Meinung
09/05/2015

Ein demokratisches Wagnis

Internet-Kommentare – mit ihrer Hilfe kann man wertvolle Aufmerksamkeit erzeugen oder sich grobe Missverständnisse einhandeln. Was tun mit Hass?

Hallo, ihr da unten – man will euch zum Schweigen bringen. In einem Kommentar zur Problematik von Online-Kommentaren plädierte der Kolumnist Martin Weigert jüngst dafür, Kommentare wieder abzuschaffen. Sie würden vor allem das Schlechte im Menschen hervorkehren und könnten sich auch noch negativ auf die journalistische Reputation auswirken. Man könne solche manchmal in Hasstiraden auslaufende Äußerungsabfolgen auch in Blogs ausquartieren. Mit Zensur oder einer Rosa Brille habe das nichts zu tun.

„Es ist zu kurz gedacht, dass Netzwerke Computer miteinander verbinden", bemerkte der Internet-Pionier David Clark bereits in den Achtzigerjahren. „Sie verbinden Menschen miteinander. Der große Erfolg des Internet liegt nicht im Technischen, sondern im Menschlichen begründet.“ Da liegen aber zugleich auch die Tücken.

Damals in seinen Anfangsjahren sollte das Internet nicht einfach nur eine neue Welt werden, sondern eine bessere Welt, getragen von Toleranz, Hilfsbereitschaft und maßvollem Umgang miteinander. Der Mensch jedoch, das wußte bereits Kurt Tucholsky, „hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören.“ Interessanter Weise findet Krach im Internet fast immer in stiller, schriftlicher Form statt – allerdings kann die emotionale Lautstärke die von herkömmlichen Konflikten deutlich übersteigen.

Diskussionsbeiträge im Netz neigen dazu, sich zu flammenden Missfallensbekundungen („flames“) zuzuspitzen. Online funktioniert die Selbstregulierung des Verhaltens nicht mehr so wie in der Körperwelt, wo man mit Mimik, Gesten und Tonfall über abgestufte Möglichkeiten der Konfliktsteuerung verfügt. Mancher wird online plötzlich ungebremst mitteilungsbedürftig, besserwisserisch oder patzig. Notorische Nervensägen, im Netz „Trolls“ genannt, können ganze Online-Gemeinschaften an den Rand des Wahnsinns treiben.

Das Internet ist ein demokratisches Wagnis. Erstmals in der Geschichte der Kommunikationsmedien können die Vielen zu den Vielen sprechen. Nun geht es um Fragen wie die, was eigentlich freie Meinungsäußerung bedeutet, wenn sie plötzlich tatsächlich stattfindet – nicht mehr nur handverlesen auf Leserbriefseiten oder in repräsentativen Debatten, an denen ein paar ausgewählte Talkgäste teilnehmen, sondern wenn plötzlich haufenweise drauflosgemeint wird. In Kommentarbereichen, Foren und Chats wird etwas erlebbar, das schön, aber auch schauerlich sein kann, nämlich die unrasierten und ungewaschenen Formen von Meinungsäußerung, die zuvor stumm geblieben sind. Durch die neue Kultur des Debattierens und Teilens ist das Meinen vitaler, aber auch wilder und unübersichtlicher geworden. An manchen Stellen ist es auch schlicht unzivilisiert.

Niemand sollte daran gehindert werden, an dieser chancenreichen friedlichen Revolution teilzunehmen, durch die das Internet seit zwei Jahrzehnten die Welt verändert. Wir nehmen teil an einem großen sozialen Experiment, zu dessen Nachteilen Sensationalisierung und eine kurze Aufmerksamkeitsspanne gehören; zugleich gibt es zwanglose, neue Formen der Gruppen- und Gemeinschaftsbildung, vor allem aber das Gefühl der aktiven Teilnahme, das den modernen Mediennutzer vom althergebrachten Medienkonsumenten unterscheidet. Überall versuchen Menschen zu lernen, wie man im Internet miteinander umgehen und zusammenleben kann. Denn die neuen „sozialen“ Medien sind nicht einfach nur Nachrichten-Umschlagplätze – wir leben heute in unseren Medien. Es sind Treffpunkte und Lebensräume geworden.

Wie kann man im Internet qualitativ hochwertige Debatten fördern? Die meisten professionellen Seitenbetreiber halten inzwischen Richtlinien für‘s Kommentieren bereit, die von Moderatoren umgesetzt werden. Manche Online-Publikationen lassen keine anonymen Kommentare mehr zu. Um sich mitzuteilen, muß man sich erst namentlich registrieren. Die Kunst besteht darin, die Qualität positiver Kommentare hervorzuheben. Dabei kann schon die Möglichkeit behilflich sein, einen Kommentar mit „gefällt mir“ zu markieren. Auch der Betreiber selbst kann bestimmte Kommentare hervorheben, indem er sie beispielsweise nicht mehr nur im „Kommentarkeller“ am Ende eines Artikels erscheinen läßt, sondern besonders gute Beiträge, sozusagen als gehobene Randbemerkungen, in den Artikel selbst hochholt.

Das Internet kann ziemlich anstrengend sein, aber ich finde, die Anstrengung lohnt sich. Es ist nach wie vor befriedigender, Verständigungsversuche zu unternehmen, als bloß herausfinden zu wollen, wie man eine Maschine richtig bedient.