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Meinung
06/23/2019

Heiliger als die Wissenschaft erlaubt

Fundamentalistische Freikirchen gewinnen auch in Europa an Bedeutung. Wenn sich ein Parteichef live auf der Bühne segnen lässt, ist das ein Problem.

Verzückt recken tausende Menschen ihre Arme in die Höhe. Die Stimmung ist so mit heiligem Geist aufgeladen, dass man einen Engel fallen hören könnte. Beim spirituellen Massenevent „Awakening Europe“ hat man große Ziele: Europa soll zurückgewonnen werden, für Jesus. Und auf der Bühne steht Parteichef Sebastian Kurz und lässt sich öffentlich segnen.

Was nach harmloser Wahlkampfhilfe aussieht, hat einen problematischen Hintergrund: Eine Allianz evangelikaler Freikirchen versucht eine radikale Frömmigkeit wiederherzustellen, die längst überwunden schien und die mit wissenschaftlich-aufgeklärtem Denken nicht vereinbar ist.

Sag, wie hältst du’s mit der Wissenschaft?

Religion und Wissenschaft sind traditionell nicht die besten Freunde. Aber zumindest in Mitteleuropa hatte sich das Christentum mit dem aufgeklärten Denken einigermaßen arrangiert. Der katholischen Kirche brachte das Zweite Vatikanische Konzil einen Modernisierungsschub, und seither hat sich vieles verändert. Die Abstammung des Menschen von affenähnlichen Tieren wird akzeptiert, mit dem Urknall und der modernen Kosmologie hat man sich angefreundet, und sogar der kirchlich verurteilte Astronom Galileo Galilei wurde 1992 rehabilitiert – ein paar Jahrhunderte zu spät, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.

Natürlich soll man die katholische Kirche nach wie vor für hartnäckige Irrationalitäten kritisieren – etwa für ihr vollkommenes Versagen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau anzuerkennen. Doch das, was nun in Form evangelikaler Freikirchen von den USA nach Europa überschwappt, ist unvergleichlich viel konservativer, irrationaler und wissenschaftsfeindlicher.

Das entscheidende Werkzeug der akademisch betriebenen Theologie ist heute die „historisch-kritische Methode“: Man nimmt Aussagen aus der Bibel nicht naiv als pure Wahrheit hin, sondern interpretiert sie, indem man ihren historischen Kontext betrachtet. Geschichten aus einer Zeit, in der man nomadisierend durch die Wüste zog, in der Sklavenhaltung ganz normal war und in der man weder Elektrizität noch Evolution kannte, lassen sich eben nicht ungefiltert in unsere Zeit übertragen. Wissenschaftlich gesehen ist das eine kluge Sichtweise. Evangelikale Freikirchen lehnen diese Methode jedoch ab. Für viele von ihnen gilt die Bibel als reine Wahrheit – und wenn sie in Widerspruch zur Wissenschaft steht, dann hat die Wissenschaft eben Pech gehabt.

Gegen Wissenschaft und gegen Moral

Um das konsequent durchzuhalten, muss man sich die Wissenschaft schon ziemlich grob zurechtbiegen. Die Bibel sagt, dass die Sonne um die Erde kreist und dabei auch mal eine Weile stehenbleiben kann, dass der Himmel ein Gewölbe ist, das unendliche Wassermassen trägt, dass Hasen Wiederkäuer sind und Heuschrecken vier Beine haben. Maria kann als Jungfrau einen Sohn zur Welt bringen, und ein Toter, der nach vier Tagen schon etwas streng riecht, wird von Jesus mühelos ins Leben zurückgeholt.

Kein Wunder, dass Wunderheilungen auch zum klassischen Repertoire freikirchlicher Prediger gehören. Du kannst nicht gehen? Wirf deinen Stock fort und frohlocke! Der Herr hat dich geheilt, halleluja! (Wie es der Wundergeheilte später ohne Stock nach Hause schaffen soll, ist dann nicht mehr das Problem des Wunderheilers.)

Noch dramatischer sind die juristischen und moralischen Konsequenzen einer wörtlichen Bibelauslegung: Nach dem unveränderlichen Wort Gottes dürfen wir unsere Töchter in die Sklaverei verkaufen (Hurra! Ein völlig neuer Wirtschaftszweig tut sich auf!), wir sind verpflichtet, Menschen zu töten, die am Sabbat arbeiten (ganz bittere Zeiten für Öffi-Fahrer, Polizisten und Notfallmediziner stehen bevor), und wir dürfen keine Kleidung tragen, die aus zwei verschiedenen Stoffen gefertigt sind (darum trug Jesus wohl niemals Baumwollsocken mit Elasthan-Anteil).

Selbstverständlich gibt es niemanden auf der Welt, der tatsächlich nach diesem obskuren Regelwerk lebt. Umso befremdlicher ist es, wenn evangelikale Freikirchler die wörtliche Gültigkeit der Bibel betonen und die völlige Unterwerfung vor Gott fordern. Ganz besonders bedenklich wird diese Bewegung, wenn sie Allianzen mit dem rechtskonservativen Rand eingeht und vom „Verteidigen Europas“ vor einem angeblich übermächtigen Islam fantasiert.

Gefährlicher politischer Einfluss

Vor diesen radikalen Freikirchen, die Homosexualität als Sünde, Gleichberechtigung als Irrtum und göttliche Schöpfung als biologische Tatsache sehen, sollten wir uns in Acht nehmen – ganz besonders, wenn Politiker Allianzen mit ihnen schmieden und tausende Leute dabei jubeln.

Was passiert, wenn solche Kreise politischen Einfluss gewinnen, sehen wir etwa in Brasilien, wo evangelikale Freikirchen den extrem rechten Präsidenten Jair Bolsonaro unterstützen, oder auch in den USA, wo Freikirchen in vielen Bereichen Einfluss ausüben, von Abtreibungsverboten bis zu den Lehrplänen öffentlicher Schulen. Dem sollten wir in Europa Wissenschaft und Vernunft entgegenhalten.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.