Digital Life
19.11.2017

Warum Facebook seine Nutzer nicht ständig belauscht

Die Behauptung, Facebook würde seine Nutzer ständig belauschen, hält sich seit Jahren. Doch nun dementiert auch ein Ex-Manager und erklärt, wieso das nicht möglich ist.

Jeder könnte vermutlich eine ähnliche Geschichte erzählen: Ein Freund erzählt von einem Produkt, von dem man noch nie etwas gehört hat und nur wenige Minuten später taucht eine Werbung dafür im Facebook-Newsfeed auf. Hat Facebook das Gespräch etwa belauscht? Diese Theorie geistert bereits seit einigen Jahren durch das Netz, immer wieder tauchen vermeintliche Beweise in der Form von Blogposts oder YouTube-Videos auf.

Das sei jedoch alles „Bullshit“, wie der ehemalige Facebook-Produktmanager Antonio García Martínez in einem Beitrag für Wired beschreibt. Martínez war drei Jahre lang bei Facebook tätig und baute dort das Werbe-Targeting auf. Er schrieb über seine Erfahrungen darüber im Buch „Chaos Monkeys“ und kritisierte Facebook des Öfteren scharf, beispielsweise als aufflog, dass der US-Konzern Teenagern gezielt Werbung anzeigen könnte, wenn diese emotional verwundbar sind und sich als „unsicher“ oder „wertlos“ identifizieren.

Gewaltige Datenmassen

Doch bei der „Verschwörungstheorie“ um angebliches Abhören verteidigt er seinen ehemaligen Arbeitgeber. Dazu zählt er die Fakten auf. So würden bei einer permanenten Überwachung nahezu absurd große Mengen an Daten anfallen, die sowohl auf der Infrastruktur als auch auf der Abrechnung vieler Nutzer auffallen würde. Allein in den USA würden so täglich rund 20 Petabyte an Daten anfallen. Eine Datenmenge, die selbst Facebook offiziell nicht verarbeiten könnte. Insgesamt verfügt man über 300 Petabyte an Speicher, jeden Tag fallen 600 Terabyte an neuen Daten an.

Des weiteren würde eine dauerhafte Aufnahme insbesondere ältere Geräte spürbar verlangsamen. Auch eine Keyword-Erkennung, wie beispielsweise beim Amazon Echo, hält Martínez für unwahrscheinlich. Dabei wird die Aufnahme erst gestartet, wenn ein Keyword, wie „Alexa“ oder „Hey Siri“, erkannt wird. Doch auf welche Wörter sollte das Facebook-System hören? Facebooks Werbedatenbank zählte bereits 2013 mehr als eine Million Keywords und ist mittlerweile weiter angewachsen. Eine derart große Zahl an Keywords könnte kaum unbemerkt in Echtzeit laufend überprüft werden. Zudem wären Keywords allein nicht aussagekräftig, es müsste auch der Kontext einer Konversation erkannt werden.

Mehr Daten sind nicht besser

„Kurz gesagt, die technischen Herausforderungen eines Zuckerbergschen Big-Brother-Szenarios sind gewaltig und werden wohl nicht so rasch gelöst werden“, schreibt Martínez. Zudem würden mehr Daten nicht immer bessere Ergebnisse bedeuten. Bereits 2011 hätte Facebook im Rahmen von „Project Chorizo“, einem internen Test, alle verfügbaren Daten eines Nutzers für zielgerichtete Ergebnisse herangezogen. Martínez war nach eigener Aussage überrascht, wie wenige Daten für den Erfolg einer Werbung wichtig waren. Nur eine einstellige Prozentzahl der Postings wäre überhaupt von Relevanz für das Targeting gewesen. „Es war so ähnlich, als hätte man eine komplette Herde in eine Wurstmaschine gepresst und es wäre dabei nur ein Hot Dog herausgekommen.“

Laut Martínez gäbe es einen „narzisstischen Trugschluss“ der Nutzer, die stets davon ausgehen würden, dass Werber alles von einer Person wissen wollen. „Einfach ausgedrückt: Nur weil ich ein Nacktfoto von dir im Internet habe, heißt das nicht, dass irgendjemand Geld dafür bezahlen würde, es zu sehen.“ Die tatsächlich relevanten Daten finde man stattdessen im Amazon-Warenkorb, einem Autohändler oder „jedem anderen Ort, an dem man mit dem Kapitalismus in Berührung kommt, um seine Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen.“

Geheimniskrämerei erschwert Aufklärung

Wie schwer es ist, diese Verschwörungstheorie zu widerlegen, bewies der US-Podcast „Reply All“. Dabei sprachen die Moderatoren mit unzähligen Nutzern, die davon überzeugt sind, dass Facebook ihre Gespräche belauscht. In mehreren Stunden und nach unzähligen Gesprächen konnten sie keinen einzigen Nutzer vom Gegenteil überzeugen. Als schwierig erwies sich jedoch auch, dass Facebook sich nicht zu den Fällen äußern wollte und kaum Einblick in seine Werbe-Technologien gibt. Selbst der verantwortliche Produktmanager für Facebook-Werbung zeigte sich frustriert und schrieb auf Twitter lediglich, dass an der Theorie nichts dran sei.

Das Schweigen liege daran, dass Facebook, wie jeder andere Internetkonzern, jede Möglichkeit nutze, um bessere Werbung anzubieten, sagt Martínez. „Facebook hört euch auf gar keinen Fall ab. Aber es überwacht euch auf anderen - nicht weniger heimtückischen - Wegen, die euch nicht bewusst sind. Um das Soldaten-Maxim zu zitieren: Es ist immer der Schuss, den du nicht hörst, der dich erwischt.“