Meinung
12.09.2015

Die Hyperbequemlichkeit

Werden wir durch digitale Annehmlichkeiten zum gepamperten Gehirn, das in der Internet-Nährlösung schwimmt?

Das Leben auf digitalem Weg in einen immer angenehmeren und bequemeren Fortlauf zu verwandeln, kann auch ins Gegenteil kippen. „Komfort kann eine Bedrohung des Geistes sein", sagte der französische Filmregisseur Bertrand Tavernier einmal. Tatsächlich werden wir gerade attackiert von etwas, das auf den ersten Blick ausgesprochen behaglich anmutet. Der digitale Wandel macht das Leben nach und nach nicht nur komfortabler (wenn man nicht gerade Lieferdienstbote oder „Picker“ in einem Logistikzentrum ist), sondern er versucht uns ganz in eine Sphäre potentieller Wunscherfüllung zu hüllen. Amazon will Bestellungen losschicken, die noch gar nicht aufgegeben wurden. Google-Produktchef Sundar Pichai zauberte neulich auf einer Entwicklerkonferenz ein ähnliches Kaninchen aus dem Hut: „Wir wollen dem Nutzer Informationen geben, bevor er überhaupt weiß, dass er diese benötigt.“

Auf Smartphones und Wearables erblühen Auskünfte

Bequemlichkeit - im Marketing vornehm Convenience genannt - soll eine neue Stufe erreichen. Dazu werden natürlich als erstes mehr Daten benötigt, wo man sich aufhält und wann, welche Musik und sonstige Kulturgüter man zu sich nimmt, undsoweiter. Die Assistenzerweiterung Google Now soll dann darauf zurückgreifen können – oder gleich Informationen liefern, ohne dass danach gefragt worden wäre. Rund um den Menschen herum erblühen auf Smartphones, Wearables und hingehaucht auf Laptop-Displays die Auskünfte.

In seinem Blog „Search Engine Land“ zeigt Danny Sullivan, wie diese Versuche derzeit noch ziemlich oft danebengehen. Größere Aufmerksamkeit erlangte eine Google-Direktantwort auf die Frage „Was ist mit den Dinosauriern passiert“, in der es hieß, Dinosaurier seien das Lieblingsbeispiel von Leuten, „die Kinder und Erwachsene zu indoktrinieren versuchen und ihnen die Idee eintrichtern wollen, es habe eine über Millionen Jahre verlaufende Evolution gegeben“. Und dass die Bibel das ganze glaubwürdiger erklären würde.

Wie eine Drohne, die jede wirklich neue Idee zu töten droht

Die Beispiele für ein digital convenientes Leben erinnern im übrigen oft an die Allmachtfantasien von Kindern, die sich über smartphonegesteuerte Jalousien freuen wie Schneekönige und, wenn sie ein wenig erwachsener sind, über Location Based Services, die einem nicht nur zuflüstern, wo man sein Auto geparkt hat, sondern auch gleich noch, wo man in der Gegend Milch kaufen kann. Und wie eine Drohne, die jede wirklich neue Idee zu töten droht, schwebt der ewige Kühlschrank, der sich die verbrauchte Milch selbst nachbestellen kann, über allem.

Erwähnt der Partner hinkünftig in eine Message, dass er vergessen habe, die Wäsche von der Wäscherei abzuholen, soll Google Now gleich einen Kalendereintrag vorschlagen und auf Wunsch auch gleich die Fahrtroute liefern. Kein Wunsch soll offen bleiben. Dabei gibt es, wie ein kluger Mensch einmal angemerkt hat, nichts Schlimmeres als einen erfüllten Wunsch.

Es war mir zu viel

Ich war mal in einem Hotel, von dem es heißt, dass es ein wirklich gutes Hotel sei. Es gibt eine eigens für das Hotel gedruckte Fernsehzeitschrift, die - für Menschen, die noch fernsehen - genau an dem Tag aufgeschlagen daliegt, an dem man eingecheckt hat. Geht man am Nachmittag aus dem Zimmer und kommt abends zurück, sind die Vorhänge zugezogen. Und dann war da etwas auf der Kippe. Ich hatte meine Reisetasche ausgepackt und sie auf einem Polstermöbel offen stehenlassen. Als ich wiederkam, war sie zugemacht, inklusive der kleinen Gurtschließe über dem Reißverschluß. Das war mir zuviel. Ich schwamm in einem Gefühl des Umsorgtseins, aber das war mir zuviel. Ich fühlte mich wie das Gehirn, das in der Nährlösung schwimmt.

„Nichts“, schrieb der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford, „kann die menschliche Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie die mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel. In der ganzen organischen Welt beruht Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme – nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten und Verzögerungen. Selbst bei den Ratten kommt vor der Paarung die Werbung.”

Das Marketing nickt.