Meinung
04.09.2018

Menschenrassen gibt es nicht

Wer über die Reinheit menschlicher Rassen fantasiert, hat Biologie und Genetik nicht verstanden.

Es ist eine alte Vorstellung, die nicht totzukriegen ist: Die Menschheit lässt sich in drei bis fünf Rassen einteilen, sie bilden die großen Äste im menschlichen Stammbaum. In früheren Epochen lebten diese Rassen relativ getrennt voneinander, heute vermischen sie sich mehr und mehr. Fast alles an diesem Gedanken ist falsch.

Mit den Methoden der modernen Genetik lässt sich heute viel über unsere Abstammung herausfinden. Und dabei zeigt sich: Menschenrassen im biologischen Sinn gibt es nicht. Wer von reinrassigen Menschengruppen spricht oder über Kontamination des Genpools durch Zuwanderung spekuliert, liegt ähnlich radikal daneben wie jemand, der Kontakt mit feinstofflichen außerirdischen Einhörnern aufnehmen möchte.

Kultur – nicht Genetik

Natürlich sehen Menschen unterschiedlich aus. Wenn wir raten müssen, ob die Vorfahren bestimmter Personen aus Schweden, Ghana oder Vietnam stammen, erreichen wir durch bloßes Hinschauen zweifellos eine sehr hohe Trefferquote. Eigenschaften wie Hautfarbe, Haartyp oder Augenform haben natürlich mit DNA und mit Abstammung zu tun, daran besteht kein Zweifel. Aber reicht das aus, um Menschen aufgrund ihrer DNA in bestimmte Rassen-Kategorien einzuteilen?

Nein. Wenn wir, wie es seit Jahrhunderten gemacht wird, Menschen nach ihrer Hautfarbe in Rassen gruppieren, dann sind die genetischen Unterschiede innerhalb dieser Gruppen viel größer als die Unterschiede zwischen diesen Gruppen. Es gibt Menschen gleicher Rassenzuordnung, die sich genetisch stark voneinander unterscheiden, und Menschen unterschiedlicher Rassenzuordnung, die einander genetisch viel ähnlicher sind.

Gäbe es echte Menschenrassen, müsste man das statistisch nachweisen können: Es müsste dann für jede Rasse einen „DNA-Cluster“ geben, einen Bereich mit rassisch typischer DNA, der viele Leute recht genau entsprechen. Dazwischen dürfte es nur vergleichsweise wenige Menschen geben, die keiner Rasse eindeutig zugeordnet werden können. Aber so ist es nicht. Bei unserer genetischen Diversität handelt es sich um ein großes Kontinuum ohne erkennbare Grenzlinien.

Würden Außerirdische die Menschheit studieren, unser Aussehen analysieren und Genproben nehmen, kämen sie ganz sicher nicht auf Kategorien wie „schwarz“ „weiß“ oder „asiatisch“, die sich im Lauf der Jahrhunderte bei uns durchgesetzt haben. Bei diesen Definitionen handelt es sich einfach um willkürliche, kulturell geprägte Begriffe, die sich genetisch nicht begründen lassen.

Bei Schimpansen beispielsweise sieht die Sache anders aus: Sie kann man tatsächlich biologisch in verschiedene Subspezies einteilen. Zwar gehören sie alle zur selben Art (Schimpansen unterschiedlicher Rassen können also fortpflanzungsfähigen Nachwuchs zeugen), aber sie unterscheiden sich genetisch und stammen von unterschiedlichen Schimpansen-Populationen ab, die sich offenbar lange Zeit kaum vermischt haben.

Erstaunliche Verwandtschaftsverhältnisse

Seit die Menschheit existiert, gibt es Migration, und daher sind wir alle erstaunlich eng miteinander verwandt. Natürlich war es vor einigen Jahrhunderten noch nicht möglich, auf die andere Seite des Erdballs zu reisen und dort Kinder zu zeugen. Die meisten Menschen in der Geschichte sind ziemlich nah an ihrem Geburtsort gestorben. Aber auch wenn nur ein gewisser Anteil der Bevölkerung im Leben ein paar hundert Kilometer herumkommt, ergibt sich dadurch über ein paar hundert Generationen eine ziemlich gute Durchmischung der Gene.

Könnten wir alle unseren Stammbaum exakt zurückverfolgen, würden wir feststellen, dass wir alle erstaunlich eng miteinander verwandt sind. Wenn wir weit genug zurückgehen, finden wir irgendwann einen Vorfahren, der in ausnahmslos allen unseren Stammbäumen auftaucht – der „jüngste gemeinsame Vorfahre“ („most recent common ancestor“), von dem alle heute lebenden Menschen abstammen. Mit statistischen Modellen kann man abschätzen, wann dieser Mensch gelebt hat: Möglicherweise vor nur zwei bis dreitausend Jahren. Das ist auf evolutionsbiologischen Zeitskalen betrachtet lächerlich wenig.

Irgendwann, während die Bibel verfasst wurde, dürfte also ein Mensch gelebt haben, der in der Ahnengalerie jedes einzelnen heute lebenden Menschen auftaucht. Das ist erstaunlich: Den modernen Menschen gibt es schließlich schon seit hunderttausenden Jahren. Der Stammbaum der Spezies Mensch hätte sich in dieser Zeit in unterschiedliche Zweige aufspalten können – aber das ist nicht passiert.

Es kommt noch seltsamer: Wenn man vom jüngsten gemeinsamen Vorfahren noch weiter in die Vergangenheit zurückgeht, erreicht man irgendwann den „identical ancestors point“. Jeder Mensch, der damals gelebt hat, ist entweder ein Vorfahre von jedem einzelnen heute lebenden Menschen – oder Vorfahre von überhaupt niemandem, weil seine direkte Stammeslinie ausgestorben ist. Wenn man an diesen Zeitpunkt der Geschichte zurückblickt, haben wir also alle identische Vorfahren. Und auch dieser „identical ancestors point“ liegt in erstaunlich junger Vergangenheit – vor ungefähr 5.000 bis 10.000 Jahren.

Reine Rassen gab es nie

Was ist der Grund dafür, dass sich Menschen immer schon so intensiv durchmischt haben? Vielleicht unsere angeborene Neugier? Das ist wohl eine Frage, die naturwissenschaftlich nicht zu beantworten ist. Fest steht aber: Die Vorstellung reiner Rassen, die sich stammesgeschichtlich weit zurückverfolgen lassen, ist nicht haltbar. Es gab nie eine Zeit, in der unterschiedliche Menschenrassen sauber getrennt voneinander lebten. Die Menschheitsgeschichte ist ein turbulentes Hin und Her von Migrationsbewegungen, Durchmischungen und Trennungen.

Vielleicht kann man die genetischen Unterschiede zwischen Menschen mit dem Wetter vergleichen: Es mag schon sein, dass ganz Mitteleuropa gerade von einem Tiefdruckgebiet dominiert ist, während auf der iberischen Halbinsel die Sonne scheint. Aber es gibt keine scharfe Grenze dazwischen. Man kann nicht definieren, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Und es wäre ziemlich dumm zu glauben, dass es früher mal reines, eindeutiges Wetter mit scharfen Grenzen gegeben hat, die nun immer mehr verschwimmen, bis sich irgendwann ein weltweites Einheits-Mischwetter durchsetzt. Das Wetter ist ein ewiges Durcheinander. Der Stammbaum der Spezies Homo Sapiens ist es auch. Und das ist auch gut so.

Der Autor

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.