Digital Life
30.12.2011

Unter Hackern: Es brodelt im Untergrund

Der Jahres-Kongress 28C3 des Chaos Computer Club hat neben vielen Sicherheitslücken vor allem eines aufgezeigt: Die Hacker-Kultur zieht immer mehr Menschen in ihren Bann, gewinnt stetig an gesellschaftlicher Bedeutung und könnte sehr schnell auch in Österreich zu einem wichtigen politischen Faktor werden.

Woher die populäre TV-Serie “The Big Bang Theory” rund um vier Technik-Nerds die Idee hat, ihre vier Hauptprotagonisten in augenschmerzend bunte Kleidung zu stecken, darüber kann man viele Vermutungen anstellen. Fix ist: Der “Chaos Communication Congress”, der zum 28. Mal in Deutschland stattfand (28C3), ist nicht Quelle der Inspiration. Denn auf dem größten und wichtigsten Hacker-Treffen Europas, veranstaltet vom Chaos Computer Club, dominiert die Farbe Schwarz. T-Shirts, Kapuzenpullis, Notebooks - das Gros der rund 3000 Besucher gab sich am liebsten schlicht und dunkel.Szene-CodesSo schwarz der Look, so bunt die Mischung: Der 28C3 ist zum Treffpunkt all jener geworden, die Interesse an Technologie haben. Hacker, Bastler, Netzaktivisten, Sicherheitsexperten, Studenten und Blogger: “Sie sind wichtig für unsere Gesellschaft”, attestierte die Online-Ausgabe der Zeit in einem Bericht - und dieser Eindruck bestätigt sich vor Ort. Zwar geht es auch ums Vergnügen: Selbstgebastelte Quad-Copter fliegen durch die Gänge, Gamer wetteifern an der Painstation (der Spiele-Klassiker “Pong” wird mit Schmerz-Feedback kombiniert), und eine alte Telex-Maschine wird zum SMS-Drucker umfunktioniert. Doch spätestens an der Station, wo Guy-Fawkes-Masken (Markenzeichen der Anonymous-Bewegung) in Eigenregie an der Luftdruck-Presse fabriziert werden, war klar: Hier geht technische Spielerei nahtlos in Politik über.

Etwas Neues entsteht“Im Netz ensteht eine neue Ideologie”, sagte der renommierte Buchautor Evgeny Morozov im

. “Das Internet zeigt uns eine neue Sichtweise, wie unsere Welt funktioniert, und Bewegungen wie Anonymous wollen diese Welt neu formen.” Wie andere Beobachter sieht auch er neue politische und soziale Strömungen, die sich etwa in dem Hacker-Kollektiv, der Occupy-Bewegung oder Piratenparteien in Europa manifestieren. Auch der Chaos Computer Club selbst, der sich von Anonymous distanziert, gewann 2011 weiter an Bedeutung: So hat der deutsche Verein mit Sitz in Hamburg allein durch den Hack des Staatstrojaners hunderte neue Mitglieder gewonnen und sich gleichzeitig als Fixpunkt des deutschen Polit-Mainstreams positioniert.

Ob sich aus der vielfältigen Szene - vom Bastler bis zum Black-Hat-Hacker - eine organisierte politische Bewegung bilden kann, bleibt abzuwarten. Wie Morozov anmerkte, hätten auch viele Ägypter nach ihrer “Facebook-Revolution” feststellen müssen, dass ihre massiven, aber dezentralen Proteste nicht ausreichten, um in eine organisierte politische Partei zu münden. Know-how, wie man politisch agieren kann, wurde auf der 28C3 jedenfalls versucht zu vermitteln: Rückblicke auf erfolgreiche Guerilla-Kampagnen ("Politik hacken") waren genauso gut besucht wie ein Vortrag zu den Rhetorik-Tricks der Politiker und deren Entschlüsselung ("Die Koalition setzt sich aber aktiv und ernsthaft dafür ein").Großes PotenzialFestzuhalten ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Berliner Piratenpartei 2011 erstmals ins Landesparlament einzog und sich in Österreich fast ein Drittel der wahlberechtigten Bevölkerung

vorstellen könnte, eine Piratenpartei zu wählen. Beim 28C3-Publikum genießen die Piratenparteien große Sympathien, schließt man zumindest auf die Publikumsreaktionen bei Vorträgen.



Der 28C3 in Bildern

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ProblembewusstseinWer anstatt der sonst üblichen bunten Logos von Internet-Diensten am 28C3 vielmehr nüchterne Code-Zeilen über die vielen Notebook-Bildschirme flimmern sieht, dem wird eines klar: Im Umfeld des CCC, aber etwa auch im Wiener Metalab und hinter vielen anderen Monitoren auf der ganzen Welt wächst schon längst eine Generation heran, die hinter die Kulissen der Technologien und ihrer Macher schauen kann. Von

über

und

bis zu

und Überwachungs-Software (Stichwort

) bringen Hacker und Security-Interressierte Sicherheitslücken am laufenden Band ans Tageslicht, die Millionen Menschen in einer immer technologischeren Welt betreffen.Vor allem vielen Hackern in Deutschland ist dabei eines gemein: Ein tiefes Verständnis für Datenschutz, ein gesellschaftlich immer wichtigeres Thema. Die Haltung des CCC, keine Facebook-Seite betreiben zu wollen, steht dabei exemplarisch für die Meinung vieler. Das Bild des bösen Cyberkriminellen, der nach Kreditkartendaten unschuldiger Bürger giert, relativiert sich hier endgültig. “Ahnung von Technik zu haben, gilt endlich nicht mehr als obskur oder als gefährlich, es gilt als unverzichtbar”,schreibt Zeit Online. Wer immer noch nicht daran glaubt: Auch der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs oder Facebook-Chef Mark Zuckerberg, die mit ihren Produkten unser tägliches Leben massiv beeinflussen, könnte man als Hacker bezeichnen.Talente für den CyberwarDen “Krieg um den Allzweck-Computer” hat der renommierte britische Autor und 28C3-RednerCory Doctorovausgerufen. “Es gibt viele Leute, die Angst vor Computern haben und glauben, dass sie unser Leben zerstören”, so Doctorov. “Aber Computer sind bereits ein Fixpunkt in unserem Leben.” Umso wichtiger sei es, dass Computer unsere Diener bleiben und nicht zu Spionen im Auftrag von Staat und Wirtschaft werden. Die immer zahlreicheren Hacker können einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten - etwa bei der Unterstützung des Anonymisierungs-ToolsTor Project, mit dessen Hilfe zehntausende Iraner und Chinesen die Internet-Zensur ihrer Regierungen umgehen, oder bei der Durchleuchtung von zwielichtigen Herstellern von Überwachungstechnologien ("Bugged Planet").

Dass sich unter den Hackern - auf Bühne wie im Publikum - viele Talente befinden, steht außer Zweifel. So kam etwa der Aufruf Morozovs, sich nicht von den fetten Gehaltsschecks internationaler Security-Firmen locken zu lassen, nicht von ungefähr.Im KellerWährend es in den Vortragsälen im Berliner Congress Center um die Theorie ging, war auf den Gängen und vor allem im Keller Praxis angesagt. Bis zu sechs Gigabit an Daten musste das eigens eingerichtete Netzerk pro Sekunde zu Spitzenzeiten bewältigen. Der Hacker-Space im Untergeschoss - fotografieren für Journalisten strengstens verboten! - kommt wohl am nächsten an gängige Klischees heran, die noch viele über Hacker haben: nächtelanges Coden bei düsterer Beleuchtung, oft nur wachgehalten vom Flackern des Bildschirms und etlichen Litern des koffeinhaltigen Getränks Mate (auch gerne “Hacker-Brause” bezeichnet). Vom Keller aus lief wohl auch die Mehrheit der Attacken (etwa Cross Site Scriptings, SQL Injections) auf verschiedenste Webseiten, die von Anonymen in dieser Liste dokumentiert wurden.

Offensichtlich ein besonders beliebtes Angriffsziel: Die rechtsextreme Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), deren Webseiten während dem 28C3 besonders häufig attackiert. Auch Webseiten von FPÖ und BZÖ wurden als mögliche Ziele angegeben, Bestätigungen über erfolgreiche Hacks gab es aber bis dato keine. Die Hacking-Aktivitäten rund um den 28C3 dürfte auch die Polizei interessieren: Gerüchten zufolge hatten sich auch verdeckte Ermittler unter das Publikum gemischt.Alle Vorträge vom 28C3 sind auf YouTube nachsehbar.

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