© E-Line Media

Games
06/27/2020

Beyond Blue im Test: Eine spielbare Ozean-Doku

Ein kurzweiliges Unterwasser-Abenteuer, welches das Herz zwar am richtigen Fleck hat, aber leider viele Chancen vergibt.

von Franziska Bechtold

Einem Signal folgend taucht man ab in das blaue Nichts, bis sich plötzlich ein Orca-Schwarm zeigt, oder riesige Pottwale auftauchen. Was für manche unheimlich klingt, hat das Spiel Beyond Blue in ein entspannendes Setting gepackt. Als Forscherin Mirai (Anna Akana) taucht man in einer nicht allzufernen Zukunft in den Pazifik ab, scannt jede Menge Meeresbewohner in allen Größen und Formen, nimmt Proben und untersucht zwielichtige seismische Aktivitäten.

Das Spielprinzip ist (sehr) simpel: Man schwimmt von Wegpunkt zu Wegpunkt und klickt auf Fische. Das ist aufgrund der zahlreichen Meeresbewohner nicht sterbenslangweilig, aber auch nicht sonderlich fordernd. Mirai folgt dem Pottwal-Kalb Andrea und ihrer Familie, deren Verhalten ihr Sorgen macht. Ein Störsignal weist auf illegale Minenarbeiten hin und das gilt es zu untersuchen.

Futuristisches U-Boot

Zwischen den insgesamt 8 Tauchgängen kehrt man immer wieder in sein U-Boot zurück. Das sieht eher aus wie eine Raumstation als ein U-Boot. Viel zu tun gibt es dort nicht. Man führt hauptsächlich Telefonate mit 2 weiteren Forschern, Andre (Hakeem Kae-Kazim) und Irina (Mira Furlan). Nebenbei wird die Beziehung zur Schwester Ren (Ally Maki) erzählt. Sie kümmert sich um die demente Großmutter, während man auf Unterwasser-Expedition ist.

Beyond Blue ist eher eine spielbare Dokumentation mit fiktionalen Elementen als ein Adventure. Die Tauchgänge dauern zwischen 20 bis 30 Minuten und eröffnen den Blick auf beeindruckende Unterwasserschauplätze. Ein Atoll im eher flachen Gewässer und tiefe Finsternis mit vulkanischen Quellen und Solebecken bieten Abwechslung und sind vor allem deshalb faszinierend, weil die Entwickler versuchen, die Realität so gut es geht abzubilden. Dazu gehört beispielsweise auch, dass man Plastikmüll am Ozeanboden findet.

Das U-Boot ähnelt einer Raumstation

Schwimmen mit Walen

Mirai hat viel Technik zur Verfügung

Beim Tauchgang trifft man zahlreiche Rochen

Ein Solebecken tief unter Wasser

Diesen Fußballfisch müssen wir noch scannen

Viele verpasste Chancen

Das wird allerdings kaum thematisiert. Weitestgehend ist das Meer in Beyond Blue nämlich schön aufgeräumt und die paar Reifen und Plastikflaschen wirken platziert und die Lebewesen um sie herum wenig beeindruckt. Dabei ist es doch eigentlich ein selbst deklariertes Ziel der Entwickler, den Blick der Spieler darauf zu richten, wie der Ozean unter menschliche Einfluss leidet.

Ähnliches gilt für die zahlreichen Lebewesen, die man mühsam scannt. Sie sind zwar katalogisiert, schlägt man sie aber nach, erhält man nur sehr wenige Infos über ihre Art. Korallen oder Pflanzen kann man leider gar nicht scannen, obwohl man sich die Mühe gemacht hat, sie detailliert nachzubilden. Bei einem Spiel, das hauptsächlich informieren möchte, ist das ein bisschen schwach.

Infotainment auf Sparflamme

Diese vergebenen Chancen werden umso ärgerlicher, wenn man bedenkt, dass die Entwickler von E-Line Media ("Never Alone") von den Machern der BBC-Serie Blue Planet II mit der Entwicklung beauftragt wurden und das Spiel von  OceanX Media, das Technologien für die Erforschung der Ozeane entwickelt, mitfinanziert wurde. Dafür hat man sich zudem ein Team aus Meeresbiologen ins Boot geholt. Zwar bekommt man einen guten Eindruck davon, wie das tägliche Leben der Forscher aussieht und was sie antreibt, mehr thematischer Tiefgang wäre aber auch nicht schlecht gewesen.

Vulkanische Aktivität in der Tiefe

Plastikmüll ist da, spielt aber kaum eine Rolle

Wir katalogisieren Tiere ... 

... erfahren aber nur wenig über sie

Neben uns eine Schiffschraube, vor uns Buckelwale

Irgendwo im Nichts ist der nächst Wegpunkt

Von einem Spiel, in dem man den Ozean erkunden soll, könnte man sich eigentlich auch erwarten, dass man einfach von einem Gebiet zum anderen schwimmen kann, sobald die Gebiete freigeschaltet sind. Aber Beyond Blue sperrt Spieler in überraschend eng gefasste Level, in denen man schnell an unsichtbare Grenzen stößt, etwa wenn man versucht vom Atoll in die Tiefe zu tauchen. Das ist schade, hätte man doch die einzelnen Bereiche recht einfach miteinander verbinden können. So muss man immer wieder ins U-Boot zurückkehren und dann das gewünschte Gebiet auswählen.

Weiche Roboterfinger

Hervorragend ist auch die Soundkulisse, das Klacken der Wale ist ebenso immersiv wie der Soundtrack und die gelungene Synchronisation. Informationen werden unaufdringlich mitgeteilt, ohne oberlehrerhaft zu wirken. Anstatt uns unwissenden Spielern alles vorzukauen, wird so getan, als befände man sich in einem Live-Stream (ja, es gibt WLAN unter Wasser). Mirai wird von einer Kamera begleitet und Andre und Irina erklären “den Zuschauern”, was gerade passiert. Die Schauspieler geben Beyond Blue eine emotionale Tiefe, ohne die das Interesse am Spiel vermutlich schnell abbrechen würde.

Sehr gut gelungen sind die insgesamt 16 kurzen Dokumentationen, die man nach und nach freischaltet. Sie lehren mehr über die Ozeane, Walgesänge, das Leben als Meeresforscher und die beeindruckende Technik, die in ihrem Beruf zum Einsatz kommt. So weiß ich jetzt beispielsweise, dass man weiche Roboterfinger einsetzt, um kleine Tiere wie Quallen sanft umschlingen zu können, wenn man sie untersuchen möchte. Damit geht man sicher, dass die Tieren unversehrt sind und man nicht einfach auf gut Glück am Meeresboden herumstochert und bleibende Schäden im Ökosystem hinterlässt.

Fazit

Beyond Blue besticht mit seiner detailreichen Unterwasserwelt, die auch noch begeistert, wenn man das zehnte Mal einen Fisch aus nächster Nähe begutachtet. Schnell realisiert man, dass weder Orcas noch Haie einem zu Leibe rücken, sondern tun, was Meeresbewohner eben tun: Sie schwimmen herum und gucken. Das Spiel braucht kein künstliches Drama oder Schockmomente, um interessant zu sein.

Trotz der vielen Kritikpunkte bereue ich es nicht, knapp 20 Euro für Beyond Blue bezahlt zu haben. Für die reine Story braucht man etwa 3 Stunden, wer sich die Mühe macht, sämtliche Fische zu scannen, die Videos anzusehen und ein bisschen zu verweilen, ist noch mal zusätzliche 2 Stunden beschäftigt. Die Intention der Macher, mich mehr für die Meere zu begeistern, hat funktioniert. Wem Spiele wie Abzû gefallen, der ist hier auch an der richtigen Adresse. Aufregend war es nicht, aber entspannend und schön. Das muss auch manchmal reichen.

Beyond Blue ist für PC, Xbox, Playstation und Apple Arcade erschienen, eine Version für Nintendo Switch ist in Arbeit.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.