweise bei einem „Date“ mit Will Smith oder einer öffentlichen Rede, bei der sie die saudi-arabische Staatsbürgerschaft erhielt. „Sie wird auf den Bühnen immer so präsentiert, als wäre sie eine künstliche Intelligenz, die auch emotionale Kompetenz hätte. Dabei sagt sie nur das, was die Leute hinter ihr eingegeben haben.“ Sie hätte mit einem intelligenten Lebewesen nicht mehr zu tun als ein Toaster. „Kurioserweise sind es genau diese menschenähnlichen Roboter, die Menschen meist eher furchterregend finden.“

Angst vor Massenarbeitslosigkeit

Diese Diskussion schieße aber am Ziel vorbei, meint der deutsche Philosoph und Autor Richard David Precht. “Man kann Themen wie KI nicht nur technisch diskutieren, weil viele Menschen davon betroffen sind”, so Precht. “Die Geschichte der Menschheit seit der ersten industriellen Revolution ist eigentlich eine schöne Entwicklung, denn der Mensch muss immer weniger arbeiten. Darauf sind wir aber als Gesellschaft nicht vorbereitet.” 

Alric Ofenheimer, Senior Partner bei der Anwaltskanzlei Eisenberger & Herzog, sieht das weit weniger pessimistisch. Sein Unternehmen setzt bereits auf KI-Technologien, die einfache und stark wiederholende Aufgaben übernimmt. “Bei Due-Diligence-Fällen müssen unzählige Dokumente in kurzer Zeit durchgearbeitet werden. Wenn sie hier keine entsprechende Lösungen haben, können sie so einen Fall gar nicht bearbeiten.” Angst vor “Massenarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel”, wie Precht warnt, hat er nicht. “Die unteren Stufen werden in den kommenden Jahren langsam ersetzt, für Seniors wird immer noch Platz sein.”

Bildungsreform gefordert

“Die Gesellschaft muss sich auf ein ende der klassischen Erwerbs und Leistungsgesellschaft vorbereiten. Wir brauchen dafür ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein Bildungssystem, bei dem man nicht auf einen klassischen ‘Nine-to-five’-Job vorbereitet wird”, meint Precht. Auch Ovtcharova fordert eine Reform des Bildungssystems, wenn möglich auch mithilfe sogenannter “Sandboxes”. Dabei werden kurzfristig rechtliche Freiräume geschaffen, um neue Modelle zu erproben. 

Ram Krishnan, verantwortlich für Microsofts KI-Projekte in Europa, zeigt sich verständlicherweise optimistischer. „Wir betrachten und diskutieren alles aus einer Perspektive, die auf dem basiert, was wir heute wissen. Aber ich glaube, es werden Dinge passieren, die wir gar nicht vorhersehen können. Das wird nicht von heute auf morgen passieren und wir werden die Zeit haben, uns darauf vorzubereiten.” Mara warnt aber vor überschwänglichen Optimismus: “Wir dürfen uns da nicht nur auf Utopien verlassen, die auf einem Panel besprochen wurden.”

Precht warnt vor allem davor, dass aus der Utopie rasch eine Dystopie werden könnte: “Wir können uns einen perfekten Albtraum schaffen, eine Welt der Pläne, in der es nichts Überraschendes mehr gibt. All das, was das Leben lebenswert macht.”