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Gastkommentar

Wie moderne Technologien beim Artenschutz helfen können

Ob der Einsatz moderner Technologien zur Zerstörung oder zum Erhalt der Natur beiträgt, ist keine Frage des Schicksals, sondern von Entscheidungen.

Die Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen veranschaulichen deutlich das Ausmaß der Krise, in die wir uns manövriert haben: Alle 24 Stunden sterben 150 bis 200 Arten von Pflanzen, Insekten, Vögeln und Säugetieren aus. Das entspricht einem 1.000-fachen dessen, was Biologen als natürliches Aussterben ansehen. Der UN-Biodiversitätsbericht von 2019 bietet einen düsteren Ausblick. Angetrieben von intensiver Landnutzung und der beispiellosen Übernutzung natürlicher Ressourcen durch die Menschen erfährt das dramatische Artensterben eine rasante Beschleunigung. Von geschätzten 8 Millionen Tier- und Pflanzenarten sind 1 Million vom Aussterben bedroht, viele davon innerhalb von Jahrzehnten. Der menschgemachte Verlust ökologischer Vielfalt ist ein Boomerang. Die Auswirkungen bekommt die Menschheit am eigenen Leib zu spüren, bereits jetzt trifft es besonders jene Menschen, die weltweit von Nahrungsmangel betroffen sind.

SMS von Elefanten

Die wichtigste Grundlage für erfolgreichen Artenschutz sind zweifelsohne Erhalt und Rückgabe natürlicher Lebensräume sowie ein radikaler Stopp der massiven menschlichen Eingriffe. Zugleich brauchen Naturschützer*innen nebst strikten Gesetzen noch weitere effiziente Werkzeuge, um bedrohte Arten vor der weiteren Zerstörung ihrer Lebensräume und Nahrung, Wilderei, den Auswirkungen der Klimakrise oder Verschmutzungen zu schützen. Die dafür verfügbaren Technologien haben sich seit den guten alten Kameras und Peilsendern kontinuierlich weiterentwickelt. Um Zusammenstöße zwischen Herden und Menschen zu verhindern, bei denen sowohl Tiere als auch Menschen regelmäßig zu Tode kommen, haben die Elefanten 2005 in Kenia noch SMS versendet. Heute warnt eine neue Kamera-Technologie rechtzeitig davor, wenn die Tiere sich bewohnten Gebieten nähern, sodass die Bewohner*innen früh genug reagieren können.

Den Wilderern zuvorkommen

Was Ranger in Naturschutzgebieten einst durch jahrelange Erfahrung, perfekte Kenntnis der Örtlichkeiten, gute Intuition und eine große Portion Zufall erledigen mussten, um Wilderern das Handwerk zu legen, erledigen heute prädiktive KI-Systeme für sie. Zum Beispiel per Audiostream im Regenwald, wo Guardians aus ausrangierten Handys die natürlichen Geräuschkulissen aufnehmen und eine KI Störungen wie Geräusche von Motorsägen analysiert und in Echtzeit die Ranger warnt. Oder mit der prädiktiven KI-Software Protection Assistant for Wildlife Security (PAWS), die darauf ausgerichtet ist, riesige Datenmengen zu analysieren und dann ML, Spieltheorie und mathematische Modellierung einzusetzen, vorherzusagen, wo Wilderer am wahrscheinlichsten zuschlagen werden. PAWS wurde in Kambodscha getestet und soll demnächst flächendeckend in rund 800 globalen Nationalparks an den Start gehen, die zum Monitoring bereits die etablierte Software SMART (Spatial Monitoring and Reporting Tool) verwenden.

Fischfänger fangen

Die Ozeane bedecken 70% unseres Planeten und sind wesentlich für die Stabilisierung des Weltklimas. Ihre sensiblen Systeme sind durch die Auswirkungen der Klimakrise bereits hochgradig irritiert, dazu kommt die hemmungslose Verschmutzung und massive Überfischung. (Illegale) Fangflotten sind mit modernster Technik ausgestattet. Aber auch die Technologie zur Überwachung von Fischerei, Tier- und Bootsbewegungen, zum Aufspüren illegaler Aktivitäten und zur Beobachtung von Verschmutzungen hat sich rasch weiterentwickelt. Ein Beispiel ist die Karte von Global Fishing Watch, die Satellitentechnik, Cloud Computing und maschinelles Lernen nutzt, um ein beinahe-Echtzeit-Tracking weltweiter Fischereiaktivitäten öffentlich sichtbar zu machen. Sie verfolgt die Bewegungen von mehr als 65.000 großen Fischereifahrzeugen und weist sogar wahrscheinliche Transfers von Meeresfrüchten, Besatzung, Treibstoff oder Vorräten zwischen Schiffen auf See aus, eine Praxis, die als Umladung bekannt ist und illegale Fischereiaktivitäten verschleiern kann.

Smarte Windräder

Nicht nur in tropischen Regenwäldern oder den Tiefen des Ozeans können moderne Systeme den Artenschutz verbessern. Auch im deutschsprachigen Raum kommen zunehmend Drohnen zur Wildtier-Überwachung zum Einsatz oder werden smarte Technologien weiterentwickelt, um Vogel- und Fledermausarten vor tödlichen Kollisionen mit Windrädern zu bewahren. So will man den notwendigen Ausbau erneuerbarer Energien mit Artenschutz in Einklang bringen. So sollen Kamera- und Radarsysteme dafür sorgen, dass Windradanlagen sich automatisch abschalten, sobald ihnen Vögel und Fledermäuse gefährlich nahekommen.

Fluch oder Segen?

Blicken wir den Tatsachen ins Auge: Die teure Entwicklung modernster Technologien findet nicht aus der reinen idealistischen Liebe zu diesem Planeten und allen darauf fliegenden, krabbelnden, schwimmenden Lebewesen statt. Damit das passiert, braucht es einen Anreiz, und da kann und muss Politik steuern. An den Systemen für Windkraftanlagen wird deshalb geforscht, weil der in Baden-Württemberg häufig verbreitete Rotmilan streng geschützt ist dieser strenge Artenschutz dem Windkraftausbau im Weg steht. Das ist gut so und zeigt: strenge Gesetze zum Schutz der Natur und ihrer Vielfalt sind nicht nur lebensnotwendig, sondern auch ein Innovations-Antrieb. Ob der Einsatz moderner Technologien zur Zerstörung oder zum Erhalt der Natur beiträgt, ist keine Frage des Schicksals, sondern von Entscheidungen. Treffen wir die richtigen.

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Tina Wirnsberger

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.

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