Great White Shark smile
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Gastkommentar

Klimaschützer mit Biss

Haie machen nicht nur die Seegras-Ökosysteme widerstandsfähiger. Sie können auch dazu beitragen, Kohlenstoff von der Meeresoberfläche zu binden und in der Tiefsee zu versenken

Weltweit sind die Haipopulationen rückläufig, schuld daran ist der Mensch. Eine Aufstockung ihrer Bestände könnte einen Dominoeffekt ins Rollen bringen, der Kohlenstoff bindet und die Ozeane widerstandsfähiger gegen die Klimakrise macht. Mindestens 28 Haiarten streifen durch die wogenden Seegraswiesen der australischen Shark Bay. Vor allem Tigerhaie sind häufige Gäste, denn sie lieben das Menü, das dort auf der Speisekarte steht: Die Seekühe, auch Dugongs genannt.

Und während unsere menschliche Vorstellungskraft - geprägt von berühmten Horrorfilmszenen mit endlosen scharfen Zahnreihen - beim Lesen dieser Zeilen vielleicht vorschnell Partei für die niedlichen kugeligen Seekühe gegen die bedrohlichen Jäger ergreifen möchte, so sind die Raubfische gerade wegen ihrer Vorliebe für Dugong-Snacks von entscheidender Bedeutung für die Gesundheit des marinen Ökosystems

Hirten der Seegraswiesen

Das liegt am Seegras. Rund 40 Kilo davon verdrückt ein Dugong pro Tag. Indem sie die Seekuhpopulation in Schach halten, tragen die Tigerhaie in der Shark Bay zum Gedeihen der Seegrasweiden bei und sind damit waschechte Klimaschützer: Eine blühende Seegraswiese speichert nämlich doppelt so viel CO2 pro Quadratkilometer wie ein Wald an Land.

Doch der Bestand an Tigerhaien ging an der australischen Nordostküste Schätzungen zufolge um mindestens 71 Prozent zurück. Der Grund dafür liegt hauptsächlich in Überfischung und im sogenannten Beifang. Der Verlust der Haie hat tragische Folgen: Wenn sie die Population der Seekühe nicht mehr in Schach halten, weiden diese das Seegras unkontrolliert ab, was wiederum bedeutet, dass weniger Kohlenstoff in den Unterwasserwäldern gebunden wird.

Zu sehen ist das bereits in Indonesien und der Karibik: Die schrumpfende Haipopulation führte dort zu so starker Überweidung durch Pflanzenfresser, dass manche Seegrasweiden bereits jetzt unwiederbringlich verloren sind. Der Verlust von Seegras bedeutet nicht nur, dass weniger Kohlenstoff absorbiert wird, sondern auch, dass der Lebensraum weniger gut gewappnet ist gegen extreme Wetterereignisse wie etwa Hitzewellen, die in Folge der Klimakrise auftreten.

Haie sind CO2-Speicher

Haie machen aber nicht nur die Seegras-Ökosysteme widerstandsfähiger. Sie können auch dazu beitragen, Kohlenstoff von der Meeresoberfläche zu binden und in der Tiefsee zu versenken. Dieses Phänomen ist vor allem bei Walen schon länger bekannt, aber es gibt neuere Forschungsergebnisse, die diese Funktion als Kohlenstoffsenke ebenso für Haie und andere große Fische wie Thunfische oder Schwertfischen nachweisen. Die bestehen zu rund 10 bis 15 Prozent aus Kohlenstoff. Wenn sie sterben und auf den Meeresboden sinken, wird dieser Kohlenstoff über Jahrtausende zum Großteil dort am Meeresgrund gebunden. Werden sie gefangen, so wird der schädliche Stoff freigegeben.

Fischereiboote produzieren also nicht nur durch ihren Treibstoff Schadstoffe, sondern der Fischfang setzt zusätzliches CO2 frei, das sonst in den Meeren bleiben würde. Fazit: Je mehr große Fische als schwimmende Kohlestoffspeicher im Ozean unterwegs sind, eines natürlichen Todes sterben und danach auf den Meeresboden sinken, desto weniger schädliches CO2 landet in der Atmosphäre.

Shoal of fish swims over seagrass on the Saya de Malha Bank

Haie halten also nicht nur als Jäger das Gleichgewicht in den empfindlichen marinen Ökosystemen aufrecht, sie sind auch Kohlestoffsenken und düngen darüber hinaus auch mit ihren Fäkalien die Unterwasserwälder. Gewichtige Argumente, die dafürsprechen, entschieden gegen ihre zügig voranschreitende Ausrottung zu kämpfen.

Der brutale Killer sind wir

Zwischen 63 und 273 Millionen Haie töten wir Menschen. Jährlich. Verlässliche Daten gibt es dazu nicht, es muss also angenommen werden, dass die Dunkelziffer sogar weitaus höher liegt. Zum Vergleich: Etwa 70 unprovozierte Haiangriffe finden im Durchschnitt weltweit pro Jahr statt, ein Bruchteil davon endet tödlich. Der Mensch erweist sich jedoch als brutaler Killer, denn eine besonders grausame Art der Haitötung ist das sogenannte Finning: Dabei werden den Tieren häufig bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten. Sie werden zu Haifischflossensuppe verarbeitet, die als teure Delikatesse gilt.

Das brutale Abtrennen der Flossen ist zwar seit 2013 in EU-Gewässern und an Bord von EU-Schiffen verboten, aber in der Praxis gehört die EU weiterhin zu den größten Exporteuren von Haiflossen. Erst wenn der Schutz von Haien sich nicht mehr nur nur auf den – kaum kontrollierten – Fang bezieht, sondern auch auf den Handel ausgeweitet wird, kann Finning effektiv bekämpft werden.

Petition unterzeichnen

Das fordert die EU-Bürger*inneninitative Stop Finning. Sie kann noch bis 31. Jänner unterzeichnet werden. Haie bevölkern diesen Planeten bereits seit über 450 Millionen Jahren. Die Petition zu unterstützen und damit ihr Aussterben zu verhindern, kostet uns gerade mal drei Minuten. Angesichts der Rolle, die Haie im Kampf gegen die Klimakrise ausfüllen, ist das auch für unsere eigene Spezies bestens investierte Lebenszeit.

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Tina Wirnsberger

Tina Wirnsberger ist Trainerin für nachhaltige Wirtschaft & Politik und Sozialpädagogin. Sie war bis Jänner 2019 Grüne Stadträtin für Umwelt und Frauen in Graz.

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