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10/19/2019

Ring Fit Adventure im Test: Nintendo bringt Gamer ins Schwitzen

Rennen, Springen, Kniebeugen: Nintendos Sportspiel ist schweißtreibend und motivierend, büßt aber bei Hardware und Story ein.

von Franziska Bechtold

Der “Enthüllungstrailer”, den Nintendo für das Ring Fit Adventure veröffentlichte, wirkt wie Teleshopping. Wer dachte, wahnsinnig starrende Schauspieler mit asynchronen deutschen Sprechern könnten mich davon überzeugen, in meiner Freizeit an einem Plastikring zu ziehen, der lag falsch. Nun habe ich es doch ausprobiert und bin umso überraschter, dass Nintendo tatsächlich ein cleveres Trainings-Spiel gelungen ist. 

Für 69,99 Euro erhält man das Spiel, den Ring-Con und den Beingurt. Die Schaumstoff-Griffe am Ring-Con sind abnehmbar und können wie der Beingurt in die Waschmaschine. Wenn man sie nach der ersten Trainingsrunde vollgeschwitzt hat, weiß man, warum das wichtig ist. Der Ring-Con kann zusammengedrückt und gezogen werden, der Beingurt wird am linken Oberschenkel angebracht. Beides wird jeweils mit einem Joycon bestückt.

Sport-Adventure

Wer möchte, gibt bei Spielstart Geschlecht, Alter, Gewicht und Fitnesslevel an. Das ist nicht obligatorisch, für ein effektives Training aber sinnvoll, um die richtige Intensität zu finden und verbrauchte Kalorien anzuzeigen. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Story-Modus, denn Nintendo betont, dass es sich um ein Spiel mit Fitness-Elementen und nicht um eine Sport-App handelt.

Ring Fit ist ein klassisches Adventure mit rundenbasierten Kämpfen. Mit meiner Spielfigur treffe ich zuerst meinen Verbündeten “Ring”. Ich befreie versehentlich den bösen Bodybilder-Drachen und Widersacher Drako. Er trägt ein schickes Netzhemd, leuchtet lila und trainiert zu viel - dem muss Einhalt geboten werden. Die Welt ist grafisch schön, aber wiederholt sich schnell. Die Story ist langweilig: Bla bla, Welt retten, bla bla, böse Macht, bla bla, befreie das Dorf -  man kennt es. 

Die 20 Welten liefern über einen großen Zeitraum neue Inhalte. Die einzelnen Level dauern zwischen 5 und 15 Minuten. Man bewegt die Spielfigur, indem man auf der Stelle läuft. Hinzu kommt Stiegen steigen, durch Wasser waten, paddeln und fliegen. Dafür müssen beispielsweise die Knie stärker angezogen werden.

Die Gegner sind süße Sportgeräte-Tierchen.

Mit Bauchmuskeln werden die Gegner abgewehrt.

Man muss rennen, damit sich die Spielfigur bewegt.

Gut ausgeführte Übungen machen mehr Schaden.

Es gibt über 20 Spielwelten.

In jedem Level müssen Kämpfe bestritten werden, die schnell schwerer werden. Dann müssen die Übungen häufiger wiederholt werden. Gleiches gilt auch, wenn man den Schwierigkeitsgrad hochschraubt. Die Gegner sind niedliche anthropomorphe Sportgeräte wie Kettlebells mit Hundeblick oder Hantel-Krabben. Bekämpft werden sie mit Sportübungen, die entweder einzelne oder alle Gegner angreifen, unterschiedlich stark sind und einen Cooldown von mindestens einer Runde haben.

Haptisches Feedback

Die Übungen sind nach angesprochener Körperpartie sortiert und farblich codiert. Desto genauer man die Übungen ausführt, desto mehr Schaden macht man. Das haptische Feedback des Ring-Con und Beingurts ist hier besonders gut gelungen. Da man je nach Übung nicht immer den TV im Blick hat, weil man am Boden liegt oder sich vorn über beugt, erhält man über die Vibration Feedback, ob die Ausführung korrekt ist.

Nach und nach werden neue Übungen freigespielt. Deshalb hab ich die ersten Stunden hauptsächlich mit Kniebeugen verbracht und der Muskelkater grüßte. Insgesamt gibt es 40 Übungen, wovon immer sechs eingesetzt werden können. Schaltet man eine neue Einheit frei, muss man eine andere zugunsten der Übung entfernt werden. Zur Heilung und Stärkung im Kampf trinkt man Power-Up-Smoothies. Die sind auch irgendwann dringend notwendig, wenn die Kämpfe schwieriger werden.

Highscore Jagd

Neben der Hauptstory gibt es Mini-Spiele, die zum Aufleveln oder zur Highscore-Jagd taugen. Sie sprechen gezielt einzelne Körperpartien an und enthalten Jump&Run-Passagen oder Jahrmarktspiele wie Kisten zerschießen. Das weckt den Ehrgeiz, insbesondere wenn man mit Freunden um die höchste Punktzahl kämpft. Zudem gibt es die Möglichkeit, Fitnessprogramme zu absolvieren. Hier können vorgegebene Übungen für einzelne Körperpartien ausgewählt oder individuelle Trainingspläne erstellt werden.

Für besonders aktive muss auch bei ausgeschalteter Konsole keine Pause gemacht werden: Lässt man den Joy-Con im Ring, zählt der bis zu 500 Armpressen, die man unterwegs oder beim Fernsehen machen kann. Bei der nächsten Trainingseinheit erhält man einen Bonus, je nachdem wie oft man den Ring-Con in der Zwischenzeit zusammengedrückt hat. Gute Idee!

Die Controller geben haptisches Feedback

Der Ring-Con kann gezogen und gepresst werden.

Die Abfrage der Bewegungen funktioniert sehr gut

Austricksen möglich - aber nicht sinnvoll

Meine Einheiten dauerten immer etwa 30 bis 45 Minuten, länger als 60 Minuten zu spielen ist optimistisch. Wenn man nach einer Stunde noch nicht schwitzt, dann liegt es eher daran, dass die Intensität zu gering eingestellt wurde. Man kann das System natürlich auch einfach austricksen. Wenn man aber knapp 70 Euro für ein Sportspiel ausgibt, ist es nicht sehr sinnvoll, es dann zu überlisten, nur weil es geht. Ich gehe nicht davon aus, dass mich ein Nintendo-Mitarbeiter anruft und mich rügt, weil ich die Überkopf-Presse nicht richtig mache. Die ist eben wirklich schwer. 

Ein großes Manko ist, dass der Beingurt rutscht. Dann rennt man und rennt und es tut sich nichts. Man zieht die Knie an und die Spielfigur hebt einfach nicht die Füße. Dann muss der Gurt immer wieder hochgezogen werden, oder man schnürt sich so stark den Oberschenkel ab, dass es schon unangenehm ist - auch nicht Sinn der Sache. Das ist besonders ärgerlich, weil man das mit einen rutschfesten Gurt sehr einfach hätte vermeiden können. Das Problem trat bereits bei der ersten Trainingseinheit mit mehreren Personen und Hosenmaterialien auf. Es würde mich also stark wundern, wenn das nicht bereits bekannt ist, man es aber hoffnungsvoll ignoriert hat.

Fazit

Nintendo gelingt hier eine wirklich gute Innovation. Die kurzen Level motivieren langfristig und das Kampfsystem verleitet dazu, auch mal ein oder zwei Einheiten zusätzlich zu machen. 30 Minuten täglich sind mindestens drin. Ein Fitnesstraining kann es allerdings nicht ersetzen. Lange auf der Stelle zu rennen, ist langfristig nicht sonderlich gesund. Zum Muskelaufbau bräuchte man außerdem Gewichte.

Das soll aber nicht heißen, dass Ring Fit Adventure nichts bringt, ganz im Gegenteil: Bewegung ist nie schlecht - man sollte nur keine falschen Erwartungen haben. Wer ab und zu auf unterhaltsame Weise sporteln möchte, oder einen Ausgleich zu anderen Trainingseinheiten sucht, bekommt mit Ring Fit Langzeitspaß.