Meinung
17.10.2015

Das vernetzte Nachleben

Warum die Ewigkeit im Netz ziemlich kurz sein kann, Untote durch Facebook geistern und man sich um seine digitale Hinterlassenschaft kümmern sollte.

Vielleicht ist es das, was den Menschen vom Tier unterscheidet: der Wunsch, ewig zu leben. Auch im Internet bildet sich dieser Wunsch in immer neuen Formen ab. Anfang 2001 wurde ein Streit um eine Grabplatte auf dem Friedhof der katholischen Kirchengemeinde im nordrhein-westfälischen Gladbeck publik. Bernd Bruns, dessen Mutter 1993 gestorben war - in dem Jahr, in dem das Internet in der Weltöffentlichkeit erschien -, hatte neben einem Portraitfoto und einem aus Taube und Fisch gebildeten Symbol auch eine Netzadresse in den Stein gravieren lassen: www.Gertrud-Bruns.Friedort.de.

Die Friedhofsverwaltung forderte die Entfernung des Grabsteins, die „Werbung für das Internet“ sei nach der Friedhofssatzung von 1976 nicht zulässig. Nachdem Bruns rechtliche Schritte gegen die seiner Ansicht nach unangemessene Bevormundung angedroht hatte, gaben Friedhofsverwaltung und Kirchengemeinde nach. Ein paar Jahre lang wies der steinerne Link auf eine Gedenkseite. Doch die Ewigkeit im Netz kann recht kurz sein. Im Oktober 2012 wurde die Domain Friedort.de von dem Berliner Start-up Funus Online übernommen, einem Vergleichsportal für Bestattungsangebote. Die von Bernd Bruns in Stein geschriebene Adresse führt inzwischen auf eine leere, weisse Seite.

Open Friedhof: Links in die Unendlichkeit

Statt expliziter Links gibt es heutzutage elegantere wie auch dynamische Lösungen für Internet-Grabsteine, etwa QR-Codes, mit deren Hilfe sich Smartphones oder Tablets ins Internet führen lassen, oder Grabsteine mit eingebauten wetterfesten Flachbildschirmen, auf denen die visuellen Erinnerungen unmittelbar im Zugriff sind. Auf die Frage, ob ein Link auf einem Grabstein nicht die Abgeschlossenheit eines Friedhofs störe, entgegnet der QR-Code-fertigende Steinmetz Timothy Vincent aus Wetter im Ruhrgebiet, es stelle sich eher die Frage, warum ein Ort wie ein Friedhof abgeschlossen sein müsse. „Vielleicht ist diese Isolierung gerade der Grund für die fehlende Auseinandersetzung mit Endlichkeit und Tod in unserer Gesellschaft.“

Makabre Kontakte

Vor einiger Zeit bin ich auf Facebook wirklich erschrocken, als ich neue Nachrichten von jemandem zu lesen bekam, von dem ich wusste, dass er schon länger tot ist. Andere Nutzer berichten von Freundschaftsanfragen Verstorbener. Solche makabren Kontakte können durch Sicherheitslücken zustande kommen. Im Juni 2013 waren sechs Millionen Facebook-Nutzer davon betroffen, dass das System E-Mail-Adressen und Telefonnummern mit den falschen Personen teilte. Es kann auch sein, dass ein Nutzerkonto gehackt wurde oder Facebook eigene Aktivitäten ausspielt. Seit Februar 2015 können Facebooker selbst einen sogenannten Nachlasskontakt bestimmen – einen Angehörigen oder Freund, der einen Account nach dem Ableben weiterführen, Beiträge auf der Timeline hinterlassen und Freundschaftsanfragen beantworten darf.

Jemand ist gestorben: „Gefällt mir“?

Soziale Netze haben sich erst langsam mit dem Tod und dem virtuellen Fortleben als einer Option arrangiert. Die Schwierigkeiten mit dem vernetzten Nachleben beginnen manchmal schon in dem Moment, in dem man online vom Tod eines Menschen erfährt. Wie drückt man seine Anteilnahme aus, wenn einem Facebook dafür nur ein unpassendes „Gefällt mir“ anbietet? Auch die neuen Smileys, mit denen dem blanken „Like“ eine etwas größere Ausdrucksbreite verliehen werden soll, helfen da nicht wirklich weiter.

Nachdem immer öfter auf die Herausgabe von Passwörtern zu den Nutzerkonten Verstorbener geklagt worden war, wurden Reglements eingeführt. Bei Facebook gibt es, sofern man sich mit einem Dokument wie einer Sterbeurkunde legitimieren kann, neben der Löschung eines Kontos noch die Möglichkeit, die gesamte Chronik des Dahingegangenen in einen statischen Gedenkmodus versetzen zu lassen.

Sag zum Abschied leise Service

Inzwischen sind eine Reihe von Diensten entstanden, die einem das digitale Nachleben zu erleichtern versuchen. Der Kanadier Jeremy Toeman konnte die vielen E-Mail-Freunde seiner technikzugewandten Grossmutter, die mit 94 Jahren gestorben war, nicht verständigen, da es ihm nicht gelang, ihr Passwort in Erfahrung zu bringen. Also gründete er einen Dienst, der dieses Problem löst: Legacy Locker („Hinterlassenschafts-Sicherung“) ging Anfang 2011 an den Start, um bereits kurz danach mit dem Mitbewerber Password-Box zu fusionieren und Anfang 2014 von dem Chip-Hersteller Intel aufgekauft zu werden.

Andere Dienste ermöglichen es, Botschaften für Angehörige zu hinterlassen, die erst im Todesfall übermittelt werden. Eine neue Generation von Afterlife-Services wie Eterni.me (ein lautmalerisches Spiel mit Eternity) hat sich bereits vorgenommen, auch diese Art von Abschied überflüssig zu machen, um stattdessen die Kommunikation zwischen dem Toten und den Hinterbliebenen fortführen zu können. Möglich machen sollen das Avatare, die der Person des Verstorbenen mit Hilfe künstlicher Intelligenz nahekommen und lernen sollen, deren Charakterzüge etwa aus dem Sprachgebrauch von Tweets, Chat-Protokollen oder Facebook-Statusmeldungen wiederzuerschaffen.

Den Geist downloaden

In letzter Konsequenz läuft es auf die Vorstellung hinaus, man könne das menschliche Bewusstsein von aller Körperlichkeit losgelöst in einen Computer downloaden und wahre digitale Unsterblichkeit gewinnen. Schon 1957 beschrieb Stanislaw Lem in den „Sterntagebüchern“ eine Reise zum Planeten Enteropie, der von heftigen Meteoritenschauern heimgesucht wird und dessen Bewohner sich routinemässig kopieren lassen für den Fall, dass sie von einem Meteoriten erschlagen werden, was häufiger vorkommt.