Digital Life
26.11.2018

Wie die Hippies das Internet zerstört haben

Der Informatiker Moshe Vardi hat für seinen Artikel "Wie die Hippies das Internet zerstörten" eine Menge Kritik eingesteckt.

Moshe Vardi ist Professor für Computational Engineering und Direktor des Instituts für Informationstechnologie an der Rice University in Houston. Im Juli hat er in der Fachpublikation "Communications of the ACM" den Artikel "How the Hippies Destroyed the Internet" veröffentlicht. Darin hinterfragt er das Paradigma der kostenlosen Information und bringt es mit der Entstehung einer werbefinanzierten Überwachungsmaschinerie im Netz in Verbindung. Vor kurzem war Vardi zu Gast in Wien, um an einer Podiumsdiskussion der Fakultät für Informatik der TU Wien teilzunehmen. Die futurezone hat vorab mit ihm gesprochen.

Haben Sie mit dem großen Echo auf ihren Artikel "How the Hippies Destroyed the Internet" gerechnet?
Der Artikel hat hitzige Debatten ausgelöst, es gab mehrere Briefe an den Herausgeber. Ich weiß bis heute nicht genau warum, aber ich habe da wohl einen Nerv getroffen. Viele Leute haben sich persönlich angegriffen gefühlt. Das waren vielleicht die, die sich selber als Hippies sehen.

Die Resonanz könnte darauf hinweisen, dass tatsächlich etwas im Argen liegt.
Ich denke, irgendetwas ist definitiv schiefgegangen. Die Erfinder des Internets - ich verwende den Begriff für die Infrastruktur und die Applikationen, die darauf laufen - haben geglaubt, dass sie eine Plattform zur Verbreitung von Demokratie geschaffen hätten. Jetzt zeigt sich, dass stattdessen Hass verbreitet wird. Heute diskutieren wir darüber, ob Facebook die Demokratie zerstört. Die Unzufriedenheit mit dem Status quo ist weit verbreitet. Ich habe in meinem Artikel versucht, das historisch zu analysieren, um eine ernste Debatte anzuregen.

Diese Analyse sieht den Ausgangspunkt der Fehlentwicklungen bei den Hippies.
Der Idealismus, der die Anfangstage des Internets geprägt hat, war Teil des Zeitgeists, aber auch ein Echo der Hippiebewegung. Dass Information frei sein muss, passt sehr gut in die Ideologie der 68er, die in Europa und den USA mit sehr idealistischen Vorstellungen wie "Make Love not War" gegen das Establishment gekämpft haben. Auf der technischen Seite hat sich mit der ICANN ( Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) schnell eine Verwaltungsstruktur für das Netz herausgebildet. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Abseits davon haben sich aber keine Strukturen entwickelt.

Vielleicht gab es so viel Widerspruch, weil die Beschuldigung der Hippies als autoritär ausgelegt werden könnte?
Ein Brief an den Herausgeber hat argumentiert, dass nicht die Hippies schuld am Zustand des Netzes seien sondern die Konzerne. Dazu sage ich: Natürlich spielen die Firmen eine Rolle, nämlich die, die wir ihnen zugewiesen haben: Sie wollen Profit machen. Wenn man dem einen Riegel vorschieben will, braucht man rechtliche Rahmenbedingungen. Die Philosophie, der die Internetpioniere anhingen, hat einen anarchistischen Einschlag. Die Regeln wurden in vielen Bereichen bewusst offen gelassen, es wurde keine Struktur geschaffen. Das haben die Konzerne genutzt und im resultierenden Vakuum ihr eigenes Modell entwickelt. Weil Information per Dogma für die Nutzer frei sein musste, haben sich die Internetfirmen auf Werbung als Einnahmequelle festgelegt. Damit diese Werbung ihren Zweck erfüllt, muss sie personalisiert sein. Das hat bewirkt, dass wir heute in einer Überwachungsgesellschaft leben, in der wir selbst die Produkte sind.

Es gibt ein prominentes Beispiel für funktionierendes Gemeingut im Netz: Wikipedia.
Elinor Ostrom hat sich damit beschäftig, wie man Gemeingüter verwalten kann und Prinzipien für die Selbstverwaltung aufgestellt. Wikipedia ist eine Erfolgsgeschichte, weil es keine Anarchie ist. Es gibt Gremien, die entscheiden, welche Personen Einträge verdient haben. Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie man mit Gemeingütern umgehen kann. Aber es gibt den Begriff "Tragödie der Gemeingüter". Der beschreibt, dass es ohne Regeln immer Akteure geben wird, die Gemeingüter für ihre Zwecke ausnutzen. Die Umwelt ist ein schönes Beispiel. Ohne Regeln wird sie gnadenlos ausgebeutet. Mit Regeln wie einer CO2-Steuer kann man dagegen angehen. Eine Firma wie Facebook hat zwar ein rudimentäres Regelwerk, die Community-Regeln. Die funktionieren aber nicht sonderlich gut. Deshalb war es in den USA bis vor kurzem möglich, Werbung gezielt an Weiße Suprematisten zu schicken.

Ihr Artikel könnte so ausgelegt werden, dass der Markt alles besser regeln würde.
Ich habe die Alternativen im Artikel bewusst offen gelassen. Man könnte zum Beispiel das Wikipedia-Modell auf das ganze Netz anwenden. Ich weiß aber nicht, ob das klappen würde. Wer ein Gemeingut will, muss auch das Regelbuch liefern. Im wissenschaftlichen Verlagswesen sieht man, was sonst passiert. Hier gab es ein Problem und Open Access wurde als Lösung postuliert, aber ohne konkretes Modell. Das hat dazu geführt, dass jetzt die Autoren für Veröffentlichungen zahlen, was zu mehr schlechten Publikationen geführt hat. Das Problem mit anarchistischen Lösungsansätzen ist, dass es immer externe Akteure gibt, die versuchen das System auszunutzen. Die Leute denken idealistische Konzepte oft nicht zu Ende.

Ein Argument für freie Information ist, dass sie Machtkonzentration verhindert.
Dass freie Information Machtstrukturen erodiert, ist eine nette Idee. Die Grundfrage ist immer, ob ein ein Markt profitorientiert sein soll. Einige EU-Länder wollen im wissenschaftlichen Verlagswesen ab 2020 nur noch auf Open Access setzen, ohne dass die Autoren für Veröffentlichungen zahlen. Aber was ist die Alternative? Wenn der Staat das wissenschaftliche Verlagswesen übernimmt, ist die Frage, ob ein solches Modell noch Innovation ermöglicht. Elsevier verlangt viel zu viel Geld, aber sie haben die Mittel, um Innovationen voranzutreiben.

Die wissenschaftliche Verlage zu verteidigen bringt als Akademiker vermutlich nicht viele Freunde.
Viele meiner Kollegen sehen Open Access als moralischen Imperativ. Wer das in Frage stellt, wird behandelt wie ein Pädophiler. Diese Einstellung, die aus einer extremen Political Correctness entspringt, verhindert jegliche Debatte. Der Idealismus ist hier sehr ausgeprägt.

Polarisierung und das Netz werden oft im selben Atemzug genannt. Was war zuerst da?
Polarisierung ist vor allem in den USA ein großes Thema. Es ist schwierig geworden, sich mit politischen Gegnern hinzusetzen, um zu reden. Manche Leute sagen, die moderne Kommunikationstechnologie sei Schuld. Der Versuch, das Netz allein auf der Basis freier Information neu aufzusetzen ist aber ein fehlgeleiteter Sprung zu einer vermeintlichen Lösung, ohne vorher ausreichend diskutiert zu haben. Das Gute an Märkten ist, dass sie kritisiert werden können. Wenn wir den Markt abschaffen, schaffen wir auch die Freiheit ab.

Wie könnten die Fehlentwicklungen korrigiert werden?
Bei Technologie geht es immer um die Abwägung von Kosten und Nutzen. Als Ford 1908 das Model-T entwickelt hatte, zeigte sich schnell, dass auch Autos gefährlich sind. Seit 100 Jahren arbeiten wir daran, dieses Risiko zu managen. Dafür haben wir entsprechende Rahmenbedingungen entwickelt. In der Informationstechnologie fehlt ein solches Gerüst. Die Tech-Firmen sind mit ihrem Argument, dass jede Regulierung zum Ersticken von Innovation führe, durchgekommen. Es wäre an der Zeit, dass wir uns hinsetzen und uns überlegen, wie wir von der Technologie profitieren können, ohne einen hohen Preis zu bezahlen. Wenn ein Auto eine Fehlfunktion hat, ist der Hersteller verantwortlich, bei Software ist das nicht so. Das zeigt, dass dieser Bereich unterreguliert ist. In Märkten geht es immer um die Balance zwischen Freiheit und Regeln. Wenn wir Regeln wollen, müssen wir die Situation genau analysieren. Das ist nicht passiert, die Unternehmen hatten 50 Jahre lang Narrenfreiheit. Jetzt diskutieren wir darüber, ob wir diese Konzerne zerschlagen müssen.

Sind Sie ein Marktfundamentalist?
Ich glaube, dass Märkte funktionieren. Ich bin aber kein Fundamentalist. Wir sehen im Netz heute, dass Medien oft die Arbeit machen, aber nichts damit verdienen. Weil wir entschieden haben, dass Information frei sein soll, gibt es ein Werbemodell. Onlinewerbung nervt, verbreitet Malware und macht das Surfen langsam. Deshalb gibt es Adblocker, die wiederum von einigen Seiten geblockt werden. Wir haben einen Adblockerkrieg. Wir können aber immer entscheiden, was für eine Art von Markt für Information wir haben wollen. Wir müssen uns lediglich festlegen. Das derzeitige Modell funktioniert nicht, auch große Zeitungen wie die New York Times haben wirtschaftliche Probleme bekommen, auch wenn sie jetzt dank Trump einen Aufschwung erleben. Medien sind das Fundament der Demokratie, das muss am Ende finanziert werden.

Es gab ja alternative Konzepte, etwa Micropayments.
Micropayments haben sich nicht durchgesetzt, weil es keine adäquate technische Lösung gibt. Ein solches System müsste skalierbar sein und sehr effizient funktionieren. Wie viel soll ein einzelner Artikel kosten? Wenn wir sagen fünf Cent, dann darf der Bezahlvorgang nicht mehr als 10 Prozent davon kosten. Kreditkarten nehmen sich beispielsweise nur drei bis fünf Prozent von jeder Bezahlung. Demnach dürften nur etwa 0,3 Cent des Preises für einen Artikel für die Bezahlung draufgehen. Das erfordert ein sehr effizientes System, das wir bislang nicht haben. Wie das Netz aussähe, wenn Google diesen Weg gegangen wäre, ist eine interessante Frage.

Sie sehen uns heute in einer Überwachungsgesellschaft. Wie schlimm ist es?
Es ist ziemlich schlimm. Dass Russland die US-Wahlen beeinflusst, ist Wahnsinn. Ich glaube, wir haben das noch nicht verdaut. Was ohne russische Einflussnahme passiert wäre, kann niemand mit Sicherheit sagen, aber alleine dass so etwas möglich ist, ist bedenklich. Hier führt mangelnde Regulierung direkt zu mangelnder Sicherheit, die solche Angriffe erst ermöglicht. Die Fähigkeit von Firmen, Individuen mit gezielter Werbung ins Visier zu nehmen, ist beunruhigend. Facebook kennt mich besser als ich mich selbst. Die Unternehmen entscheiden heute, was ich zu sehen bekomme, das gibt ihnen große Macht. Zudem sind durch neue Technologien wie Machine Learning die enormen Datenmengen, die Internetfirmen anhäufen, verwertbar.

Wie sieht es mit staatlicher Überwachung aus? Gesichtserkennung scheint hier gerade der letzte Schrei zu sein.
Ich weiß nicht, ob das FBI Daten von Facebook kauft, wenn es einen Nutzer in Verdacht hat, ein Terrorist zu sein. Durch Snowden haben wir gelernt, dass die USA riesige Überwachungsprogramme haben. Deren Legalität ist nie abschließend beurteilt worden. Mit Gesichtserkennung gibt es jetzt die nächste Technologie, die Überwachungsmöglichkeiten ausweitet. Wenn ich heute in ein Geschäft gehe, kann ich identifiziert werden. Einen gesetzlichen Rahmen, der mich schützen könnte, gibt es nicht. In Großbritannien sind die Straßen voll mit Überwachungskameras, ohne dass das gesellschaftlich ausverhandelt worden wäre.

Sind wir den Regierungen ausgeliefert?
Wir leben in einer Zeit, in der sich die Technologie schneller entwickelt, als politische Lösungsansätze. In den vergangenen 30 Jahren ist enorm viel passiert und die Politik hinkt weit hinterher. Erst wenn es politische Konzepte gibt, können wir über Gesetze und Regulierung nachdenken. Die Frage, die es zu klären gilt, ist, wie viel Überwachung wir den Regierungen zugestehen wollen. In den USA gab es vor Jahrzehnten einen Fall, bei dem ein Journalist sich von einer Videothek die Verleihhistorie eines Richters besorgt hat. Das hat die Öffentlichkeit alarmiert und es wurde ein Gesetz erlassen, das das verbietet. Heute weiß Netflix alles über das Sehverhalten seiner Kunden und niemand weiß, was sie mit diesen Daten anstellen. Auf der anderen Seite führt die DSGVO dazu, dass ich in Europa gerade keine US-Medien konsumieren kann, Regulierung kann also auch zu weit gehen. Das ist im Vorfeld nicht ausreichend diskutiert worden. Am Ende braucht es ein Gleichgewicht.

Können wir das Netz noch retten?
Es ist nicht zu spät. Wir können das noch auf die Reihe kriegen. Die großen Herausforderungen für die Menschheit können auf den Umgang mit Technologie zurückgeführt werden. Der Klimawandel zum Beispiel. Wir alle lieben billige Energie. Dafür müssen wir uns aber auch mit den Konsequenzen herumschlagen. Wir sind eine technologische Gesellschaft, die sich seit 50 Jahren extrem schnell entwickelt. Das ist eine Herausforderung. Am Ende sind die meisten Probleme Aspekte einer einzigen Geschichte: Es geht um unseren Umgang mit Technologie. Das beschäftigt die Menschen schon seit die Geschichte geschrieben wurde, wie Prometheus das Feuer stahl. Es geht um den Preis, den wir zahlen müssen, um von Technologie profitieren zu können. Die Büchse der Pandora.