Brittany Kaiser am 4GameChangers Festival in Wien

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Netzpolitik

Brittany Kaiser: "Ich finde es gut, wenn Elon Musk Twitter übernimmt"

Brittany Kaiser war Direktorin bei der Datenanalysefirma Cambridge Analytica und hat als Whistleblowerin geholfen, den Missbrauch von Facebook-Nutzerdaten durch das Unternehmen aufzudecken. Heute betreibt sie eine Beratungsfirma für digitale Medienkompetenz. Vergangene Woche war sie am 4GameChangers-Festival zu Gast.

Es gibt kaum jemanden, der so genau weiß, wie wertvoll Daten sein können: Die Texanerin Brittany Kaiser hat drei Jahre lang bei Cambridge Analytica als Direktorin für Geschäftsentwicklung gearbeitet. Im Anschluss hat sie als Whistleblowerin dafür gesorgt, dass bekannt wurde, wie Daten von Facebook-Nutzer*innen missbraucht worden sind, um die Stimmabgaben bei der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 und beim Brexit-Referendum in Großbritannien zu manipulieren. Jetzt hat Kaiser ihre eigenen Beratungsfirmen für digitale Medienkompetenz und Blockchain-Technologien. Die futurezone hat sie am 4GameChangers-Festival zum Interview getroffen.

futurezone: Sie haben eine Organisation gegründet, die Menschen dabei helfen soll, sich vor Online-Datenmissbrauch zu schützen. Wie gelingt das?
Brittany Kaiser: Wir haben „Own your Data“ (deutsch: „Besitze deine Daten") gestartet, um sicherzustellen, dass jede Person Zugang zu digitaler Medienkompetenz erhält, die es möchte. Wir bieten Workshops und Vorträge an und haben zusammen mit Expert*innen und Uni-Professor*innen einen Lehrplan für digitale Bildung zusammengestellt. Menschen müssen den Umgang mit allem Digitalen lernen.

Was ist in dem Lehrplan alles enthalten?
Man lernt betrügerische E-Mails oder Fake News zu erkennen. Außerdem geben wir Hilfestellungen dabei, wie man seine mentale Gesundheit stärken kann, in dem man seine Social-Media-Streams bewusst managt und nicht alles, ungefiltert auf einen herein prasseln lässt. Es ist wichtig, dass wir alle ein sicheres, digitales Leben führen können und Technologie dabei nicht verteufelt wird.

Anhand Ihrer Informationen wurde bekannt, wie 2016 mit Social-Media-Daten Wahlen manipuliert werden konnten. Ist das noch immer möglich?
Ja, definitiv. Facebook hat die Probleme, die während der US-Wahl 2016 zu Manipulationen führten, noch nicht in den Griff bekommen. Rund die Hälfte der Accounts sind gefälscht. Trolle und Botfarmen, die teilweise von einer künstlichen Intelligenz (KI) betrieben werden, lenken Menschen nach wie vor gezielt zu Falschinformationen. Es ist sehr gefährlich, dass Plattformen wie Facebook nicht weltweit reguliert sind. Man kommt gegen die Millionen, die Facebook für Lobbyisten ausgibt, nicht an.

Der Cambridge-Analytica-Skandal

Cambridge Analytica war ein 2014 in Großbritannien gegründetes Datenanalyse-Unternehmen. Es musste  im Mai 2018 Insolvenz anmelden. Dank Whistleblowern kam ans Licht, wie  Cambridge Analytica  anhand von Facebookdaten Wahlen manipulierte.

Datenmissbrauch
Es wurde bekannt, dass  mit einer  wissenschaftlichen App unrechtmäßig persönliche Daten von zig Millionen Facebook-Nutzern beschafft worden waren. Darunter befanden sich Daten, die Nutzer standardmäßig mit den meisten Anwendungen von Drittanbietern auf Facebook geteilt haben: Angaben zu Likes, Aktivitäten und Kontakten sowie zur eigenen Soziodemografie und Identität.

Wahlmanipulation
Im Anschluss hat die Firma  Persönlichkeitsprofile der Nutzer erstellt. Das Ziel: Botschaften, die Donald Trump im US-Wahlkampf halfen, gezielt auf  kleine Zielgruppen zuzuspitzen. So wurden Nutzer gezielt manipuliert, indem sie den Eindruck bekamen, Trump würde sich für sie einsetzen.

Aus Ihrer Sicht halt sich also nichts geändert?
Es liegt nach wie vor vor allem bei jedem Einzelnen von uns, bessere Entscheidungen zu treffen und gewisse Plattformen nicht mehr zu nutzen. Es gibt immer mehr Online-Plattformen, bei denen Privatsphäre bereits der Standard ist. Diese sollten wir nutzen, anstatt Facebook.

Welche würden Sie da speziell empfehlen?
Die Suchmaschine Duck Duck Go empfehle ich statt der Google-Suche, den Messenger Signal empfehle ich statt WhatsApp.

Haben Sie selbst Facebook verlassen?
Ich wurde nie von der Plattform gekickt, obwohl ich eine Whistleblowerin geworden bin. Eine Zeit lang habe ich Facebook noch benutzt, um dort Inhalte zu teilen, um die Menschen aufzuklären. Allerdings habe ich gemerkt, dass es mir psychisch nicht gut tut und ich praktizieren muss, wovon ich rede. Ich habe mich jetzt sicher schon über ein Jahr nicht mehr eingeloggt, worauf ich sehr stolz bin.

Haben Sie schon von Mastodon gehört, einer dezentralen Twitter-Alternative aus Deutschland?
Nein, aber das klingt großartig! Ich werde mir die App gleich runterladen. Allerdings glaube ich, dass Twitter bald nicht mehr unser größtes Problem sein wird, im Gegensatz zu Facebook.

Sie spielen damit auf die geplante Übernahme durch Elon Musk an. Wie finden Sie diese?
Ich glaube, sie wäre großartig. Vorausgesetzt Elon Musk implementiert wirklich das, was er verspricht. Er hat erklärt, dass er von jedem einen Identitätscheck machen möchte. Jeder wird weiterhin einen Avatar und ein Pseudonym nutzen können, aber Twitter weiß dann, wer dahinter steckt. Damit könnte man alle Fake-Accounts und Bot-Farmen stoppen, und somit auch alle Kampagnen, die darauf abzielen, falsche Informationen zu verbreiten. Das ist ein Gamechanger. Außerdem hat Musk angekündigt, dass er den Algorithmus, der hinter Twitter steckt, offenlegen möchte, so dass man sehen kann, welche Daten verwendet werden, um Menschen gezielt zu adressieren. Wir könnten dann eine Crowdsourcing-Kampagne starten, um den Algorithmus zu verbessern.

In Europa gibt es mit dem Digital Services Act ein Gesetzesvorhaben, das die Offenlegung von Algorithmen gegenüber Forschenden vorsieht. Eine gute Sache?
Die Öffnung von Algorithmen für Forschende hilft rund um die Welt, rauszufinden, wo die Probleme der Plattformen wirklich liegen. So kann man sie verbessern, und Gerechtigkeit reinbringen, damit sie keine Genozide mehr auslösen können, oder Wahlen damit manipuliert werden können. Wenn Algorithmen nicht offengelegt werden, wird es stattdessen härtere Verbote geben müssen, wie etwa, dass Kinder von Algorithmen adressiert werden können. In den USA gibt es einen Gesetzesvorstoß in diese Richtung, wir werden sehen, was sich durchsetzt.

Brittany Kaiser war in Wien und sprach am 4GameChangeres Festival über OwnYourData

Sie haben neben Own Your Data auch noch ein Beratungsunternehmen für die Blockchain. Was machen Sie da genau? Ich habe eine High-Level-Beratungsfirma, die Regierungen bei der Implementierung von Blockchain-Richtlinien unterstützt sowie Unternehmen dabei, ihre Geschäftsmodelle rund um die Blockchain zu erweitern. Ich habe aber auch dabei mitgeholfen, Entwürfe für Gesetzestexte zu verfassen, so dass Firmen legal Blockchains betreiben können.

Wie geht die Blockchain mit Datenschutz überein, es ist dort ja alles transparent?
Blockchain ist die Technologie, die am meisten fortgeschritten ist und mit der man genau festlegen kann, wem Daten gehören. Alles wird transparent und rückverfolgbar. Das ist der Vorteil von dezentralen Technologien, die uns digitale Identitäten geben. Man weiß bei jeder Blockchain-Transaktion, wohin diese geht. Wenn Medien manchmal darüber schreiben, dass Kryptowährungen und Blockchain böse sind, weil sie für kriminelle Aktivitäten genutzt werden, kann ich nur erwidern, dass es zahlreiche Firmen gibt, die darauf spezialisiert sind, Blockchain-Netzwerke zu analysieren und so Kriminalität zu stoppen. Jeder, der die Blockchain für Verbrechen nutzt, kann erwischt werden. Man kann Kriminalität so sogar stoppen.

Keine weiß besser, wie viel Daten online wert sind als die Frau, die damit Wahlen manipuliert hatte, bevor sie Whistleblowerin wurde

Warum verwenden dann alle Ransomware-Gangs für ihre Erpressungsversuche Kryptowährungen?
Weil es einfach ist, jemanden zu so einer Transaktion zu zwingen. Aber man kann immer rausfinden, wohin das Geld transferiert wird. Erpresser können somit zwar nicht sofort gefangen werden, aber es könnte dazu führen, dass sie möglicherweise später ausgeforscht werden.

Facebook ist auch ins Metaverse eingestiegen - und hat sich mit Meta sogar umbenannt. Was für eine Chance sehen Sie für das Unternehmen im Metaverse?
Sie versuchen es, aber ich glaube nicht, dass sie erfolgreich sein werden. Wenn man sich populäre Metaverse-Plattformen ansieht wie Superworld, Decentraland oder Sandmouth, dann sieht man, dass bei den Transaktionen maximal 2,5 Prozent an Gebühren genommen werden. Das ist bereits einigen zu viel. Mark Zuckerbergs Metaverse hat eine Transaktionsgebühr von 47,5 Prozent. Wer wird für so eine Plattform Inhalte bereitstellen, das ist einfach viel weniger profitabel! Und wer nimmt bei so etwas fast die Hälfte?

Was für einen Ratschlag geben Sie als Blockchain-Beraterin am häufigsten?
Sich selbst weiterzubilden, was die Nutzung betrifft. Es gibt so viele Ressourcen zu dem Thema online. Am besten wäre, man kauft um 5 US-Dollar eine Kryptowährung, legt ein Wallet an, und schaut, wie das alles funktioniert. Das wäre viel sinnvoller, als den großen Plattformen seine Aufmerksamkeit in den Rachen zu werfen!

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Barbara Wimmer

shroombab

Preisgekrönte Journalistin, Autorin und Speakerin. Seit November 2010 bei der Kurier-Futurezone. Schreibt und spricht über Netzpolitik, Datenschutz, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Social Media, Digitales und alles, was (vermeintlich) smart ist.

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