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Meinung
05/26/2019

Zumindest an die Naturgesetze haben sie sich gehalten!

Ob in Österreich oder auf Ibiza, ob mit versteckter Kamera oder ohne: Es gibt im Leben eine Menge Regeln, an die man sich aus unterschiedlichen Gründen halten muss.

Wir wundern uns, was alles möglich ist. Das ist ganz normal. Jeden Tag testen wir neue Möglichkeiten aus. Wir wollen die Regeln unserer Welt verstehen, und wir wollen herausfinden, was passiert, wenn man sie bricht.

Beim Brechen von Regeln sind manche Leute radikaler als andere. Etwa die ersten Flugzeugkonstrukteure, die sich nicht an die Regel halten wollten, dass Menschen im Gegensatz zu Vögeln auf dem Boden bleiben müssen. Oder gewisse Spitzenpolitiker, die in vermeintlich unbeobachteten Momenten alle moralischen Regeln fallenlassen.

In sozialen Medien kann man derzeit nachlesen, dass manche Leute mit solchen Regelbrüchen erstaunlich großzügig umgehen: So lange keine strafrechtlichen Bestimmungen verletzt wurden, ist doch alles in Ordnung, heißt es dort. Man darf doch wohl unter Alkoholeinfluss auf Ibiza über Korruptionspläne schwadronieren. Strafbar wäre erst ihre Umsetzung!

Logischer Fehler

Das ist ein gefährliches Missverständnis. Wir kennen ganz unterschiedliche Arten von Gesetzen, etwa moralische Gesetze, juristische Gesetze oder auch Naturgesetze. Nur weil wir hier wie dort von „Gesetzen“ sprechen, bezeichnet der Begriff nicht überall dasselbe. Unterschiedliche Dinge gleichzusetzen, nur weil sie mit demselben Wort bezeichnet werden, ist ein logischer Fehler – man nennt das „Äquivokation“, den Fehlschluss der Doppeldeutigkeit.

Wer gerade mal knapp an der Übertretung eines Strafgesetzes vorbeischrammt, darf das selbstverständlich nicht als Argument verwenden, moralisch richtig gehandelt zu haben. Ein juristisches Argument für eine moralische Einschätzung zu nutzen, ist ein Kategorienfehler. Man kann ein katastrophal unmoralischer Mensch sein, während man sich brav an die Buchstaben des Gesetzes hält.

Nicht verboten, aber trotzdem übel

Nicht alles Böse, Falsche und Verwerfliche ist gesetzlich verboten. Und nicht alles gesetzlich Erlaubte ist gut, richtig und anständig. Das ist auch gut so. Gesetze sind nicht die Trennlinie zwischen moralischer Verfehlung und moralischem Wohlverhalten. Sie sind die Grenze zwischen dem, was staatlich sanktioniert wird, und dem, was der Staat gerade noch erlaubt. In einer liberalen Gesellschaft soll möglichst viel juristisch erlaubt sein. Das bedeutet aber nicht, dass wir auch die Grenzen des moralisch Akzeptablen möglichst weit nach außen schieben müssen.

Gerade von Politikern verlangen wir, dass sie sich an alle Arten von Gesetzen halten – an juristische, aber auch an moralische, und an die Naturgesetze sowieso. Zu behaupten, jemand habe moralisch einwandfrei gehandelt, weil er gar nicht gegen das Strafrecht verstoßen hat, ist genauso falsch, als hielte man ihn für einen guten Menschen, weil er nicht in Konflikt mit den Naturgesetzen geraten ist.

„Wählen Sie unseren Kandidaten! Er ist noch nie in die Vergangenheit gereist, er gehorcht der Energieerhaltung und hält sich auch auf der Autobahn an die Lichtgeschwindigkeit!“ Dafür darf man keine moralischen Pluspunkte erwarten. Und für das gerade-noch-Einhalten des Strafrechts auch nicht.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.