F-47, flankiert vom Eurofighter und der Rafale

F-47, flankiert vom Eurofighter und der Rafale

© US Air Force/Eurofighter/Aksveer/Wikimedia Commons

Militärtechnik

Warum der neue US-Superflieger F-47 europäische Kampfjets kopiert

„Die F-47 wird das beste, tödlichste Flugzeug sein, das jemals gebaut wurde“: Mit diesen Worten kündigte US-Präsident Donald Trump vor ein paar Tagen einen neuen Stealth-Fighter an, der von Boeing gebaut wird.

Jetzt, nachdem sich der erste Wirbel um den neuen Flieger gelegt hat, kommen zahlreiche Fragen auf. Für Luftfahrt-Interessierte sticht dabei eine besonders hervor: Wieso hat die F-47 Canards? Schließlich ist das ein Feature von europäischen Kampfjets und auch der chinesischen J-20 – und diese wurden bisher von US-Experten regelmäßig kleingeredet.

Das Enthüllungsbild der F-47

Das Enthüllungsbild der F-47

Europäische Entenflügler

Canards bezeichnet das Höhenleitwerk, wenn es sich vor den Tragflächen befindet. Flugzeuge mit Canards werden auf Deutsch auch Entenflugzeug oder Entenflügler genannt. In den USA waren Canards bei Kampfflugzeugen unbeliebt. Die schwedische Saab 37 Viggen war der erste Kampfjet mit Canards, der 1967 in Serienproduktion ging.

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Bei modernen Kampfjets sind die Canards beweglich und computergesteuert. Sie kippen automatisch auf und ab, wenn der Pilot Lenkbewegungen durchführt. Dadurch sind die Jets beweglicher und können steiler ansteigen.

Sie eignen sich dadurch besonders für den Luftkampf (Dogfights). Aktuelle Vertreter der europäischen Entenflügler sind die Dassault Rafale, der Eurofighter und die Saab Gripen.

Eurofighter mit gekippten Canards

Eurofighter mit gekippten Canards

In Russland wurde die Su-30 mit Canards eingeführt. China setzt bei der J-10 und seinem Stealth Fighter J-20 auf die Entenflügler-Bauweise.

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Canards sind für „feige Europäer“

Die gängige Meinung von US-Rüstungsexperten und Personen, die sich selbst zu solchen ernannt haben, war bisher: Canards sind für „Eurowussies“. Canards wirken sich potenziell negativ auf die maximale Reichweite aus – die die europäischen Länder ohnehin nicht brauchen, weil deren Streitkräfte auf die Landesverteidigung und nicht für offensive Aufgaben ausgelegt sind. Canards wurden daher von Amerikanern als Zeichen für Feigheit gewertet, während die USA mit ihren weitreichenden Kampfjets kein Problem haben, andere Länder anzugreifen.

➤ Mehr lesen: Frankreichs neuer Stealth-Fighter kopiert von russischer Su-57

Zudem herrscht die allgemeine Meinung, dass Canards schlecht für Stealth-Eigenschaften sind. Das ist prinzipiell plausibel. Jedes Teil, das vom Flugzeug ab- bzw. wegsteht, erhöht den Radarquerschnitt. Je größer der Radarquerschnitt, desto leichter kann das Flugzeug von der Luftabwehr erfasst und bekämpft werden.

Gerade von vorne würden Canards den Radarquerschnitt erhöhen, speziell, wenn sie bei Manövern steil kippen. Die Radarstrahlen haben dann eine große Fläche, auf die sie treffen und zurückgeworfen werden – die Flugzeuge sind so gut am Radar sichtbar. Da die USA lange Zeit die einzige Nation mit aktiven Stealth-Fightern waren, stand deshalb außer Frage, dass man ein Flugzeug mit Canards bauen sollte, um nicht die Luftüberlegenheit zu reduzieren, die Tarnkappenflugzeuge bieten.

Ein Saab Gripen im Flug

Ein Saab Gripen im Flug

Und dann kam die F-47…

Mit der Ankündigung der F-47 wurden 2 erste Renderbilder (künstlerische Darstellungen) des neuen Stealth-Fighters veröffentlicht. Auf dem Bild der Vorderansicht sind die Canards ganz deutlich zu erkennen. Auf dem zweiten Bild wurden „Wolken“ gemalt, die die Form und Länge der Canards verschleiern sollen. Aber da sind sie jedenfalls.

F-47 in "Wolken"

F-47 in "Wolken"

Sofern die USA nicht absichtlich ein irreführendes Design für die F-47 vorgestellt haben, hat der „tödlichste Jet aller Zeiten“ also Canards. Dass Boeing, der Hersteller der F-47, auf Canards setzt, überrascht viele. Im Nachhinein betrachtet ist das aber nicht gänzlich unerwartet.

Die F-47 ist das Resultat des NGAD-Projekts der US Air Force, um einen Nachfolger für die F-22 zu finden. Die US Navy hat ein eigenes NGAD-Projekt (auch als F/A-XX bekannt), um die F/A-18 zu ersetzen, für das noch kein Gewinner bekannt ist. Für die F/A-XX hat Boeing in der Vergangenheit einen Designvorschlag gezeigt, der der F-47 sehr ähnelt. Der dort gezeigte Stealth-Fighter hat ebenfalls eine schaufelartige Nase, Canards und kein Seitenleitwerk (Tailless). Nicht zu erkennen ist, ob bei diesem Konzept die Flügel und Canards ebenfalls den aggressiven Winkel nach oben haben, wie bei der F-47.

Boeing-Konzept der F/A-XX mit Wingman-Drohne

Boeing-Konzept der F/A-XX mit Wingman-Drohne

F-47 ist vermutlich kleiner als gedacht

Dass die F-47 Canards hat, weicht von der ursprünglichen NGAD-Idee der Air Force ab. Gesucht war ein Jet der 6. Generation, der für Stealth, Reichweite, Traglast und Geschwindigkeit optimiert ist – aber nicht Agilität. NGAD war gedacht, um Ziele in umkämpftem Luftraum anzugreifen. Das galt sowohl für Luft-, Land- als auch Seeziele. Der NGAD-Jet sollte damit nicht nur die Aufgaben eines Kampfflugzeugs, sondern, in kleinerem Rahmen, auch eines Stealth-Bombers erfüllen.

Kampfjet der 6. Generation

Derzeit hat noch keine Nation einen Kampfjet der 6. Generation in Dienst gestellt. Daher gibt es auch noch keine eindeutige Klassifizierung, was ein Kampfflugzeug zu einem Kampfjet der 6. Generation macht. Zu den derzeit noch lose definierten Fähigkeiten eines Gen-6-Fliegers gehören:

  • Tarnkappeneigenschaften und interner Waffenschacht
  • Für Luftkämpfe und Bodenangriffe geeignet
  • Geeignet für elektronische Kriegsführung
  • Erweiterte Datenübertragungsfähigkeiten für das vernetzte Schlachtfeld und Datenübertragung direkt zu Satelliten
  • Kann optional ferngesteuert und/oder teilautonom mittels KI agieren
  • Helm-Display ist mit Außenkameras verbunden, damit der Pilot „durch das Flugzeug“ durchschauen kann und so eine 360-Grad-Rundumsicht hat
  • Adaptives Triebwerk
  • Erweiterte Gegenmaßnahmen, wie Jammer, Infrarot-Blender und optional Energiewaffen – etwa um anfliegende Raketen per Laser zu zerstören

Die Canards deuten jetzt aber darauf hin, dass das nicht mehr der Fall ist und dass die Air Force womöglich vom ursprünglichen NGAD-Konzept Abstand genommen hat. Ein weiterer Hinweis darauf ist, dass die Air Force nach der F-47-Ankündigung gesagt hat, dass der neue Jet billiger sein soll als die F-22. Im Vorjahr hieß es noch, man müsse NGAD völlig überdenken, weil der geplante Jet 3-fach so teuer wie eine F-35 (80 bis 100 Millionen US-Dollar pro Stück) sei. Die Air Force gibt die Stückkosten einer F-22 mit 143 Millionen US-Dollar an.

➤ Mehr lesen: Stealth-Fighter ist viel zu teuer: Air Force setzt Rotstift bei NGAD an

Beides zusammen, also Fokus auf Agilität und Kostensparen, ist ein Hinweis darauf, dass die F-47 kompakter sein könnte als ursprünglich angenommen. Anhand der Anforderungen dachte man bisher, sie wird womöglich größer als die J-20 und Su-57 sein, die beide wiederum größer als die F-22 sind. Womöglich könnte die F-47 aber dieselbe Größe wie die F-22 haben oder eventuell sogar zwischen der F-22 und der kleineren F-35 liegen.

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Auslagern der NGAD-Fähigkeiten auf Drohnen

Kleiner heißt aber weniger Treibstoff und weniger Waffenlast, weil dies sonst die Reichweite noch stärker reduzieren würde. Und günstiger könnte auch bedeuten, dass ein paar der geplanten Fähigkeiten, die etwa Sensoren oder elektronische Kriegsführung betreffen, eingespart werden.

Hierfür hat die Air Force allerdings bereits einen Plan: CCA – Collaborative Combat Aircraft. Im Laufe des NGAD-Projekts wurde festgelegt, dass der neue Jet von Beginn an für die Zusammenarbeit mit unbemannten Kampfflugzeugen bzw. Luftkampf-Drohnen entwickelt werden soll. Passend dazu wurden Anfang März die ersten „Fighter Drones“ der Air Force vorgestellt: Die General Atomics YFQ-42A und die Anduril YFQ-44A.

YFQ-42A und YFQ-44A

YFQ-42A und YFQ-44A

Anstatt also große teure Stealth-Fighter zu bauen, die vollgestopft mit allen Technologien sind, wird lieber eine günstigere F-47 gebaut, die für den Luftkampf optimiert ist und günstigere Drohnen angeschafft, die einige der ursprünglichen NGAD-Aufgaben übernehmen. So könnte es künftig eigene Stealth-Drohnen für die Bekämpfung von Bodenzielen geben, die die F-47 begleiten und auf Befehl angreifen.

Andere Drohnen könnten weitreichende Luft-Luft-Raketen oder Antischiffsraketen tragen. Eigene Drohnen für die elektronische Kriegsführung sind ebenfalls denkbar. Die Crew bzw. der Pilot der F-47 nimmt dabei die Rolle des „Quarterbacks“ ein, der sein Drohnen-Team zum Einsatzgebiet bringt, die Angriffsbefehle gibt aber sich selbst soweit wie möglich zurückhält.

Ein Stealth-Tanker für den Stealth-Jet

Dieser Plan erfordert eine weitere Komponente. Denn selbst wenn die Drohnen als „Bomb-Bus“ dienen, also der F-47 Waffenlast abnehmen, ist die Reichweite des Jets womöglich immer noch zu gering. Daher wird die Luftbetankung essenziell sein.

Ein riesiges Tankflugzeug leuchtet am Radar aber wie der sprichwörtliche Weihnachtsbaum auf, wäre also ein gefundenes Fressen für feindliche Stealth-Fighter, oder Schiffe mit Luftabwehrraketen, die auf Patrouille sind. Hier kommt NGAS ins Spiel - Next Generation Aerial Refueling System. Das ist ebenfalls Teil des NGAD-Plans der Air Force und sieht ein Tankflugzeug mit Tarnkappeneigenschaften vor. Ein Auftrag dafür wurde noch nicht vergeben, Lockheed Martin hat in der Vergangenheit dazu ein Konzeptbild veröffentlicht.

➤ Mehr lesen: Neues Stealth-Tankflugzeug für die Air Force: Was bringt das überhaupt?

Stealth-Tankflugzeug mit F-35As

Stealth-Tankflugzeug mit F-35As

Wie war das nochmal mit Canards und Stealth?

Für eine agilere F-47, die immer noch die Aufgaben des NGAD-Programms erfüllen kann, gibt es also Workarounds. Aber wie sieht es mit den Stealth-Fähigkeiten aus, die ja deutlich schlechter sein sollen mit Canards? Verlieren die USA mit der F-47 ihren Tarnkappenvorsprung?

Prinzipiell kann man hinterfragen, ob Canards wirklich so schlecht für Stealth sind. Amerikaner haben jedenfalls die chinesische J-20 immer dafür belächelt, dass sie Canards hat und so getan, als hätte sie damit im Grunde gar keine Stealth-Eigenschaften. Lockheed Martin, der Hersteller der F-22 und F-35, sah das vor Jahren anders. Bei der Evaluierung für das JSF-Projekt, das später zur F-35 wurde, wurde die Sichtbarkeit (Signature) eines Tailless-Entenflüglers mit einem traditionellen Design mit Seitenleitwerk gleichgestellt.

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Boeing könnte bei der F-47 auf ein ähnliches Ergebnis gekommen sein. Wird das Seitenleitwerk eingespart, können Canards genutzt werden, ohne die Radarsignatur wesentlich zu vergrößern. Das gilt vorbehaltlich für einen normalen Flug, also ohne ruckartige Manöver, bei denen die Canards kippen und mehr Radarstrahlung reflektieren würden. Aber befindet sich die F-47 bereits im Luftkampf, die solche Ausweichmanöver erfordern, ist es ohnehin schon zu spät für Stealth.

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Very Low Observability

Zudem ist Stealth nicht mehr nur bloß Stealth. Very Low Observability (VLO) ist das Ziel auf den Schlachtfeldern der Zukunft. Dies umfasst nicht nur reguläres Radar, sondern Radar auf verschiedenen Frequenzbändern, die Hitzesignatur, ausgehende Funksignale und andere Faktoren. Gerade China zeigt mit verschiedenen Forschungsprojekten, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, Stealth-Fighter aufzuspüren, als bloß mit dem Radar.

Daher ist denkbar, dass die F-47 eine insgesamt bessere VLO hat als die F-22 und F-35, auch wenn sie durch die Canards einen größeren Radarquerschnitt in bestimmten Radar-Frequenzbändern hat. Abgesehen von der generellen Form des Flugzeugs, wird VLO auch durch spezielle Beschichtungen beeinflusst, die Radarstrahlen absorbieren, ob die Winkel der Canards denen der Flügel entsprechen, die Form der Lufteinlässe und der Düsen für das Triebwerk, die Verschlüsselung der Kommunikation, usw.

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F-47 soll noch vor Jänner 2029 abheben

Es ist spannend, wie weit die F-47 vom ursprünglichen NGAD-Konzept abweicht. Die meisten hatten mit einem großen Flugzeug im Stil der J-36 gerechnet. So wird im Internet derzeit ein noch geheimer Kampfjet von China genannt, der mittlerweile bei 2 Testflügen gesichtet wurde.

➤ Mehr lesen: Chinas mysteriöser Stealth-Jet J-36 wurde gesichtet

J-36

J-36

Auch, dass sich Boeing beim Design von europäischen Kampfjets inspirieren hat lassen, ist interessant, da diese zuvor belächelt wurden. Weil die F-47 die Canards aber anscheinend mit einem Tailless-Design verbindet, werden die USA das vermutlich als eine innovative, amerikanische Erfindung feiern.

Wie groß die F-47 wirklich ist und welche Fähigkeiten sie haben soll, wird man vermutlich erst in den nächsten Monaten erfahren – oder Jahren. Sie soll noch in Trumps aktueller Präsidentschaft „fliegen“, die bis Jänner 2029 dauert. Damit dürfte gemeint sein, dass eine Versuchsmaschine, die sehr nahe am Serienmodell ist, abheben wird – ähnlich, wie es jetzt beim Stealth-Bomber B-21 der Fall ist. Wann die reguläre Indienststellung der F-47 stattfinden soll, ist aus aktueller Sicht nicht absehbar.

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Gregor Gruber

Testet am liebsten Videospiele und Hardware, vom Kopfhörer über Smartphones und Kameras bis zum 8K-TV.

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Gregor Gruber

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