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Meinung
10/10/2020

Der Zehn-Prozent-Mythos

Wir nützen nur zehn Prozent unseres Gehirns – diese Behauptung ist zwar völlig falsch, wird aber seit vielen Jahren hartnäckig weiterverbreitet.

von Florian Aigner

Fast jeder hat die Geschichte schon einmal gehört: Wie Albert Einstein bereits wusste, benutzen wir nur 10% unseres Gehirns. Kein Zweifel – ein spannender Gedanke. Das Problem ist nur: Er ist völlig falsch und Einstein hat das nie behauptet. Trotzdem wurde das zum beliebten Argument einer seltsamen Selbstoptimierungs-Industrie, die man kritisch sehen sollte.

Der Blick ins Gehirn

Man kann dem Gehirn heute mit modernen Geräten bei der Arbeit zusehen – etwa mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie: Besonders aktive Hirnareale werden stärker durchblutet als andere, und das kann man messen. So bekommt man ein hübsches buntes Bild, auf dem man sieht, welche Teile des Gehirns sich besonders anstrengen, wenn man etwa die Hand bewegt oder einen Sprachtest absolviert.

Das heißt aber nicht, dass währenddessen der Rest des Hirns völlig inaktiv ist. Und schon gar nicht, dass wir irgendwelche Regionen in unserem Hirn überhaupt nie benutzen. Gäbe es völlig unbenutzte Hirnareale, dann hätten Verletzungen dort keine Folgen. Das widerspricht aber unseren medizinischen Erfahrungen.

Na gut, dann wird eben jedes Hirnareal irgendwann verwendet. Aber vielleicht brauchen wir nur ganz bestimmte Zellen – und der große Rest bleibt unbenutzt? Nein, auch das ist unmöglich. So funktioniert unser Körper nicht. Das Gehirn braucht mehr Energie als jedes andere Organ, etwa ein Fünftel unseres Gesamtbedarfs. Wäre ein Teil davon nutzlos, hätte die Evolution diese Verschwendung längst abgestellt und die unnötigen Gehirnzellen verschwinden lassen. Außerdem kann man mit feinen Nadeln die Aktivität einzelner Zellen messen, dabei wären uns 90% inaktive Zellen längst aufgefallen.

Versteckte Superkräfte?

Es handelt sich also bei diesem 10%-Mythos um eine Behauptung ohne jede wissenschaftliche Basis. Trotzdem wird die Geschichte seit Jahrzehnten weitererzählt. Das liegt wohl an der Faszination des Gedankens, dass wir über ungeahntes geistiges Potenzial verfügen könnten, das sich durch irgendwelche Tricks entfesseln lässt. Liegen 90% unserer Fähigkeiten brach? Könnte jeder von uns ein Superheld sein, wenn er es schafft, sein ganzes Gehirn zu nutzen? Eine Reihe von Filmen spielt mit dieser These. Motivationsgurus und Mentaltrainer verwenden den 10%-Mythos um Geschäfte zu machen.

Eigentlich ist das eine ungeheuerliche Unfreundlichkeit: Man redet uns ein gewaltiges Defizit ein, das es in Wahrheit gar nicht gibt. Wir sollen uns angeblich dafür schämen, unser Potenzial nicht auszuschöpfen, wir sollen uns unwürdig und defekt fühlen und dann mit den Methoden eines ehrfurchteinflößenden Hirn-Gurus zur wahren Erleuchtung finden. Niemand braucht so etwas.

Egal wie schlau wir sind, egal wie schnell wir denken: Unser Gehirn ist etwas Großartiges. Wir können damit komplizierte Situationen einschätzen, fehlende Information plausibel ergänzen und auf Überraschungen reagieren – das fällt den besten Supercomputern schwer. Wir sollten stolz darauf sein anstatt uns von irgendjemandem 90% unseres grandiosen Denkorgans für unnütz erklären zu lassen.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen

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