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Peter Glaser: Zukunftsreich Frühling auf Speed.

Foto: KURIER/Jeff Mangione
Es weht ein neuer Wind: Abgegrenzte Zeiträume lösen sich immer mehr auf in die Unaufhörlichkeit des digitalen Streams.

Im Mai 1958 war in Österreich digitaler Frühlingsbeginn. An der TU Wien wurde der erste Computer in Europa vorgestellt, in dem statt Elektronenröhren Transistoren zum Einsatz kamen. Die von einem Team um den Computerpionier Heinz Zemanek gebaute Maschine erhielt den jahreszeitenkompatiblen Namen „Mailüfterl“, zugleich eine Anspielung auf amerikanische Vorläufer wie „Whirlwind“ und „Taifun“.

(Der allererste volltransistorierte Computer, der 1955 am MIT entwickelte „Transistorized Experimental computer zero“, kurz TX-0, wurde übrigens, genau wie der österreichische Inbegriff für Klebeband, liebevoll Tixo gerufen).

Immer öfter gibt es alles immer

Inzwischen ist das scheinbar unerschütterliche Ordnungsgefüge der Jahreszeiten in Bewegung geraten, und damit verbunden ein wichtiges kulturelles Zeitmaß: die Saison. War frisches Obst, unabhängig von regionalen Erntezeiten, noch vor ein paar Jahren ein exotisches Luxusphänomen, ist es heute eine Selbstverständlichkeit geworden. Zunehmend globalisierte Transportstafetten lösen die Strukturen auf, die den Jahreslauf bislang in voneinander unterschiedene Phasen aufgeteilt haben. Früher gab es bestimmte Dinge zu bestimmten Zeiten. Inzwischen sorgt weltweite Mobilität dafür, dass es immer öfter alles immer gibt.

Die Konvergenz von Ostern und Weihnachten

Worüber man einst Witze gemacht hat, ist jetzt Realität. Gelegentlich kann man bereits Ende August die ersten Weihnachtsartikel in den Supermärkten sehen. Die Konvergenz von Osterhase und Weihnachtsmann hat ihr Inbild in dem unausrottbaren Gerücht gefunden, es gebe eine einheitliche Gussform für Schokohasen und Schokoweihnachtsmänner (Osterhasenohren = Weihnachtsmannmütze) und nur das bedruckte Silberpapier würde jeweils ausgetauscht.

Auf dem Weg zwischen Tagundnachtgleiche und Ostern spüren wir nun: Es weht ein neuer Wind. Die Saison, der abgegrenzte zeitliche Bereich, löst sich immer mehr auf im unaufhörlichen digitalen Stream. Was einst der Übergang von einem Zustand in den nächsten war, fließt jetzt fortwährend. Das macht sich nicht nur bei Erdbeeren oder Nachrichten bemerkbar, die mittlerweile permanent verfügbar sind. Auch Buchverlage, die bisher ein Frühjahrs- und ein Herbstprogramm vorgestellt haben, produzieren zunehmend zeitunabhängig, die Nachfolger von Harry Potter wissen längst, wie man man Magie betreibt – nämlich mit Computer und Internet.

Das rund um die Uhr geöffnete Netz

Motor dieser grenzüberfließenden jahreszeitlichen Beschleunigung ist das rund um die Uhr geöffnete Netz, das auch Arbeits- und Ladenschlusszeiten aufweicht. Online gibt es keine Sperrstunde und keinen Sendeschluss mehr. Der digitale Medienfluss ist zu einer neuen Umweltbedingung geworden; etwas, das überall und immer da ist.

Auch die Mode, Symbol schlechthin für den Saisonwechsel, muss zusehen, dass sie es in die neuen Strömungen der Zukunft schafft. Die Umschlaggeschwindigkeit dessen, was gefällt und was nicht, nimmt ständig zu. Klamottenketten wie Benetton, Zara oder Primark haben mit durchcomputerisierten Produktions- und Vertriebsmethoden den Zeittakt für Neues - den sogenannten „Trouser Cycle“ - auf wenige Wochen reduziert. Nicht mehr lang und man könnte Gefahr laufen, dass einem die soeben ausgewählten Kleider oder Schuhe auf dem Weg zur Kassa schon wieder aus der Mode geraten.

Die nächste Phase des Wandels

Beim Sortimentwechsel verschwinden auch erfolgreiche Artikel aus den Regalen. Die Kunden wissen: Wenn sie sich nicht beeilen, sind Sachen, die sie gern hätten, nicht mehr im Sortiment. Abwechslung ist der Schlüsselbegriff und Logistik heißt das Zauberwort. Und wenn Modegeschäfte alle paar Tage mit neuer Ware beliefert werden sollen, funktioniert das nur durch Rückgriffe auf regionale Hersteller, indem die Wege zwischen Produktion und Verkauf verkürzt werden. Nachdem Hersteller erst in Billiglohnländer ausgewichen sind, erweist sich in der nächsten Phase des wirtschaftlichen Wandels die Globalisierung manchmal schon wieder als Nachteil.

Ein wenig atemlos sind wir jetzt von der Geschwindigkeit, in der das Neue immer schneller neu sein muss. Eine Aufregung, ein Flimmern, ein Abenteuer glitzert durchs Netz. Was nicht mehr neu ist, hat gar keine Zeit mehr, alt zu werden. Einen frischen Frühling leisten wir uns aber nach wie vor.

(futurezone) Erstellt am 01.04.2017, 06:00

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