Portrait of a smiling female doctor

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Digital Life

Wie die Digitalisierung den Alltag in der Pflege erleichtert

Spricht man über die Digitalisierung in der Pflege, denkt man oft an Roboter, die zukünftig Pflegepersonal unterstützen. In der Realität geht die Technologie aber nicht über einzelne Prototypen hinaus. Für die Pflegenden gibt es viel entscheidendere, technologische Hilfen.

Denn der Pflegeberuf ist eine große Herausforderung, nicht nur während der Corona-Pandemie. Menschen zu helfen und sie persönlich zu begleiten ist nur ein Teil der Aufgabe, denn das Personal hat einen großen Verwaltungsaufwand und muss sich konstant weiterbilden, um auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Vertrauen aufbauen

„Die Pflege ist eine personenbezogene Dienstleistung. Dabei muss auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden. Sie brauchen das Vertrauen, dass die Pflegenden sie gut unterstützen. Nur dann können sie die Hilfe auch annehmen“, erklärt Kurt Schalek von der Arbeiterkammer im Gespräch mit der futurezone.

Wird nur rational und unter Zeitdruck gearbeitet, kann keine Beziehung aufgebaut werden. Im schlimmsten Fall kann das zu aggressivem Verhalten gegenüber den Pflegenden führen.

Der Einsatz der Mittel für die Pflege soll flexibler werden

Die Digitalisierung kann diesen Prozess nicht ersetzen, aber sie kann laut Schalek den Alltag der Pflegenden erleichtern. „Technologien sollen Beziehungen und Vertrauen fördern, aber auch Zeit ersparen, die das Personal dann in die Pflege der Menschen investieren kann“, sagt Schalek. Das können persönliche Gespräche über Videotelefonie sein oder Technologien, die Menschen mit Einschränkungen ermöglichen, sich mitzuteilen. Für Personen, die kein Deutsch sprechen, können Videodolmetsch-Systeme sofort eine funktionierende Kommunikation aufbauen.

Sensoren warnen aus der Ferne

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Nutzen von Sensoren, um schnell und aus der Ferne Werte wie Blutdruck ablesen und Veränderungen schnell erkennen zu können. Auch Sensormatten, die anzeigen, wenn jemand unerwartet sein Bett verlässt, können dabei helfen, Unfälle zu vermeiden. Damit kann nicht nur schneller reagiert werden, sondern die Technologie fördert auch die Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen.

Für die Pflegenden selbst ist ein wichtiger Block das Digitalisieren und Vereinfachen von Management- und Dokumentationssystemen. Die Arbeiterkammer unterstützt 3 Projekte mit dem Digitalisierungsfonds, die hier ansetzen.

Datenschutz-Feintuning lohnt sich beim Smartphone ganz besonders

Mitarbeiter*innen Sicherheit geben

Eines davon ist „Willkommen in der Pflege – Onboarding für MitarbeiterInnen in der mobilen Pflege und Betreuung“, das vom Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen umgesetzt wird. Mit einer App haben sie den Onboarding-Prozess, also das Einlernen neuer Mitarbeiter*innen, verbessert. „Wenn man direkt aus der Ausbildung kommt und das erste Mal allein zu Klient*innen geht, ist das eine Herausforderung“, erklärt Stefan Tacha vom Dachverband.

Dann soll die App mit Lehrinhalten dabei helfen, sich Wissen in Erinnerung zu rufen. Dabei wird auf spielerische Vermittlung gesetzt, etwa durch kurze Quizelemente. „Den Leuten wird nicht mehr ein großer Ordner in die Hand gedrückt, sondern sie haben die Möglichkeit, die Informationen nach und nach in gut bearbeitbaren Schritten zu erhalten, die sie jederzeit nachschauen können“, sagt Tacha.

Die App soll die Mitarbeiter*innen auch sozial unterstützen. Mit Emojis können sie mitteilen, wie es ihnen geht. Teamleiter*innen können darauf reagieren und helfen. „Unsere große Intention ist es, Sicherheit zu geben“, bestätigt Harald Schörgmayer vom Dachverband. Die App soll die Mitarbeiter*innen daran erinnern, in ihrem fordernden Beruf auch auf ihr eignes Wohl zu schauen.

Im Sommer auf Urlaub - und wer schaut in der Zwischenzeit auf die pflegebedürftige Oma?

Digitalisierungsschub in der Pandemie

Wie Technologie dem Personal in der mobilen Pflege helfen kann, hat etwa die Politikwissenschaftlerin Stefanie Wöhl von der Fachhochschule des BFI Wien zusammen mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) untersucht. Für ihre Studie „Die Zukunft der Pflege im digitalen Wandel“ ging sie mit den Angestellten der Caritas Socialis der Frage nach, wie Arbeitsprozesse vereinfacht oder verbessert werden können. Dazu gehört u.a. das Abrufen von Lohnzetteln und verwalten des Fahrtenbuchs online.

Ihr Projekt startete im Jänner 2020 und so konnte Wöhl während der Pandemie schnelle Veränderungen beobachten. „Da gab es schon einen Digitalisierungsschub. Es gab Erleichterungen, aber auch Sachen, die neu waren und die man erst lernen musste. Das war während der Pandemie eine echte Herausforderung“, sagt sie der futurezone. Lehrvideos für Personal, auch gerade für jenes, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, sollen außerdem dabei helfen, mit der Umstellung zurechtzukommen und alle auf den gleichen Stand der Informationen zu bringen.

Wichtig war es den Mitarbeiter*innen, dass sie jederzeit mit ihrem Smartphone auf den technischen Quick-Support zugreifen konnten, wenn sie unterwegs vor IT-Problemen standen. Für die Klient*innen sei es außerdem schwer, statt auf einem Zettel auf einem Smartphone-Display zu unterschreiben. Eine Herausforderung war immer wieder der fehlende Breitbandausbau, berichtet Wöhl, denn in einigen Haushalten gab es keinen oder schlechten Empfang, um Dokumente hochzuladen. Insgesamt kam es aber zu einem Digitalisierungsschub in der Organisation selbst, indem nun auch Besprechungen online abgehalten wurden für Außendienstmitarbeiter*innen.

Messy file folders and grungy documents, red tape, bureaucracy concept

Interaktives E-Learning 

Noch mitten in der Forschungsphase ist das Projekt „Keep it Simple – Informationsdefizite minimieren, Zeit und Sicherheit gewinnen“ der Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit. Eine mobile, zugängliche E-Learning-Plattform unterstützt das Personal vor allem in der Anfangsphase. „Neue Mitarbeiter*innen bekommen einen Ordner mit 60 Seiten an Informationen zum Durchlesen. Die Plattform soll das Lernen strukturierter machen“, erklärt Anette Jelen-Csokay vom Haus der Barmherzigkeit.

Mit interaktiven Elementen und einer kompakten Darstellung können die Inhalte am Computer, Tablet oder am Smartphone abgerufen werden. Vertieft werden die Informationen mit einem Quiz am Ende der Einheiten. Mit Videos sollen zukünftig auch jene Mitarbeiter*innen abgeholt werden, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Die Dokumente, die bisher oft in komplizierter Sprache formuliert sind, stellen sie vor eine Herausforderung.  

Die Inhalte der Plattform wurden zusammen mit hausinternen Expert*innen entwickelt. Damit werden Updates zum neuesten Stand der Wissenschaft niederschwellig zugänglich gemacht. Derzeit wird anhand von Testgruppen untersucht, wie die Einschulungsphase mit einer digitalen Lernplattform verbessert werden kann.

Personal bei Forschung mit einbeziehen

Was alle Projekte gemeinsam haben, ist die starke Involvierung der Pflegenden bei der Entwicklung. „Man muss sich viel stärker bei der Entwicklung neuer Technologien daran halten, was die Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf brauchen und was die Arbeitnehmer*innen brauchen. Viele Entwicklungen sind stark technologiegetrieben, bewähren sich aber im Alltag nicht“, erklärt Schalek. Hier müsse man stärker bei den Pflegenden nachfragen, was ihnen wirklich ihre Arbeit erleichtert, schon beim Finden der Forschungsfragen.

Disclaimer: Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen der AK Wien und der futurezone.

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