Facebook will die Gruppen-Funktion stärken, in dem es einen Reiter einführt, über den man nach bestimmten Themen suchen kann.

© dpa/Marc Tirl

Netzpolitik
06/02/2016

Was Facebook über seine Nutzer wirklich weiß

Facebook sammelt noch viel mehr, als den meisten Internet-Nutzern bewusst ist. Der IT-Konzern weiß, wann sie schlafen, was sie löschen, welche sexuelle Orientierung sie haben.

Mark Zuckerberg sieht Facebook als „Privatsphäre-Innovation“ – weil das Netzwerk ein Platz sei, auf dem man privat mit seinen Freunden kommunizieren könne. Das sagte der Gründer des weltgrößten IT-Konzerns mit mehr als 1,8 Milliarden Nutzern bei einem Townhall-Event in Berlin. Mit dieser Antwort waren dort aber die wenigsten Menschen wirklich zufrieden. Zu viel ist in der Vergangenheit bekannt geworden über Datenschutz-Verletzungen des Internet-Konzerns.

Außerdem zeigt die Antwort deutlich: Mark Zuckerberg hat ein komplett anderes Verständnis von Privatsphäre, als die meisten europäischen Internet-Nutzer. „Mark Zuckerberg ist der Diktator der größten Nation der Welt“, sagt etwa Peter Sunde, der Gründer von The Pirate Bay, dieser Tage. Seine Ansicht ist radikal: Facebook kann man nur komplett aus Europa verbannen, um die Daten der Internet-Nutzer zu schützen.

Schlaf-Tracking

Tatsächlich weiß Facebook viel über das Leben seiner Nutzer. Ein Blick auf Facebook und die dazugehörige Messenger App ist für viele Internet-Nutzer die erste und letzte Tätigkeit, die sie vor dem Schlafengehen oder direkt nach dem Aufstehen verrichten. Nach dem Aufstehen wird überprüft, was man verpasst hat. Facebook hat daher einen genauen Überblick über die Schlafgewohnheiten seiner Nutzer. Ein Sicherheitsforscher aus Dänemark hatte dazu Anfang 2016 ein Werkzeug entwickelt, mit dem man seine Freunde ausspionieren konnte. Der Däne wollte damit aufzeigen, wie viele digitale Fußabdrücke wir in dem Netzwerk hinterlassen.

Vor kurzem wurde zudem bekannt, dass die Facebook-App mithilfe des Smartphone-Mikrofons die Gespräche sowie die Umgebungsgeräusche, etwa dem gerade laufendem Fernseher oder Hintergrundmusik, mithören und den Inhalt analysieren, um den jeweiligen Nutzern entsprechende Werbung anzeigen zu können.

Gelöscht ist nicht gelöscht

Doch das sind nur zwei kleine Puzzle-Steine in einem großen Gesamten in der Welt des IT-Konzerns. Das soziale Netzwerk Facebook sammelt nämlich nicht erst seit gestern Daten aus allen Lebensbereichen über seine Nutzer. Der Datenschutz-Aktivist Max Schrems hatte schon vor Jahren angeprangert, dass Facebook etwa Daten, die von Nutzern hochgeladen worden und danach wieder gelöscht worden sind, in einem Archiv gespeichert bleiben. Selbst die Information über entfernte Tags, Freunde oder Nachrichten bleiben bei Facebook erhalten und werden nur „oberflächlich“ gelöscht. Damit soll Facebook laut Schrems gegen geltendes europäisches Recht verstoßen. Eine entsprechende Klage wegen Datenschutzverstößen ist in Wien anhängig. Das Verfahren kann sich aber noch Jahre ziehen.

Anders sieht dies etwa mit folgender Angelegenheit aus, die bereits einmal erfolgreich war: Das „Safe Harbor“-Abkommen, das den Datenaustausch zwischen Europa und USA geregelt hatte, wurde vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) gekippt. Laut Schrems wird nun auch der irische Datenschutzbeauftragte erneut gegen Facebooks Musterklauseln zur Weitergabe von User-Daten in die USA vorgehen. Schrems erwartet, dass bei einem neuerlichen Urteil des EuGH Facebook die Datenweitergabe von seinem internationalen Hauptquartier in Dublin in die USA komplett untersagt würde.

Schattenprofile von Nicht-Nutzern

Facebook sammelt aber auch Daten zu Menschen, die sich gar nicht bei dem sozialen Netzwerk eingeloggt oder angemeldet haben. Das wurde vor Jahren bekannt, als Entwickler ein Programm veröffentlicht hatten, über dieses Nutzer auf Informationen zugreifen konnten, die eigentlich nur Facebook gespeichert hatte. Die Sammlung der Daten von Nicht-Nutzern passiert etwa über die Synchronisation des Smartphones mit Facebook. Es besteht auch die Möglichkeit, eMail-Adressen zu importieren.

Der weltgrößte IT-Konzern sammelt zudem Daten über das Surf-Verhalten von Nicht-Mitgliedern über eine kleine Datei und weiß damit genau, wer welche Website besucht. Ein Gericht in Brüssel hat diese Praxis im vergangenen November verboten. Facebook befolgt das Urteil nun auf seine eigene Art: Den Cookie, also die kleine Datei, gibt es weiterhin. Aber das Netzwerk sperrt nun in Belgien die Internet-Nutzer aus, die öffentliche Facebook-Profile ansteuern, aber keinen Account besitzen. Eigentlich frei zugängliche Facebook-Seiten, etwa von Prominenten, Politikern, Firmen, sind nun für sie verschlossen.

Freundschaftsnetzwerke

Mit all den Daten, die Facebook über seine Nutzer und Nicht-Nutzer sammelt, kann der IT-Konzern laut Angaben von Wissenschaftlern auch ohne Zutun der Nutzer berechnen, welche sexuelle Orientierung sie haben oder welche politische Ausrichtung. Dazu reichen oft Informationen, die Freunde des betroffenen Nutzers über sich selbst freigegeben haben.

Das Netzwerk kann daher auch alleine über die Freundschaftsbeziehungen viel über die einzelnen Nutzer herausfinden. Die Vorhersagealgorithmen werden zudem immer schlauer und sind lernfähig. Daher stufen die Bezeichnung von Zuckerberg des Netzwerkes als „Privatsphäre-Innovation“ als äußerst fragwürdig ein. Zudem es jetzt demnächst bald die erste Generation von Menschen gibt, die bereits praktisch von Geburt an auf Facebook sind - in dem ihre Mütter Fotos von ihnen als Babys posten und mit ihrem Namen taggen.

Wie ändern?

Sundes Aussage, Facebook aus Europa zu verbannen, regt zum Nachdenken an. Die Klagen wegen Datenschutz-Verstößen zum Schutz der Privatsphäre der Nutzer führen nämlich höchstens dazu, dass auch in Zukunft neue, aus Datenschutzsicht heikle Features möglicherweise nicht so schnell nach Europa kommen werden. Entwickelt werden sie trotzdem, wie etwa die Features zur Gesichtserkennung.

Der Trend geht derzeit allerdings in eine ganz andere Richtung, als Facebook zu verbannen. EU-Politiker wollen den Konzern sogar dazu verpflichten, illegale Inhalte wie Hasspostings zu zensieren und lagert damit die Verantwortung, die eigentlich ein Staat hätte, an einen IT-Konzern aus. Die Bürgerrechtsorganisationen European Digital Rights (EDRi) hält dies für demokratiepolitisch bedenklich.

Es ist allerdings ein wichtiges Signal, wenn europäische Gerichtshöfe US-Konzerne in ihre Schranken weisen - denn auch ein Riese wie Facebook, der an der Börse weit über 100 Milliarden Dollar wert ist, muss sich an europäische Gesetze halten.