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Meinung
05/15/2020

Natur – die volle Drohnung

Die Mähsaison verdeutlicht, wie nah beieinander Fluch und Nutzen unserer Technologien für die Natur liegen.

von Tina Wirnsberger

„Look up and never give up!“ Es ging als inspirierendes Video viral, quasi eine bewegte Version von Kalenderbildern mit klugen Sprüchen: Das Video einer Bärenmama und ihrem Baby, die einen steilen Berggrat erklimmen. Der kleine Bär klettert tapsig unter größter Anstrengung die eisige Steigung hoch, doch kurz vor dem Ziel rutscht er wieder ab. So geht das einige Male, das Herz rutscht den Zusehenden in die Hose und macht schließlich erleichterte Sprünge beim Happy End.

Die Wahrheit über dieses Video ist jedoch alles andere als entzückend: Viele Wissenschaftler*innen sahen darin keine hippe Motivations-Story, sondern offenbarten einen besorgniserregenden Hintergrund. Es sei ungewöhnlich, dass eine Bärenmutter eine so gefährliche Strecke mit ihrem Jungen wähle – es sei denn, sie fühlte sich bedrängt. Und genau das, so die Forscher*innen, dürfte der Fall gewesen sein. Die Kamera-Drohne scheint sich zu schnell angenähert zu haben, einmal schlägt die irritierte Bärin sogar mit der Pratze in ihre Richtung, was dafür sorgt, dass ihr Junges erneut abrutscht.

Bienen, Beute, Bedrohung

Das Video hatte etwas Gutes im Schlechten: Es regte die breite Diskussion über die Auswirkungen von Drohnen auf die Natur und den richtigen Umgang damit an. Studien zu den Reaktionen von Tieren auf die Anwesenheit von Drohnen gab es bereits zuvor, auch andere Videos, die eindeutig zeigen, wie die Fluggeräte das Verhalten von Tieren beeinflussen. Dafür, weshalb manche Tiere sich überhaupt nicht beeindrucken lassen, während bei anderen der Flucht oder Angriff-Instinkt anspringt, gibt es eine Bandbreite an Erklärungen.
Elefanten dürften sie aufgrund des brummenden Geräuschs für Bienenschwärme halten. Und wo es außer dem Menschen wenige Räuber gibt, die die grauen Riesen aus der Ruhe bringen können, so versetzen Bienenschwärme, die sich von Größe nicht beeindrucken lassen und die Dickhäuter in den Rüssel und hinter den Ohren stechen können, sie in Rage. Elefanten hassen Bienen – und sie hassen Drohnen.

Tierische Abfangjäger

Dass die unbemannten Flugobjekte in Raubvögeln den Jagdinstinkt wecken, verursachte bei Drohnenpiloten nicht nur schon so manchen Ärger und hohe Kosten, der Mensch wollte sich diese natürliche Reaktion der Vögel auch rasch zu Nutze machen. Die niederländische Polizei beispielsweise begann bereits 2016 damit, Adler zu Drohnenabfangjägern auszubilden.

Drohnen für den Naturschutz

Um noch ein wenig bei den Vögeln zu bleiben: Dass der Einsatz von High-Tech nicht immer ein Widerspruch für den Naturschutz sein muss, sondern im Gegenteil sehr unterstützend genutzt werden kann, zeigt unter anderem die Vogelschutz-Organisation BirdLife auf. Sie nutzt die Technologie nicht nur für Bild- und Videomaterial in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, sondern untersucht mit Drohnen auch die illegale Greifvogelverfolgung oder die Ursachen von Brutverlusten bei streng geschützten Arten wie dem Kaiseradler, der an schwer zugänglichen Orten nistet. Dabei befliegt die Organisation natürlich keine aktiven Nester, sondern untersucht aufgegebene Horste auf Hinweise nach den Ursachen der Verwaisung.

Auch die Rettung von Rehkitzen mittels Drohnen gewinnt zum Glück an Bedeutung. Im Mai und Juni kommen die Jungen auf die Welt – unglücklicherweise genau zu jener Zeit, zu der auch die landwirtschaftliche Mähsaison beginnt. Zum Schutz vor Fressfeinden verstecken Rehe ihre Jungen im hohen Gras. Die harren dort still, um möglichst nicht auf sich aufmerksam zu machen, und ducken sich bei drohender Gefahr nur noch tiefer ins Gras anstatt zu flüchten. So sterben jedes Jahr in Österreich geschätzt 25.000 Rehkitze bei Mäharbeiten. Mit Wärmebildkameras ausgestattete Drohnen helfen dabei, die Kitze aufzuspüren und an einen sicheren Platz zu bringen.

Robo-Mäher und Igelskalp

An dieser Stelle muss natürlich betont werden, dass der beste Naturschutz darin besteht, dass der Mensch den Tieren ihren natürlichen Lebensraum ungestört überlässt und dass wir dafür kämpfen müssen. Die tägliche und für Tiere gerade in dieser Zeit nicht nur störende, sondern oft tödliche Realität ist aber die, dass wir Menschen ihre Wohnräume für uns beanspruchen. Und wo wir das tun, müssen wir verantwortungsvoll nach Möglichkeiten suchen, die Technologien, die unser Leben vereinfachen oder einfach nur unterhaltsamer machen, nach Möglichkeit sinnvoll, mindestens jedoch maßvoll im Einklang mit der Natur einzusetzen. Das gilt für die Freizeit-Drohnenpilot*innen unter uns ebenso wie für Faule Gärtner*innen mit Rasenmäher-Robotern: Lasst die Dinger nicht unbeaufsichtigt laufen und schaltet sie über Nacht aus. Sonst skalpiert ihr die Igel in euren Gärten.

Über die Autorin

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.