Ist Mastodon eine gute Twitter-Alternative?

© Reuters/Dado Ruvic/Montage

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Ist Mastodon eine gute Twitter-Alternative?

Seit Elon Musk Ende Oktober Twitter gekauft hat, tritt er von einem Fettnäpfchen ins nächste. Zuerst postete er Falschnachrichten, danach ließ er Satire-Accounts löschen. Jetzt kam auch noch raus, dass er überhaupt plant, Twitter kostenpflichtig zu machen. Zahlreiche Nutzer*innen sind daher seit der Twitter-Übernahme des Multi-Milliardärs auf der Suche nach einem alternativen sozialen Netzwerk. Viele davon landen bei Mastodon.

Alleine in der vergangenen Woche hat das Netzwerk, das auf technischer Ebene gänzlich anders als Twitter funktioniert, 421.000 neue Nutzer dazu gewonnen. Aktuell verzeichnet Mastodon 6,2 Millionen registrierte Konten und über 1 Million aktive Nutzer*innen pro Monat. Doch was kann diese Plattform? Was unterscheidet sie von Twitter? Und wie funktioniert sie? Gibt es auch Nachteile? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu Mastodon.

A person holds a mobile phone showing the Mastodon app in Berlin

So sieht die Benutzeroberfläche von Mastodon vor dem Einloggen aus

Was ist Mastodon?
Mastodon ist Teil des Fediverse, eines dezentralen sozialen Netzwerks. Mastodon selbst weist optisch Ähnlichkeiten mit Twitter auf. Doch es funktioniert im Hintergrund ganz anders. Dezentral bedeutet, dass es statt eines zentralen Servers, der von einem, großen Anbieter betrieben wird, viele verschiedene gibt.

Wer hat Mastodon entwickelt?
Mastodon wurde im Jahr 2016 vom deutsch-russischen Softwareentwickler Eugen Rochko als Open-Source-Projekt entwickelt. Mittlerweile hat Rochko daraus eine eigene, gemeinnützige Firma (gGmbH) gemacht, die den Non-Profit-Gedanken unterstreicht.

Was unterscheidet die Software von Twitter?
Statt 280 Zeichen stehen den Nutzer*innen 500 Zeichen für die Texteingabe zur Verfügung (per Standardeinstellungen, manchmal sind es auch mehr). Außerdem sehen Nutzer*innen auf Mastodon die Postings der Nutzer*innen, denen sie folgen, ausschließlich in chronologischer Reihenfolge. Es gibt keinen Algorithmus, der die Reihenfolge festlegt. Zudem ist die Plattform werbefrei. Zusätzlich gibt es noch föderierte und lokale Timelines.

Was auch anders ist, sind die jeweiligen Bezeichnungen der Aktivitäten: Während bei Twitter gezwitschert bzw. getweetet wird, wird bei Mastodon getrötet bzw. im englischen getootet. Bei Mastodon dienen Hashtags zum Kategorisieren und Filtern von Nachrichten. Wer eine Nachricht weiterverbreiten will, muss diese boosten statt sie zu retweeten. Der Stern dient dazu, bestimmte Nachrichten als Favorit abzulegen, oder sich für einen Beitrag besonders zu bedanken.

Wie tritt man Mastodon bei?
Die Registrierung erfolgt über die Webseite joinmastodon.org. Sie ist einfach, allerdings gibt es beim Umstieg zu Beginn eine große Hürde für Nutzer*innen: Sie müssen sich gleich zu Beginn für eine „Instanz“ entscheiden, über die sie ihr Profil anlegen. So werden die Server bezeichnet, auf denen die Software gehostet wird. Das sind nach aktuellem Stand der Dinge mindestens 4000. Betreiben kann so einen Server nämlich jede*r, der/die das möchte.

Wie findet man die für sich richtige Instanz?
Dies geschieht am einfachsten direkt über die zuvor genannte Website. Auf instances.social kann man ebenfalls nach Servern suchen, allerdings sind hier auch welche dabei, bei denen es keine Zusicherung für einen dauerhaften Betrieb gibt. Jede*r Server-Betreiber*in kann außerdem individuelle Regeln festlegen, welche Art und Inhalte auf seiner/ihrer Instanz besonders erwünscht sind. Auch die Zeichenanzahl kann von 500 nach oben gesetzt werden.

So gibt es etwa eigene Instanzen für Nutzer*innen aus Wien (wien.rocks), es gibt welche für die Wissenschafts-Gemeinschaft (fedi.science.org) oder Literatur-Interessierte (literatur.social). Am besten folgt man den eigenen Interessen oder der lokalen Nähe und sieht sich vor der Account-Erstellung die jeweiligen Regeln der Betreiber*innen an.

Worauf sollte man hierbei besonders achten?
Die Menschen, die Instanzen betreiben, können individuelle Regeln festlegen, wie sie mit Profilen verfahren, die Inhalte posten, die nicht erwünscht sind. Sie können aber auch den Betrieb jederzeit wieder einstellen. Dann sind auch all eure Daten und Kontakte weg.

Die meisten Instanzen werden aktuell von Freiwilligen betrieben, die den Server in ihrer Freizeit betreuen. Wer sich eine Instanz über die Liste joinmastodon.org sucht, kann sich sicher sein, dass bei dieser mindestens 3 Monate vor dem Ende eines Services eine Information verschickt wird, dass die Instanz eingestellt wird. Diese Instanzen, die dort gelistet sind, sind generell auf einen längerfristigen Betrieb ausgelegt und werden von mindestens 2 Adminstrator*innen betrieben.

Kann man die Freiwilligen unterstützen?
Ihr könnt die jeweiligen Betreiber*innen eurer Instanzen fragen, ob Unterstützung erwünscht ist. Wer sich für die Instanz mastodon.social, die vom Mastodon-Gründer selbst gehostet wird, entscheidet, kann diese etwa mit freiwilligen Spenden über Patreon unterstützen.

Gibt es eigene Apps für Mastodon?
Mastodon kann als Web-App am Desktop-PC verwendet werden, oder als mobile App am Smartphone oder Tablet. Es gibt eine offizielle Mastodon-App für Android und für iOS, aber es gibt auch Alternativen von Drittanbietern. Für iOS empfiehlt sich etwa Metatext, für Android etwa Fedilab. Mastodon selbst hat angekündigt, die offiziellen Apps jetzt aufgrund des großen Ansturms bald weiterentwickeln zu wollen. Diese beinhalten nämlich zwar alle Basisfunktionen, aber können verschiedene technischen Details nicht ausreichend gut darstellen. Die Benutzeroberfläche beschränkt sich derzeit auf das Wesentliche, nämlich Tröts zu erstellen.

Warum sieht mein Nutzername anders aus als auf Twitter?
Die Nutzernamen sehen auf Mastodon wie eine E-Mail-Adresse aus, denn sie beinhalten neben dem Nickname nach dem @ auch noch den Namen der jeweiligen Instanz. Es ist allerdings technisch möglich, mit dem Nutzernamen mit Menschen quer über alle Instanzen hinweg zu kommunizieren (sofern diese nicht von Administrator*innen explizit gesperrt wurden).

Hier sieht man, wie man am Mastodon.Social nach aktuellen Hashtags suchen kann

Wer ist für die Moderation von Inhalten verantwortlich?
Für die Moderation der Inhalte sind die Server-Betreiber*innen zuständig. Alle Instanzen, die auf „Join Mastodon“ aufgelistet sind, werden von mindestens 2 Administrator*innen betrieben, die auch die Inhalte moderieren und beachten, dass ihre Regeln eingehalten werden. An diese Administrator*innen können Inhalte auch gemeldet werden.

Nutzer*innen können, wenn sie sich nicht an die Regeln der Betreiber*innen halten, von der Instanz ausgeschlossen werden. Außerdem gibt es auf Mastodon die Möglichkeit, Inhalte mit einer „Inhaltswarnung“ zu versehen. Je nach individueller Einstellung bekommen Nutzer*innen dann zuerst nur zu sehen, dass Person X eine Nachricht geschrieben hat, in der es um ein bestimmtes Thema geht. Erst wenn sie die Nachricht aktiv ausklappen, bekommen sie den Inhalt angezeigt. So soll etwa „Doomscrolling“ verhindert werden.

Wie klappt das mit der Moderation bisher?
Bisher klappt es laut Angaben von Administrator*innen bei kleineren Instanzen sehr gut. Durch den massiven Nutzerzustrom sind die Administrator*innen der einzelnen Instanzen allerdings massiv gefordert und die Zahl der Meldungen steigt mit der Zahl der neuen Nutzer*innen an. Es wird sich daher zeigen, ob alle mit derselben Kraft, Energie und Elan dabei bleiben können und ob sich alle weiterhin so gut benehmen können, dass eine Moderation nur in seltenen Fällen notwendig ist.

Gibt es noch keine Probleme mit rechten Trolls oder Desinformation?
Technisch gesehen ist es möglich, Instanzen zu betreiben, die das mit der Meinungsfreiheit anders verstehen und gezielt Desinformation oder rechtes Gedankengut verbreiten. Die rechten Netzwerke Gab und Truth Social basieren ebenfalls auf dem Code von Mastodon. Diese wurden allerdings von mastodon.social blockiert, wie Mastodon auf seiner Community-Website verlautbart. Derartige Instanzen werden laut Angaben des Mastodon-Gründers außerdem nicht auf der Community-Seite joinmastodon.com gelistet. Laut dem Mastodon-Gründer könne man aus technischer Sicht nicht verhindern, dass sich mit der Technologie derartige Räume bilden. Es ist jedoch möglich, deren Stimmen kein Gewicht zu geben.

Was, wenn ich unabsichtlich auf so einer Instanz lande?
User*innen können ihre Profile zu einem späteren Zeitpunkt jederzeit übersiedeln, ohne ihre Follower*innen zu verlieren - außer sie landen auf einem Server, der von einem Tag auf den anderen plötzlich wieder verschwindet. Wer die oben genannten Tipps verfolgt, hat hierfür aber nur ein sehr geringes Risiko.

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Wer seinen Mastodon-Account auf Twitter im Profil bekannt gibt, hilft anderen Nutzer*innen dabei, den Account beim Übersiedeln wiederzufinden

Wie finde ich andere Twitter-Menschen auf Mastodon?
Um alte Twitter-Bekannte auf Mastodon zu wiederzufinden, gibt es Hilfsprogramme. „Debirdify“ oder „FediFinder“ assistieren bei der Suche nach ihnen. Verknüpft man die Programme mit seinem Twitter-Account kann man dort in den Twitter-Handles nach Account-Namen auf Mastodon suchen. In Folge lassen sich die Kontakte in einem File runterladen und auf Mastodon wieder hochladen. Je mehr Twitter-Nutzer*innen ihre Mastodon-Accounts dort angeben, desto besser funktioniert das mit dem Wiederfinden.

Ist Mastodon jetzt eine gute Twitter-Alternative oder nicht?
Meiner Meinung nach ist Mastodon für durchschnittlich technikaffine-Nutzer*innen sehr gut als Alternative geeignet, vor allem, weil es Tools wie Debirdify einfach machen, die Twitter-Crowd auf der neuen Plattform wiederzufinden. Die Dezentralität sehe ich als großen Vorteil, da sich Hass im Netz auf diese Art und Weise nicht plattformübergreifend ausbreiten kann.

Abstriche müssen Nutzer*innen jedoch derzeit aktuell noch bei den Nutzeroberflächen der Apps machen, die verbesserungswürdig sind. Die Server-Probleme, die aufgrund des großen Ansturms aufgetreten sind, werden sicherlich bewältigbar sein. Ich persönlich fände es außerdem wesentlich sympathischer, Freiwillige mit Spenden zu unterstützen, als einem Multi-Milliardär Geld für ein Abo zu zahlen.

Mastodon ist außerdem Teil des „Fediverse“. Die Idee des „Fediverse“ ist, dass es möglich sein soll, ein Benutzerkonto auf einer beliebigen Plattform im Fediverse anzulegen und sich darüber mit Nutzer*innen auf allen anderen Plattformen austauschen zu können, ohne dort ein weiteres Konto anlegen zu müssen. So gibt es neben Mastodon als Twitter-Alternative im Fediverse auch freie Alternativdienste für Plattformen wie Instagram, nämlich Pixelfed oder statt YouTube gibt es PeerTube. Diese Idee finde ich zusätzlich unterstützenswert.

Wird sich Mastodon als Twitter-durchsetzen?
Wenn das Nutzer*innenwachstum so weiter geht, sieht es für Mastodon echt gut aus. Seit der Twitter-Übernahme durch Elon Musk kamen fast eine halbe Million neue Nutzer*innen dazu. Ob diese Nutzer*innen auch bleiben, hängt von verschiedenen Dingen ab: Funktioniert das mit der Moderation dauerhaft? Bleiben die Server - nach einer anfänglichen Überlastung aufgrund des Ansturms - stabil? Bleibt die Stimmung weiterhin gut? Ziehen alle Accounts, die einem wichtig sind, nach?

Aktuell sind etwa noch wenige Medien auf Mastodon vertreten. Das stört freilich nicht alle Nutzer*innen. Im Moment erinnert die Stimmung viele der "Neuen" an ihre ersten Tage bei Twitter… Unter dem Hashtag #neuhier ist es übrigens üblich, sich erst einmal der Community vorzustellen.

Ihr findet die Autorin dieses Artikels auf Mastodon unter shroombab@chaos.social

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Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Speakerin. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

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