Meinung
11.07.2015

Einen Roboter heiraten

Künstliche Intelligenz (KI) boomt. Zwischen Hollywood und der Realität gibt es allerdings noch einige Unterschiede.

Werden Computer die Menschheit abschaffen? Der amerikanische KI-Pionier Edward Feigenbaum malte sich in den Achtzigerjahren aus, wie in den Bibliotheken von Morgen die Bücher untereinander kommunizieren werden und dabei ihr Wissen selbständig vermehren. Kommentar seines Kollegen Marvin Minsky: „Vielleicht behalten sie uns als Haustiere.“ Minsky war 1956 Mitveranstalter einer legendären Konferenz am Dartmouth College in New Hampshire, auf der erstmals der Begriff artificial intelligence auftauchte – die Künstliche Intelligenz war geboren. Das zeitgleich beginnende Weltraumzeitalter führte zu einer rauschenden Begeisterung für Wissenschaft und Technik, die auch das neue Forschungsgebiet erfaßte. Die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz waren spektakulär. Schon bald sollten von den „Elektronengehirnen“ Probleme aller Art gelöst werden. Aber die meisten dieser Erwartungen wurden enttäuscht oder erst Jahrzehnte später eingelöst.

Wir werden unsere neuen Roboterkinder gern haben

Inzwischen befassen sich ganze Philosophien, die sich Posthumanismus oder Transhumanismus nennen, mit einer dem Menschen nachfolgenden, leistungsfähigeren Maschinenwelt. Sie gehen davon aus, dass der Homo Sapiens den Höhepunkt seiner biologischen Entwicklung erreicht hat und die Evolution von einer ultra-intelligenten Technologie fortgeführt werden wird. Auch der Robotiker Hans Moravec sieht intelligente Maschinen als unsere Nachkommen – aber „wir werden unsere neuen Roboterkinder gern haben, denn sie werden angenehmer sein als Menschen. Man muß ja nicht all die negativen menschlichen Eigenschaften, die es seit der Steinzeit gibt, in diese Maschinen einbauen.“ Aggressionen brauchte der Mensch früher, um zu überleben. In unseren zivilisierten Gesellschaften machen diese Instinkte keinen Sinn mehr, man kann sie einfach weglassen.

Der britische Autor David Levy ist der Meinung, dass auch einer Familiengründung aus Mensch und Maschine bald nichts mehr im Weg steht. In 50 Jahren, so Levy, wird es Roboter geben, die sich nicht mehr von Menschen unterscheiden lassen – und die Leute werden solche Roboter auch heiraten.

Eine Waschmaschine, die aussieht wie eine Sexbombe

Wollen wir das? In der Kurzgeschichte „Die Waschmaschinen-Tragödie“ hat der Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem die möglichen Folgen einer solchen Entwicklung am Beispiel des Konkurrenzkampfs zweier Waschmaschinenkonzerne beschrieben, die ihre Maschinen mit immer mehr Intelligenz ausstatten (die immer weniger mit Wäschewaschen zu tun hat), bis am Ende einer der Konzerne den Waschomat für Junggesellen baut, der aussieht wie eine blonde Sexbombe. Niemand weiß nun mehr genau, ob er an der Bar neben einer schönen Frau oder einer Waschmaschine sitzt.

Von den Forschern im Bereich der Künstlichen Intelligenz sind die wenigsten beunruhigt über eine machthungrige Superintelligenz. „Die ganze Community ist weit davon entfernt, irgend etwas zu entwickeln, das die Öffentlichkeit beunruhigen könnte“, beschwichtigt Dileep George, Mitgründer des KI-Unternehmens Vicarious. „Als Wissenschaftler sind wir verpflichtet, die Öffentlichkeit über den Unterschied zwischen Hollywood und der Realität aufzuklären.“

Bei Vicarious, das jüngst 50 Millionen Dollar unter anderem von Mark Zuckerberg und Jeff Bezos eingesammelt hat, arbeitet man an einem Algorithmus, der wie das Wahrnehmungssystem des menschlichen Gehirns funktionieren soll. Die vollmundige Ankündigung ist sicher auch ein wenig den Investoren geschuldet. Die größten Künstlichen Neuronalen Netze (KNN), die heute in Computern aufgefahren werden, haben rund eine Milliarde Querverbindungen – das Tausendfache dessen, was noch vor ein paar Jahren möglich war. Im Vergleich zum Gehirn ist das aber immer noch winzig: Es entspricht etwa einem Kubikmillimeter Hirngewebe. Computer sind noch sehr weit von tatsächlicher menschlicher Intelligenz entfernt.

Chinas Gehirn

Nichtsdestotrotz investieren digitale Großunternehmen wie Facebook, Google und Ama-zon ebenso wie Risikokapitalgeber Hunderte Millionen in die KI. Es geht um die Märkte der Zukunft. Die Unternehmen verfügen über immer riesigere Datenmengen („Big Data“), die Nutzer und Kunden hinterlassen, und sie möchten die in diesen Datengebirgen verborgenen Schätze heben

Allein im Silicon Valley liefern sich derzeit 170 Startups in dem Bereich einen harten Konkurrenzkampf. Und die Musik spielt nicht nur in Kalifornien. Anfang März kündigte Robin Li, der Chef der größten chinesischen Suchmaschine Baidu, ein Großprojekt unter dem Namen „ Chinas Gehirn" an, das die internationale KI-Forschung aufmischen will. Nun sollen chinesische Unternehmen und Universitäten mit staatlicher Förderung gemeinsam an zukunftsweisenden Technologien wie intelligenten Autos und Drohnen oder automatisierten medizinischen Diagnoseinstrumenten arbeiten. „Wenn man KI weiterentwickeln möchte“, sagt Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken, „braucht man viel Geld, Talent und Konsequenz. Alles das hat China.“