Nein liebe Briten, die EU schreibt kein Katzenragout vor

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Meinung
03/04/2019

Brexit: Die Katze im Druckkochtopf

Die britische EU-Ablehnung wird verständlicher, wenn man einen Blick auf die haarsträubenden Schauergeschichten wirft.

Die Dummheit wohnt überall. Manche Leute stürzen sich auf derart hirnzerbröselte Weise in ihr eigenes Unglück, dass man nur noch staunen kann. Der eine trägt seine gesamten Ersparnisse ins Casino, weil er von der magischen Gewinnzahl geträumt hat, der andere wirft seine Medikamente weg, weil ihm seine Wünschelrute dazu geraten hat. Und ungefähr so fühlt es sich für viele Kontinentaleuropäer heute an, die bemerkenswerte Lust an der Selbstbeschädigung zu beobachten, die rund um die Brexit-Abstimmung im Vereinigten Königreich ausgebrochen ist.

Sind die Briten denn alle verrückt geworden? Ist es pure Dummheit, die ein ganzes Volk dazu bringt, die eigene Wirtschaft mutwillig zu beschädigen, die außenpolitische Bedeutung des eigenen Landes vom Bulldoggen-Niveau auf Chihuahua-Status zu reduzieren und in Nordirland alte Wunden neu aufzureißen? Nein, natürlich nicht. Wer Dummes tut, ist nicht notwendigerweise dumm. Oft ist ihm nur etwas Dummes eingeredet worden.

Euro-Banknoten machen impotent

Ähnlich wie die jährlichen Sommerloch-Berichte über das Loch-Ness-Monster gehört es schon fast zur Tradition, atemberaubende Lügengeschichten über die EU zu verbreiten. In Großbritannien scheint dieses Phänomen besonders ausgeprägt zu sein: Die Euro-Banknoten machen impotent, schrieben etwa The Sun und die Daily Mail. Experten bestätigen, dass Geldscheine prinzipiell nicht gesund sind – man sollte pro Tag nicht mehr als 2500 von ihnen essen, zumindest nicht über längere Zeiträume. Der übliche Umgang mit ihnen ist aber natürlich ungefährlich.

The Sun berichtete, dass die EU aus Lärmschutzgründen schottische Sackpfeifen verbieten möchte. Das ist natürlich Unsinn – allerdings gibt es in der EU ein Recht auf Lärmschutz am Arbeitsplatz. Ein professioneller Sackpfeifer kann daher von seinem Arbeitgeber nicht dazu gezwungen werden, länger als acht Stunden ohne Pause mit einer Lautstärke von durchschnittlich mehr als 87 Dezibel zu dudeln. Nach übertriebener Regulierungswut klingt das nicht.

Auch sogenannte „Qualitätszeitungen“ in Großbritannien kommen nicht ohne EU-Märchen aus: Der Sunday Telegraph schrieb, dass man aufgrund einer EU-Verordnung Haustiere nicht mehr begraben dürfe, ohne sie vorher bei 130 Grad im Druckkochtopf durchgedünstet zu haben. Muss man also nun in ganz Europa gesetzlich vorgeschriebenes Katzenragout kochen? Hier wurde eine Regel zum Umgang mit gefährlichem Material von BSE-Kühen fehlinterpretiert – mit Haustieren hatte diese Regel natürlich nichts zu tun.

Radikal fehlinterpretiert

Die Europäische Kommission hat sich die Mühe gemacht, hunderte solche Schauergeschichten aufzulisten und zu entkräften. Man sieht daran, wie solche EU-Märchen entstehen: Sie sind meist nicht völlig frei erfunden, es gibt einen echten Anlass, der dann aber so radikal fehlinterpretiert, verbogen und verzerrt wird, dass die Geschichte am Ende mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat.

Natürlich ist das kein rein britisches Phänomen. Wir alle kennen die Geschichte von der Gurkenkrümmungsverordnung: Mit enthusiastischer Empörung wird geschimpft, dass Brüsseler Bürokraten gekrümmte Gurken verboten haben. Vermutlich aus purer Langeweile, oder aus schlichter Bosheit! Tatsächlich gab es eine Verordnung über Gurkenkrümmungsradien, allerdings handelte es sich dabei bloß um eine Einteilung in Qualitätsklassen, die der Handel gefordert hatte, nicht die Brüsseler Bürokratie. In Österreich gab es schon lange vor dem EU-Beitritt Gurkenkrümmungsregeln. Die Europäische Kommission sprach sich nicht für, sondern gegen die Verordnung aus und setzte sie 2009 außer Kraft, obwohl einige Mitgliedsstaaten sie gerne behalten hätten. Noch skurriler ist der Mythos von der EU-Verordnung zur Einfuhr von Karamellbonbons, die angeblich 25.911 Wörter lang sein soll. Eine solche Verordnung gab es nie.

Demokratie braucht ethische Medien

Wenn man aber als Zeitungsleser über Jahre hinweg mit einer Mischung von Halbwahrheiten und sensationsgierigen Lügengeschichten konfrontiert wird, dann kann man sich wohl irgendwann kaum noch gegen das Gefühl wehren, die EU sei ein verrücktgewordener Haufen irrer Warenregulierer, Gurkenkrümmungsgegner und Dudelsackfeinde. Das hat nichts mit Dummheit zu tun, sondern mit einer Medienethik, die irgendwann mal ziemlich falsch abgebogen ist.

In einer Demokratie muss das Volk informiert Entscheidungen treffen. Das ist aber nur möglich, wenn es richtig informiert wird. Und dazu braucht man Medien mit hohen moralischen Ansprüchen an sich selbst. Fehler und Irrtümer können immer passieren, aber das Ausmaß an Fehlinformation, das im Vereinigten Königreich bei EU-Themen verbreitet wurde, macht jede rationale Diskussion unmöglich. Das lässt sich bis zum Brexit wohl nicht mehr umkehren. Wir können die Brexit-Tragödie nur als Warnung für die Zukunft verstehen, und selbst darauf achten, uns nicht von wahrheitsfernen Schauermärchen beeinflussen zu lassen. Medien, die uns Schauergeschichten einreden wollen, gibt es leider überall.

 

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarne