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Meinung

Die Impfung ist keine Abschlussparty

„Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.“ So hören Märchen auf. Niemand grübelt, ob Prinz und Prinzessin später mit Eheproblemen zu kämpfen haben, weil der Prinz in der Midlife-Crisis unbedingt sein ganzes Geld für tiefergelegte Sportpferdekutschen ausgeben musste. Wir wissen: Die Geschichte ist an diesem Punkt zu Ende, alles ist gut. Für immer.

So ähnlich stellen sich viele Leute auch die Impfung gegen das neue Coronavirus vor: Ein kleiner Pieks in den Arm, und das ganze Corona-Drama ist vorbei. Wir dürfen in der Straßenbahn wieder hemmungslos herumhusten, bei der Chorprobe den anderen ins Ohr singen und am Abend Partys feiern.

Das ist zu kurz gedacht. Ja, es kann sein, dass eine richtig gute Impfung dazu führt, dass COVID-19 bald kein Problem mehr ist. Aber die Wahrheit ist: Wir wissen nicht, ob es tatsächlich so kommen wird.

Die Hälfte wird nicht reichen

Ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung müssen immun sein, damit wir alle Schutzmaßnahmen beenden können, ohne dass die Infektionszahlen wieder exponentiell steigen. Keine Impfung wirkt hundertprozentig, daher müssten deutlich mehr als zwei Drittel geimpft werden oder durch eine überstandene Krankheit immun geworden sein. Derzeit sieht es nicht so aus, als könnten wir solche Werte in absehbarer Zeit erreichen: Umfragen in Österreich und Deutschland ergaben, dass sich nur ungefähr die Hälfte der Bevölkerung gegen COVID-19 impfen lassen will. Die Regierung wäre damit zufrieden, sie gibt eine Impfquote von „über 50 %“ als Ziel vor.

Was würde das bedeuten? Es würde nicht reichen. Wenn die halbe Bevölkerung immun ist und wir zu unserem alten Lebensstil des Jahres 2019 zurückkehren, könnte es trotzdem wieder zu einem exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen kommen – nicht ganz mit derselben Wachstumsrate wie beim ersten Ausbruch der Pandemie im Frühling, aber mit derselben mathematischen Unaufhaltsamkeit.

Auch wenn die Hälfte der Bevölkerung durchgeimpft ist, können in der anderen Hälfte so viele Menschen erkranken, dass die Intensivstationen überlastet sind und das Gesundheitssystem zusammenbricht. Wir müssten also nach wie vor auf große Veranstaltungen verzichten und den mühsamen Tanz zwischen Maßnahmenverschärfungen und Lockerungen weitertanzen.

Dazu kommt, dass wir erst im Lauf der Zeit sehen werden, wie gut die Impfung tatsächlich wirkt – auch wenn es derzeit sehr gut aussieht. Wie lange wird man immun sein? Verhindert die Impfung nur den Ausbruch der Krankheit oder auch die Weitergabe? Das sind entscheidende Fragen, die wir derzeit noch nicht mit Sicherheit beantworten können.

Jeden Tag ein Coronatest?

Möglicherweise wird man zusätzlich auf Schnelltests setzen. Wenn es gelingt, billige, verlässliche Tests in gewaltigen Mengen zu produzieren, dann könnten sie in Zukunft vielleicht einfach zum Alltag gehören – beim Betreten des Restaurants, beim Kaufen der Kinokarte, beim Weg ins Büro. Wenn der Test positiv ist, muss man in Quarantäne, dafür hat man sonst ein einigermaßen normales Leben.

Auch wenn es schön wäre, mit wissenschaftlicher Sicherheit verkünden zu können: „Im Frühling kommt die Impfung, und danach leben wir glücklich bis ans Ende unserer Tage!“ – aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich das derzeit nicht sagen. Optimismus ist etwas Schönes. Aber unseren Verstand und eine gewisse gesunde Vorsicht werden wir sicher auch im Jahr 2021 dringend brauchen.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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