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Meinung
11/07/2020

Irgendwas ist immer

Ob beim Stimmenauszählen oder in der Wissenschaft: Fehler kommen vor. Daraus sollten wir keine Verschwörungstheorien ableiten.

von Florian Aigner

Ein Skandal! Welche dunklen Mächte treiben da ihr verderbliches Spiel? Bei der Auszählung der Präsidentschaftswahl im US-Bundesstaat Michigan ereignete sich Unglaubliches: Ganz plötzlich sprang die Zahl der Stimmen um 138.000 nach oben, und alle diese neuen Stimmen gingen an Joe Biden. Was war da passiert? Hatte jemand einen Lastwagen voller gefälschter Stimmen im Wahlbüro abgeladen? Da kann doch etwas nicht mit rechten Dingen zugehen!

Der republikanische Politiker Matt Mackowiak wies darauf hin, dass hier etwas falsch sein muss, und seine Meldung verbreitete sich rasch. „WAS IST HIER LOS?“, fragte kurz darauf Präsident Donald Trump höchstpersönlich auf Twitter, in zornigen Großbuchstaben.

Gar nichts war hier los. Es handelte sich um einen harmlosen Tippfehler in den vorläufigen, inoffiziellen Wahlergebnislisten. Jemand hatte versehentlich eine Null zu viel eingegeben. Der Irrtum flog rasch auf, weil der Bezirk gar nicht so viele Einwohner hat wie Biden-Stimmen gemeldet worden waren. Die Zahl wurde korrigiert, Matt Mackowiak war zufrieden, aber der Schaden war bereits angerichtet: Wenn eine Verschwörungstheorie erst mal in die Welt gesetzt ist, bekommt man sie nicht so leicht wieder weg. Bei vielen Leuten war durch diese dumme kleine Episode das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der großen wichtigen Wahl erschüttert worden.

Der Cocktailparty-Test

Was würde passieren, wenn man bei einer Cocktailparty zwei verschiedenen Leuten den Auftrag geben würde, das Durchschnittsalter aller anwesenden Personen auszurechnen? Sie würden ziemlich sicher nicht exakt auf dasselbe Ergebnis kommen. Vielleicht trägt einer irgendeine Zahl falsch in seine Tabelle ein, vielleicht rundet der eine auf ganze Jahre, der andere rechnet mit Monaten, vielleicht wird einer der Gäste nur einmal befragt und verlässt dann die Party.

Irgendwelche Ungereimtheiten gibt es immer. Nicht weil eine düstere Verschwörung im Gange ist, sondern weil sich das bei komplizierten Angelegenheiten kaum vermeiden lässt. Und wenn bei einer Wahl viele Millionen Stimmen ausgezählt werden, dann wird es ziemlich sicher Fehler geben. Das ist nicht erfreulich, aber es ist kein Grund zur Panik. Entscheidend ist, ob die Fehler am Ende eine Rolle spielen und ob sie korrigiert werden können. Es wäre falsch, deswegen sofort die Glaubwürdigkeit der Wahl insgesamt anzuzweifeln.

Eine Überraschung ist noch keine Widerlegung

In der Wissenschaft ist es genauso: Wer Experimente durchführt, bekommt nie perfekte Ergebnisse, die exakt so aussehen, wie die besten Theorien es vorhergesagt haben. Wir richten ein Teleskop in den Nachthimmel und stellen vielleicht fest, dass irgendein Lichtpünktchen etwas heller aussieht als erwartet. Was schließen wir daraus?

Wenn wir nun mit wütendem Zorn durch das Land ziehen und überall behaupten, die moderne Astronomie sei eine riesengroße Lüge, dann machen wir uns lächerlich. Vermutlich haben wir einfach einen kleinen Fehler gemacht, eventuell haben wir sogar etwas wirklich Interessantes entdeckt, aber die Grundprinzipien der Himmelsmechanik gelten nach wie vor, darauf können wir uns verlassen. Um unser Vertrauen in die moderne Naturwissenschaft zu erschüttern, bräuchte man bessere Belege.

Es ist gut, wachsam zu sein. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, wenn uns irgendetwas seltsam vorkommt. Aber wir sollten unsere Erkenntnisse zuerst sorgfältig prüfen, bevor wir sie für eine weltbewegende Neuigkeit halten – sonst landen wir rasch im Lager von Verschwörungstheoretikern und Lügengeschichtenerzählern. Und das müssen wir vermeiden.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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