Die Auswirkungen von Handystrahlung verunsichern viele Menschen

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Digital Life
03/08/2019

Lösen Handys Krebs aus?

Seit es Handys gibt, wird über Strahlung diskutiert. Ein Faktencheck, wie gefährlich Mobiltelefone wirklich sind.

von David Kotrba

"Die Beweise sind eindeutig: Handystrahlung verursacht Krebs" - mit Schlagzeilen wie dieser, mit "Aufklärungsvideos" bei YouTube oder Aufklebern gegen Handystrahlen wird Angst vor Mobilfunktechnologien verbreitet. Auch 25 Jahre nach dem Start des ersten GSM-Mobilfunknetzes ist die Verunsicherung bei vielen Österreichern groß. Sie fürchten, dass sie zu viel Handynutzung krank machen könnte. Als größte Gefahr wird dabei der Krebs gesehen, insbesondere Hirntumore.

Viele Studien

Seitdem Mobiltelefone den Privatkundenmarkt erobert haben, beschäftigt sich auch die Wissenschaft intensiv mit der Technologie. Zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilfunk gibt es zahlreiche Studien. Der Tenor: Beweise für ein signifikant höheres Krebsrisiko durch Mobiltelefone gibt es nicht. Einige Studien stellen zwar fest, dass Menschen nach über zehn Jahren intensiver Handynutzung etwas häufiger Gliome (Hirntumore) und Akustikusneurinome (gutartige Hirntumore) entwickelten. Diese Krebsformen treten an sich schon besonders selten auf. Die Sache hat aber noch einen anderen Haken.

Die Aussagekraft der meisten Studien ist nämlich beschränkt, wie der Informationsdienst Medizin transparent beschreibt. Experimentell lassen sich die gesundheitlichen Auswirkungen von Mobilfunk kaum überprüfen. Man kann weder Menschen jahrelang die Handynutzung unter kontrollierten Bedingungen vorschreiben, noch findet man demografisch ähnliche Vergleichsgruppen, die jahrelang überhaupt keiner Handystrahlung ausgesetzt sind. So ist man auf andere Studiendesigns angewiesen, die weniger gut objektive Aussagen darüber treffen können, welche Ursache genau welche Wirkung hervorgerufen hat.

Keine Beweise

"Viele Studien sind auf gut wienerisch grottenschlecht", meint Norbert Vana. Der Strahlenphysiker ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Funk (WBF), der u.a. das Infrastrukturministerium (BMVIT) berät. Der unabhängige Beirat besteht sowohl aus Physikern, Chemikern, Medizinern und Wissenschaftlern aus anderen Fächern. Laut Vana hat die Gruppe bis heute rund 2000 Studien über Mobilfunk auf ihre Qualität bewertet. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass Mobilfunk bedenklich für die menschliche Gesundheit wäre", fasst Vana die bisherigen Ergebnisse des WBF zusammen.

Experimentelle Langzeituntersuchungen zum Thema hat es nur an Tieren gegeben. Bei einer US-Studie wurden etwa Mäuse und Ratten über zwei Jahre hinweg bis zu neun Stunden täglich Mobilfunkstrahlung ausgesetzt. Bei männlichen Ratten kam es daraufhin zu einem vermehrten Auftreten von Herztumoren. Weder bei weiblichen Ratten noch bei männlichen oder weiblichen Mäusen kam es zu signifikanten Auswirkungen. Im Gegensatz zu Menschen wurde der komplette Körper der Tiere von der Strahlung erfasst. Auch aus anderen Gründen sind die Ergebnisse schwer auf Menschen umzulegen. Dennoch hat unter anderem diese Studie dazu geführt, dass die internationale Krebsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Vorsicht walten lässt. Sie stuft Mobilfunk als "möglicherweise krebserregend" ein. In die entsprechende Risikogruppe 2B fallen unter anderem auch eingelegtes Gemüse, Aloe Vera oder die Arbeit in Wäschereien.

Aber...

"Die Einstufung der WHO bedeutet nicht, dass man sofort alle Sender abschalten sollte, aber man sollte auch nicht ohne jegliche Bedenken Kindern ab drei Jahren ein Handy in die Hand drücken", meint Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien. Bei Kindern und Jugendlichen kann die Strahlenbelastung laut bisherigen Studien doppelt so hoch sein wie bei Erwachsenen. "Kinder haben eine andere Kopfgeometrie und eine andere Zusammensetzung des Gehirns", bestätigt Norbert Vana. "Da werden Strahlengrenzwerte überschritten." Wie sich das auf die Entwicklung des Gehirns auswirkt, ist noch nicht ausreichend erforscht. Die Experten empfehlen deshalb, Kinder Mobiltelefone nur mit Maß nutzen zu lassen.

Auch wenn das Risiko, dass Mobilfunk bei Erwachsenen zur Krebsbildung führt, überschaubar scheint, gibt es Empfehlungen von Ärzteverbänden, um auf Nummer Sicher zu gehen: Man sollte ein Handy etwa möglichst wenig am Körper tragen oder beim Schlafen nicht neben den Kopfpolster legen. Beim Kauf sollte man außerdem auf einen möglichst niedrigen SAR-Wert achten. Dieser gibt an, wie viel Strahlungsenergie an den Körper (etwa am Kopf) weitergegeben wird. Laut internationalen Normen sollte der SAR-Wert unter zwei Watt pro Kilogramm liegen. Mobiltelefone, die unter 0,5 W/kg beim Anwendungsfall Handy am Kopf erreichen, gelten als strahlungsarm. Wer wissen will, welchen SAR-Wert sein Mobiltelefon aufweist, kann auf der Webseite des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz nachsehen.

Woman alseep next to smart phone

Und überhaupt

"Beim Mobilfunk ist immer die Tumorfrage im Vordergrund", meint Umweltmediziner Hutter. "Dabei vergisst man oft auf andere Effekte des Mobilfunks." Hutter beklagt das Fehlen einer breiteren gesellschaftspolitischen Diskussion über die Folgen des Mobilfunks. Schlafstörungen, Suchtverhalten oder Verkehrsunfälle durch Ablenkung (Stichwort: Handy am Steuer) seien wohl die schwerwiegendsten Probleme.

Strahlenphysiker Vana stimmt zu: "Es wird immer alles auf die Strahlung geschoben. Das hat man schon bei der Einführung von Computern am Arbeitsplatz gesehen. Nicht Haltungsschäden wurden da als Risiko gesehen, sondern die Strahlung. Das ist immer wieder so."

5G

Wissenschaftliche Studien, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen des kommenden 5G-Standards auseinandersetzen, gibt es noch nicht. Vana: "Bei 5G ist die Entwicklung noch ungewiss." Man wisse nicht, welche Frequenzen künftig für die Mobilfunktechnologie verwendet werden. Die aktuell von der RTR versteigerten Frequenzbänder zwischen 3,4 und 3,8 GHz hält Vana für wenig bedenklich. Wenn Frequenzen ab 10 GHz verwendet werden, könnte es laut den Experten möglicherweise zu gesundheitsschädlichen Effekten kommen. Umweltmediziner Hutter: "Millimeterwellen dringen nicht tief in den Körper ein. Trotzdem gibt es Organe, wie die Augen, wo es Probleme geben kann."

Fazit

Die Krebsgefahr durch Mobiltelefone ist nicht bewiesen, aber es gibt Forschungsergebnisse, die die Weltgesundheitsorganisation vorsichtig machen. Die Erforschung des Themas ist schwierig, weil die aussagekräftigsten Studiendesigns nicht anwendbar sind und Mobilfunk längst den Alltag fast jedes Menschen durchdringt. Während die Handystrahlung, die internationalen Grenzwerten entspricht, für Erwachsene ungefährlich ist, hat sie auf Kinder möglicherweise ganz andere Wirkungen. Da diese Wirkungen noch nicht ausreichend erforscht sind, sollten Kinder vor zuviel Handynutzung bewahrt werden.